Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Rhein-Neckar e.V.

"Geschichte scheint sich zu wiederholen"

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Die Lage an der Grenze zwischen der Ukraine und Russland spitzt sich täglich zu. Die Vorsitzende der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar befürchtet das Schlimmste.

In der Rhein-Neckar-Region leben laut der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar e.V. rund 300 Menschen, die aus der Ukraine stammen. Hauptaufgabe des Vereins: "Die Verbreitung von Informationen in der deutschen Bevölkerung zur ukrainischen Kultur und Geschichte sowie aktuellen Vorgängen in der Ukraine."

Maria Melnik aus Viernheim (Kreis Bergstraße) ist Vorsitzende des Vereins Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Rhein-Neckar.

SWR Aktuell: Wie mulmig ist Ihnen gerade mit Blick auf die Ukraine, also das Land, aus dem Ihre Eltern stammen?  

Maria Melnik: Die Lage, wie sie sich schon seit Wochen präsentiert, bedrückt mich wie viele unserer Mitglieder, Bekannte und Freunde sehr. Wir sind in einer großen Anspannung. Wir sind aber gedanklich schon viel weiter. Die ganze Situation erinnert uns an 2013/2014, als die Krim von Russland annektiert wurde, die Vorgänge auf dem Majdan, dann der begonnene Krieg durch Russland in der Ostukraine. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. 

Verwandte in der Ukraine "zum großen Teil ratlos"

SWR Aktuell: Inwiefern haben Sie denn aktuell Kontakt zu Verwandten und Freunden in der Ukraine? Wie geht es denen im Moment? 

Maria Melnik: Ein großer Teil meiner Bekannten und Verwandten dort ist gerade an Corona erkrankt. Bezüglich des Ukrainekonflikts wissen die wirklich nicht, was sie tun und wie sie sich verhalten sollen. Da wurde schon alles hin und her besprochen und man ist zum großen Teil auch ratlos. 

SWR Aktuell: Wie groß ist denn momentan der Gesprächsbedarf in der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft? Und wie kann der Verein da helfen? 

Maria Melnik: Wenn sich jemand direkt an mich wendet, bin ich natürlich für die Anliegen, Sorgen und Ängste da. Aber das passiert mehr in den Familien direkt und mit dem direkten Kontakt zu Familienangehörigen in der Ukraine. 

SWR Aktuell: Was hören Sie von Vereins-Mitgliedern im Moment? 

Maria Melnik: Im Moment herrscht da Funkstille.

Putin (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP | Mikhail Metzel)
Russlands Staatspräsident Wladimir Putin (69) picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP | Mikhail Metzel

"Keine große Chance, dass Putin Militärs abzieht"

SWR Aktuell: Wie groß ist denn Ihrer Meinung nach noch die Chance, dass Russlands Präsident Putin einlenkt und die Truppen an der Grenze zur Ukraine abzieht? 

Maria Melnik: Nach meiner ganz persönlichen Einschätzung sehe ich keine große Chance, dass Putin seine Militärs und Waffen abzieht. Im Süden sind russische Truppen schon seit 2014 stationiert. Durch die Annexion der Krim und im Osten dauert ja der Krieg mit Russland schon acht Jahre. Da stehen sie auch Gewehr bei Fuß. Wenn die Nato und der Westen auf Putins Forderung nicht eingeht - meine persönliche Einschätzung - wird Putin zur Gesichtswahrung nicht sagen können: "Ich habe es probiert, Pech gehabt, dann ziehe ich mich jetzt zurück." Das ist der Anlass, um anzugreifen. Die USA - was wir jetzt in den Nachrichten gehört haben - bereitet sich darauf (auf einen Einmarsch russischer Truppen) vor.

SWR Aktuell: Ist denn mit Ihren Verwandten und Freunden dort besprochen, was sie machen, wenn es soweit ist? Haben die irgendwie eine Chance, das Land zu verlassen und in Sicherheit zu kommen? 

Maria Melnik: Viele haben schon überlegt, so wie 2014, nach Polen zu gehen. Das wäre das nächstliegende. Meine Verwandten leben im Westen der Ukraine.  

Hilfe zur Selbstverteidigung "in Form von Defensiv-Waffen"

SWR Aktuell: Was wünschen Sie sich von der EU, von der deutschen Regierung, damit es nicht zum Einmarsch Russlands kommt? 

Maria Melnik: Da kann ich mich nur den Forderungen der ukrainischen Regierung und unseres Botschafters in Berlin anschließen: Das Land wird angegriffen und hat ein Recht zur Selbstverteidigung. Da braucht es Hilfe. In Form von Defensiv-Waffen, die Deutschland nicht liefern will. Sie sind bereit, Pflaster und Helme zu schicken, aber mehr nicht. Das sind meiner Einschätzung nach wirtschaftliche Interessen, die in Deutschland schon seit drei Jahrzehnten im Vordergrund stehen.

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