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Der Hygieneskandal am Uniklinikum Mannheim begann für die Öffentlichkeit im Jahr 2014 mit dem Verdacht, es könne Hygienemängel beim Operationsbesteck geben. Nun beginnt der Prozes. Eine Chronik.

März 2014

Schon vor dem Hygieneskandal gerät das Klinikum in die Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei ehemalige Ärzte des Uniklinikums Mannheim sowie einen Professor, der dort noch lehrt. Dabei geht es um Betrug und Untreue mit einem Gesamtschaden von rund 400.000 Euro. Der Landesrechnungshof kritisiert in diesem Zusammenhang die Verwaltungsstrukturen der Klinik.

Der Krankenhausbetrieb wird im Wesentlichen von der Stadt Mannheim finanziert. Der wissenschaftliche Zweig gehört zur Universität Heidelberg und wird damit vom Land bezahlt.

Mannheim

Hygieneskandal am Mannheimer Uniklinikum Prozessauftakt gegen ehemaligen Klinikums-Chef

Eine tote Fliege im sterilisierten OP-Besteck? Dieser Vorwurf war im Jahr 2014 der Anfang. Der Vorfall weitete sich zum Hygieneskandal am Uniklinikum Mannheim aus. Am Montag hat die gerichtliche Aufarbeitung begonnen.  mehr...

Oktober 2014

Die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren gegen das Mannheimer Klinikum wegen möglicher Verstöße gegen die Hygienevorschriften ein. Auslöser war eine anonyme Anzeige: Im Klinikum würden entgegen den Vorschriften nicht-sterile Instrumente verwendet. Am 1. Oktober durchsuchen Experten des Regierungspräsidiums Karlsruhe Räume der Orthopädie und der Unfallchirurgie sowie die Abteilung, in der Operationsbesteck sterilisiert wird. Dabei werden Mängel festgestellt. Die betreffenden Maschinen werden gestoppt.

Mitte Oktober 2014

Das Universitätsklinikum reduziert die Operationen. Es werden nur noch dringende Eingriffe vorgenommen. Der Betriebsrat fordert mehr und besser ausgebildetes Personal. Der Personalmangel sei die Hauptursache der Hygienemängel. Der Kostendruck sei enorm. Patienten seien wegen der Hygienemängel am OP-Besteck aber nicht zu Schaden gekommen, so der Betriebsratschef.

16. Oktober 2014

Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmt OP-Instrumente, die möglicherweise unzureichend sterilisiert sind. Der Klinikums-Geschäftsführer betont mehrfach, dass Patienten zu keiner Zeit gefährdet gewesen seien. Alle 20 Spezial-Spülmaschinen für OP-Besteck, deren Prüfplaketten abgelaufen waren, seien bis auf weiteres abgeschaltet. Außerdem werde Personal in der Sterilversorgungsabteilung nachgeschult.

20. Oktober 2014

Es entzündet sich ein Streit zwischen der Fakultät und dem Aufsichtsrat um die Führung des Uniklinikums. Die Verantwortlichen für den wissenschaftlichen Bereich werfen der Stadt Mannheim vor, zu stark am Personal zu sparen. Die Strukturen bei der Führung müssten geändert werden. Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD), der Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikums, sieht darin eine "verdeckte Attacke". An anderen vier Unikliniken des Landes Baden-Württemberg sind die Länder verantwortlich. Nur in Mannheim ist auch noch die Stadt Träger.

22. Oktober 2014

Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmt im Zusammenhang mit dem Hygieneskandal am Universitätsklinikum erneut Unterlagen. Dabei handelt es sich unter anderem um interne Anweisungen zum Umgang mit OP-Besteck oder um die Dokumentation der Gerätereinigung. An den Ermittlungen sind rund 70 Beamte des Regierungspräsidiums Karlsruhe sowie des Polizeipräsidiums Karlsruhe beteiligt.

Bei einer Sondersitzung des Aufsichtsrats reicht Geschäftsführer Alfred Dänzer seinen Rücktritt ein.

Der Hygieneskandal aus den Jahren 2007 bis 2014 wird jetzt gerichtlich aufgearbeitet (Foto: SWR)
Eingang des Uniklinikums Mannheim

November 2014

Die Klinik setzt eine Expertenkommission ein, die Empfehlungen erarbeiten soll. Ihr Bericht wird für April 2015 erwartet.

30. Januar 2015

Im Zuge des Hygieneskandals muss das Mannheimer Uniklinikum nach den Operationen nun auch Eingriffe wie Darmspiegelungen herunterfahren. Ein Grund ist, dass der Sterilgutversorgung noch ein spezielles Reinigungs- und Desinfektionsgerät fehlt.

Im Uniklinikum Mannheim geschieht das seit dem Hygieneskandal mit besonderer Sorgfalt. (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance / dpa -)
Unreines OP-Besteck wird zum Sterilisieren sortiert. picture-alliance / dpa -

20. Mai 2015

Es wird bekannt, dass es beim Mannheimer Uniklinikum offenbar schon vor Jahren Probleme mit der Hygiene gegeben hat - nicht erst seit Bekanntwerden des Klinikskandals. Das geht aus dem 50 Seiten starken Abschlussbericht der Expertenkommission hervor.

1. Juni 2015

Erneut gibt es am Klinikum Hygienemängel bei der Aufbereitung von OP-Besteck. Laut Regierungspräsidium Karlsruhe handelt es sich um schlecht gereinigte Fasszangen. Tage zuvor war deswegen der OP-Betrieb heruntergefahren worden.

