Flüchtingsärzte in Sinsheim (Foto: SWR)

Stadt will Versorgung von Flüchtlingen verbessern

Sinsheim sucht Ärzte mit russischen und ukrainischen Sprachkenntnissen

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Um die medizinische Versorgung der Kriegsflüchtlinge zu optimieren, sucht die Stadt Sinsheim (Rhein-Neckar-Kreis) Ärzte mit russischen oder ukrainischen Sprachkenntnissen. Und ist bereits fündig geworden.

In der Sinsheimer Gemeinschaftspraxis ABCDent behandelt Zahnarzt Kirill Fuchsmann gerade die neunjährige Jaroslava. Das Flüchtlingsmädchen hat starke Zahnschmerzen. Zum Glück spricht der Mediziner russisch und kann sich über die Mutter mit der Heranwachsenden verständigen. Jaroslava hat gerade schlimme Zeiten hinter sich. Erst die tagelange Flucht vor den Bomben in der Ukraine, die Angst um den Vater, den sie im Land zurücklassen musste und jetzt auch noch Zahnschmerzen! Für die Neunjährige ist das alles nur sehr schwer zu ertragen.

"In Notsituationen vergisst der Körper oft kleinere Wehwehchen. Kommt der Patient später zur Ruhe, sind die Schmerzen oft umso extremer."

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Im Nebenzimmer praktiziert Zahnarzt-Kollegin Galyna Stolz-Lugova. Sie stammt aus der ukrainischen Millionenmetropole Charkiw. Dass sich die Medizinerin mit den Flüchtlingen in ihrer Muttersprache unterhalten könne, sei ein Segen, sagt die Zahnärztin. Vor oder nach der Behandlung würden viele von ihren Erlebnissen, Sorgen und Problemen berichten. Auf Ukrainisch könne sie ihre Anteilnahme dann viel besser zum Ausdruck bringen. Vor allem aber helfe das Gespräch den Patienten bei der Genesung.

"Die Flüchtlinge können in ihrer Muttersprache besser kommunizieren, besser ihre Gefühle zeigen."

Für viele Flüchtlinge stellen Sprachbarrieren eine zusätzliche Belastung zu ihrer ohnehin schon komplizierten Lebenslage dar. Rasende Kopfschmerzen, aber keine Deutsch- oder Englischkenntnisse? Wie berichte ich in der Praxis von meinen gesundheitlichen Problemen, wie schildere ich dem Arzt meine Symptome? In Sinsheim sucht man nach einer pragmatischen Lösung und hat auf der Homepage der Stadt einen Aufruf gestartet. Mit Erfolg: Beim Krisenstab im Rathaus haben sich erste Ärzte mit russischen oder ukrainischen Sprachkenntnissen gemeldet. Einige stammen aus dem Osten und praktizieren seit vielen Jahren in Deutschland. Sie wollen unbedingt helfen.

Flüchtingsärzte in Sinsheim (Foto: SWR)
Internistin Marina Fuchsmann will digitale Sprechstunden für Flüchtlinge anbieten

Im Ärzte-Haus auf der Sinsheimer Hauptstraße betreut Medizinerin Marina Fuchsmann zwei geflüchtete Frauen. Die Internistin und Lungenfachärztin ist in Moldawien aufgewachsen und hat, wie die meisten Ukrainer auch, Russisch in der Schule gelernt. Die gemeinsame Sprache erleichtere gerade komplizierte Behandlungen, sagt sie. Die erfahrene Ärztin denkt aber auch schon ein paar Schritte weiter: Marina Fuchsmann plant, digitale Sprechstunden für Flüchtlinge anzubieten und andere Fachärzte wie Gynäkologen, Kardiologen und Neurologen mit ins Boot zu holen. Außerdem erwägt sie, ukrainische Ärztinnen oder Ärzte für muttersprachliche Beratungsangebote unter Vertrag zu nehmen.   

Sinsheimer Oberbürgermeister lobt großes Engagement

Ideen, die beim Sinsheimer Oberbürgermeister auf offene Ohren stoßen. Mit seinem Krisenstab ist Stadtchef Jörg Albrecht für jeden Lösungsansatz dankbar, der die medizinische Versorgung der Flüchtlinge verbessert.  

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