Schriftzug Langericht Heidelberg (Foto: dpa Bildfunk, Christine Cornelius)

Prozessauftakt am Heidelberger Landgericht

Explosionen bei Lidl und Wild: Mutmaßlicher Paketbomber bestreitet die Taten

STAND

Ein Mann aus Ulm hat bestritten, für Explosionen bei Lidl in Neckarsulm (Kreis Heilbronn) und den Wild-Werken in Eppelheim (Rhein-Neckar-Kreis) verantwortlich zu sein. Als Zeuge sagte ein Lagerlogistiker von Wild aus und beschrieb eindringlich seine Traumatisierung.

Zum Prozessauftakt wurde zunächst die Anklage verlesen. Angeklagt ist ein 66-Jähriger aus dem Raum Ulm wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, gefährlicher Körperverletzung und versuchter schwerer Körperverletzung. Bei der Paketbombenserie bei mehreren Lebensmittelunternehmen waren vier Menschen verletzt worden.

Erklärung: Angeklagter bestreitet die Taten

Vor Gericht wies er am Mittwoch die Vorwürfe in einer von ihm verlesenen Erklärung zurück. Der 66-Jährige sagte, er sei nicht der gesuchte Paketbomber. Und auch nicht derjenige, der mit FFP-Maske, Mütze, Brille und einem weißen Schal auf einem Überwachungsvideo einer Ulmer Postfiliale zu sehen ist. Zur Tatzeit sei er zu Hause gewesen.

"Ich bin nicht die von Ihnen gesuchte Person."

Ein von der Polizei herausgegebenes Video zeigt die Übergabe einer der Briefbomben in Ulm. (Foto: Screenshot: Polizei)
Ein von der Polizei herausgegebenes Video zeigt die Übergabe einer der Briefbomben in Ulm. Screenshot: Polizei

Steffen Lindberg, Anwalt des Angeklagten, äußerte sich in Heidelberg zur Schuldfrage seines Mandanten:

Zeuge berichtet von Traumatisierung

Als erster Zeuge sagte ein Mann aus Schwetzingen aus. Der 44-Jährige war derjenige, der als Lagerlogistiker das Paket bei Wild geöffnet hatte. Vor seiner Aussage weinte der Mann, als der Richter ihn nach diesem Tag fragte.

"Da war alles Rauch, alles schwarz. Ich habe sowas noch nie gesehen, außer im Fernsehen. Das war alles nicht einfach."

Nach dem Vorfall habe er leichte Schnittverletzungen im Gesicht und an den Händen erlitten. Außerdem ein Knalltrauma, Ohrenschmerzen und ihm sei oft schwindlig und übel geworden, dazu auch eine Panikattacke. Mittlerweile gehe es ihm besser. Seit Mitte Mai arbeite er wieder, jedoch habe er beim Schlafen noch Probleme.

"Ich schlafe im Wohnzimmer mit dem Fernseher an und die Kinder machen den dann aus, wenn ich eingeschlafen bin."

Sein Problem sei, dass er seit dem Vorfall nicht mehr alleine sein könne. Während dieser Aussage rührte sich der Angeklagte kaum, schaute vielmehr starr auf den Boden, vermied Augenkontakt.

Fotos aus dem Krankenhaus direkt nach dem Vorfall zeigen Wunden an Kopf und Händen. Fotos der Kriminaltechnik das teilweise zerfetzte Paket. Metallteile und Spülschwämme schauen heraus. Das Kartonteil mit dem Adressaufkleber habe man erst Tage später bei einer Nachuntersuchung gefunden, sagt ein Polizeibeamter als Zeuge aus. Die Verletzten aus der Lidl-Zentrale sind Nebenkläger im Prozess. Sie erschienen am Mittwoch nicht.

Presseandrang am Landgericht Heidelberg zum Prozessauftakt im Paketbomber-Prozess (Foto: SWR)
Presseandrang am Landgericht Heidelberg zum Prozessauftakt im Paketbomber-Prozess

Staatsanwaltschaft sieht Erpressungsmotiv

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft wollte der Angeklagte die Unternehmen erpressen. Klaus S. soll im Februar drei selbstgebaute Sprengsätze verschickt haben. Einer ging an die Zentrale des Discounters Lidl in Neckarsulm (Kreis Heilbronn), ein weiterer an die Wild-Werke in Eppelheim (Rhein-Neckar-Kreis). Eine dritte Paketbombe an den Babykosthersteller Hipp wurde in einem Paketverteilzentrum abgefangen und unschädlich gemacht.

Beim Getränkehersteller Wild in Eppelheim fragte die Polizei am 16. Februar auch nach früheren Drohungen, nach frustrierten und gefeuerten Mitarbeitern, erläuterte ein Beamter vor Gericht. Kein Zusammenhang. Einen Tag später kommt die Meldung über den Sprengsatz bei Lidl.

Heiße Spur mittels Sendungsnummern der Pakete

Da ahnen sie: Es handelt sich nicht um einen Einzelfall. Über Sendungsnummern gelangen die Ermittler an Fotos von den Paketen aus einem Verteilzentrum, wie einer von ihnen berichtet. Darauf zu sehen als Absender: Namen von Frauen, gut leserlich gedruckt. Doch die Genannten gibt es nicht. Die Adressen hingegen schon. Sie gehören den Angaben nach zu Studentenwohnheimen in Ulm, Augsburg und München.

Prozessauftakt am Heidelberger Landgericht im Paketbomber-Prozess (Foto: SWR)
Angeklagter zum Prozessauftakt am Landgericht Heidelberg

Drohungen gegen die Unternehmen gab es unmittelbar im Vorfeld der Paketbombenserie nicht. Wenige Tage nach dem Fund der dritten Paketbombe wurde der 66-Jährige von Spezialkräften festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Bei einer Durchsuchung seines Hauses hatten die Ermittler unter anderem Munition gefunden. Aber: laut der Verteidigung beim Prozessauftakt gebe es keine Spuren des Rentners an den Paketen selbst. Der Mann ist bislang noch nie polizeilich aufgefallen. Sein Lebenslauf wirkt unspektakulär.

Ein klassischer Indizien-Prozess?

Im Prozess wird die Staatsanwaltschaft also über Indizien versuchen, ihm die Taten nachzuweisen. Sie geht davon aus, dass der Mann die Bomben selbst gebaut hat und den Sprengstoff aus abgeschabten Köpfen von Streichhölzern gewonnen hat. Bis Mitte November sind zwölf Prozesstermine angesetzt. Bei einer Verurteilung droht dem Mann laut Staatsanwaltschaft eine langjährige Haftstrafe, möglicherweise bis zu 15 Jahren.

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