17. Juli 2015

Das Mannheimer Klinikum meldet rund zehn Millionen Euro Verlust aus dem laufenden Betrieb des abgelaufenen Geschäftsjahres. Im Jahr davor hatte es noch einen Überschuss von 4,5 Millionen Euro gegeben. Grund waren nach Darstellung des Aufsichtsrats die Einnahmeausfälle durch den Hygieneskandal.

22. Dezember 2015

Im Universitätsklinikum Mannheim werden bis zum Ende des Jahres 2015 rund 1.600 Kinder geboren. Im Jahr 2014 waren es noch 100 mehr gewesen. Den Rückgang führt ein Sprecher des Uniklinikums auf die Verunsicherung durch den Hygieneskandal zurück.

02. Januar 2016

Das Uniklinikum Mannheim kämpft noch immer mit den Folgen des Hygieneskandals. Im Jahr 2015 fehlten rund 30 Millionen Euro in der Bilanz. Außerdem wurden 2015 rund 4.000 Patienten weniger als im Vorjahr am Klinikum aufgenommen.

06. April 2016

Das Universitätsklinikum Mannheim bestätigt Finanzierungsengpässe. Nach Angaben eines Sprechers sei das im Rahmen der Neustrukturierung keine Katastrophe. Das Finanzpolster des Klinikums sei aber, unter anderem wegen des Hygieneskandals, deutlich geschmolzen.

21. Februar 2017

Mitarbeiter des Mannheimer Uniklinikums sorgen sich, dass im Zuge der Restrukturierung "UMM 2020" Arbeitsplätze wegfallen könnten. In einer Mitarbeiterzeitschrift des Uniklinikums wird ein Personalabbau von etwa 180 Vollzeitstellen angedeutet.

27. Juli 2017

Das Klinikum kündigt an, dass es innerhalb von drei Jahren wieder jährlich einen Gewinn von 20 bis 25 Millionen Euro erwirtschaften will. Das sei das Ziel des Umstrukturierungsprozesses 2020. Unternehmensberater seien seit Monaten am Uniklinikum, um Einsparmöglichkeiten zu prüfen. Die Suche nach Einsparungen solle am Ende aber nicht zu Stellenkürzungen, beispielsweise in der Ärzteschaft, führen, so ein Sprecher.

23. November 2017

Das Mannheimer Klinikum ist auf finanzielle Unterstützung durch die Stadt Mannheim angewiesen. Zunächst wird öffentlich im Gemeinderat bekannt gegeben, dass die Stadt ab 2018 zehn Millionen Euro jährlich zuschießen muss. Später, im nichtöffentlichen Teil der Gemeinderatssitzung, heißt es dann, das Klinikum müsse 2018 und 2019 sogar mit 20 Millionen Euro unterstützt werden. Bereits zuvor hatte das Klinikum ein Bankdarlehen von 65 Millionen Euro aufnehmen müssen. Es sei davon auszugehen, dass das Klinikum ab 2021 wieder schwarze Zahlen schreibe.

4. Dezember 2017

Der Mannheimer Gemeinderat beschließt eine noch viel umfangreichere Geldspritze für das Uniklinikum. Inhalt des Rettungspakets: Für die kommenden beiden Jahre soll die Stadt dem Klinikum insgesamt 78 Millionen Euro bereitstellen: 32 Millionen gibt es sofort, dazu kommen bereits festgelegte 40 Millionen für die nächsten beiden Jahre, sowie sechs Millionen für den Erhalt der ambulanten Notfallversorgung. Dank guter Steuereinnahmen werde dieses Paket laut Stadtspitze aber kaum spürbare Folgen für die Stadtkasse haben.

19. Januar 2018

Die Staatsanwaltschaft Mannheim erhebt im Zusammenhang mit dem Hygieneskandal am Mannheimer Uniklinikum Anklage gegen den ehemaligen Klinikums-Geschäfstführer Alfred Dänzer. Der Vorwurf lautet Verdacht des Verstoßes gegen das Medizinproduktegesetz. Dem ehemaligen Geschäftsführer wird laut Staatsanwaltschaft vorgeworfen, im Hygieneskandal vor drei Jahren nichts unternommen zu haben, um die gesetzlichen Vorgaben für die Aufbereitung von OP-Besteck einzuhalten.

Ein weiterer Beschuldigter war deswegen 2017 vom Amtsgericht Mannheim rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Das Verfahren gegen vier weitere Beschuldigte wurde gegen Zahlung von Geldbußen eingestellt.

Prozess am Landgericht in Mannheim (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Picture Alliance

22. Januar 2021

Die Verhandlung vor dem Landgericht Mannheim beginnt. Angeklagt ist der mittlerweile 72-jährige frühere Geschäftsführer Alfred Dänzer. Es geht um Verstöße gegen das Medizinproduktegesetz. Der Vorwurf lautet: Er habe es zwischen 2007 und dem Spätherbst 2014 "vorsätzlich unterlassen", für genügend sterilisiertes OP-Besteck im Klinikum zu sorgen.

Mannheim

Hygieneskandal am Mannheimer Uniklinikum Prozessauftakt gegen ehemaligen Klinikums-Chef

Eine tote Fliege im sterilisierten OP-Besteck? Dieser Vorwurf war im Jahr 2014 der Anfang. Der Vorfall weitete sich zum Hygieneskandal am Uniklinikum Mannheim aus. Am Montag hat die gerichtliche Aufarbeitung begonnen.  mehr...

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