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Eine tote Fliege im sterilisierten OP-Besteck? Dieser Vorwurf war im Jahr 2014 der Anfang. Der Vorfall weitete sich zum Hygieneskandal am Uniklinikum Mannheim aus. Am Montag hat die gerichtliche Aufarbeitung begonnen.

Vor dem Landgericht Mannheim muss sich seit Montag der frühere Geschäftsführer des Klinikums, Alfred Dänzer, wegen möglicher Verstöße gegen das Medizinproduktegesetz verantworten. Der Vorwurf lautet: Er habe es zwischen 2007 und dem Spätherbst 2014 "vorsätzlich unterlassen", für genügend sterilisiertes OP-Besteck im Klinikum zu sorgen. Dafür droht dem heute 72-jährigen Angeklagten eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe.

Geschäftsführung laut Gericht juristisch verantwortlich

Zum Prozessauftakt am Montag betonte der Vorsitzende Richter die juristische Verantwortung Dänzers als Geschäftsführer. Er habe in seiner Funktion überprüfen müssen, ob die Richtlinien in der Praxis auch eingehalten würden. Dänzer selbst berief sich auf die komplexen Strukturen im Klinikum und betonte, er habe nicht alles wissen können, was dort auf der Arbeitsebene passiere oder eben nicht passiere, obwohl es angeordnet war.

Prozessauftakt gegen den ehemaligen Klinikums-Geschäftsführer Alfred Dänzer (Foto: SWR)
Prozessauftakt gegen den ehemaligen Klinikums-Geschäftsführer Alfred Dänzer (v.)

Oberstaatsanwalt: Viele Menschen gefährdet

Oberstaatsanwalt Peter Lintz führte aus, der Angeklagte habe durch seine Untätigkeit zwischen 2007 und dem Ausscheiden 2014 sehr viele Menschen gefährdet. Immerhin würden jährlich 18.000 Eingriffe an der Klinik vorgenommen.

Hygieneskandal: Fliege und Knochensplitter am OP-Besteck

Eine anonyme Anzeige war der Auslöser für die Ermittlungen. OP-Besteck sei mit einer Fliege und Knochensplittern verunreinigt gewesen. Das Regierungspräsidium stellte dann bei großangelegten Überprüfungen tatsächlich die mangelnde Sterilisierung von OP-Besteck fest - wie übrigens auch schon sieben Jahre zuvor. Das Uniklinikum Mannheim rutschte nach dem Hygieneskandal, der bundesweit Schlagzeilen machte, in finanzielle Schieflage.

Mannheim

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Uniklinikum Mannheim als Sonderkonstruktion

Alfred Dänzer war als Geschäftsführer der stadteigenen Klinikum Mannheim GmbH für die Finanzen und den Krankenhausbetrieb verantwortlich. Das Klinikum wird als einmalige Sonderkonstruktion in Baden-Württemberg von der Stadt Mannheim und dem Land Baden-Württemberg betrieben und finanziert. Die Stadt ist im Kern für den reinen Krankenhausbetrieb zuständig. Der eher wissenschaftliche Bereich der medizinischen Fakultät gehört zur Uni Heidelberg und wird damit vom Land finanziert.

Hat das Klinikum zu viel gespart?

Alfred Dänzer war vorgeworfen worden, zu sehr zu sparen – an Material und Personal. Tatsächlich machte das Klinikum in seiner Dienstzeit Gewinn. Der Hygieneskandal traf das Klinikum hart, auch wegen fortgesetzter Berichterstattung in den Medien, vor allem im "Spiegel" und in Zeitungen der WAZ-Gruppe. Dort waren immer wieder Einzelheiten zu Hygiene-Problemen zu lesen, die anonym weitergegeben worden waren.

Im Uniklinikum Mannheim geschieht das seit dem Hygieneskandal mit besonderer Sorgfalt. (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance / dpa -)
Unreines OP-Besteck wird zum Sterilisieren sortiert. picture-alliance / dpa -

Auch andere Kliniken betroffen

Probleme mit der Sterilisation gab es in diesen Jahren auch am Uniklinikum Heidelberg und an den Paracelsus-Kliniken Karlsruhe, sowie an anderen Kliniken in Deutschland, allerdings weitgehend ohne große mediale Aufmerksamkeit.

Uniklinikum Mannheim machte hohe Verluste

Das Uniklinikum Mannheim erlitt durch den Hygieneskandal einen massiven Reputationsverlust. Die Patientenzahlen sanken, es gab weniger Geburten. Das und die hohen Kosten der Umstrukturierung, unter anderem des Hygienebereichs, führten zu finanziellen Verlusten - die Stadt Mannheim musste als Träger über Jahre hohe Millionensummen zuschießen.

"Der Zusammenhang zwischen Infektionen, die bei Patienten aufgetreten waren, und der Verwendung von möglicherweise nicht ordnungsgemäß aufbereiteten Instrumenten kann nicht mit der im Strafrecht erforderlichen Wahrscheinlichkeit belegt werden."

Staatsanwaltschaft Mannheim

Kein Zusammenhang zwischen Infektionen und Verschmutzung nachgewiesen

Dass Menschen durch die unzureichend sterilisierten OP-Bestecke gefährdet wurden, bestritt die Klinik-Geschäftsführung stets. Auch die Staatsanwaltschaft hatte ermittelt, dass ein Zusammenhang zwischen Infektionen, die bei Patienten aufgetreten waren, und der Verwendung von möglicherweise nicht ordnungsgemäß aufbereiteten Instrumenten "nicht mit der im Strafrecht erforderlichen Wahrscheinlichkeit belegt werden kann".

Die Anklage lautet denn auch nicht auf fahrlässige Körperverletzung, sondern es geht nur um einen Verstoß gegen das Medizinproduktegesetz. Das regelt die sachgemäße Anwendung von Medizinprodukten. Es sind zunächst zehn Verhandlungstage angesetzt.

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