Landgericht und Amtsgericht Heidelberg (Foto: SWR)

Staatsanwaltschaft hatte auf Haftstrafe plädiert

Paketbomben-Prozess Heidelberg: Angeklagter freigesprochen

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Ein 66jähriger Ulmer ist vor dem Landgericht Heidelberg im sogenannten Paketbombenprozess freigesprochen worden. Der Mann reagierte erleichtert auf das Urteil.

Der Mann muss laut dem Urteil lediglich eine Geldstrafe von 1.800 Euro wegen unerlaubten Waffenbesitzes zahlen. Er hatte dem Gericht zufolge illegal alte Bundeswehrmunition gelagert. Zudem sprach das Gericht dem 66-Jährigen aus dem Raum Ulm eine Entschädigung zu. Ihm sei "ein Stein vom Herzen gefallen", so der Angeklagte nach seinem Freispruch. Der Mann hatte seit Prozessbeginn seine Unschuld beteuert.

Richter: "Unbefriedigendes Ergebnis" für Opfer und Öffentlichkeit

In der Urteilsbegründung erklärte der Vorsitzende Richter, das Ergebnis des Prozesses sei unbefriedigend für die Opfer, die so mit der Tat nicht abschließen könnten. Auch für die Öffentlichkeit sei es unbefriedigend, da der wahre Täter noch unentdeckt sei.

Gericht hatte Zweifel an Schuld des Mannes - "in dubio pro reo"

Das Gericht hatte am Ende des Prozesses und nach Prüfung aller Indizien Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Die Beweise hätten nicht ausgereicht. Der Grundsatz "in dubio pro reo" (Im Zweifel für den Angeklagten) habe angewandt werden müssen, so der Richter. Das Gericht sei "nicht von der Unschuld überzeugt", halte "die Täterschaft des Mannes aber für unwahrscheinlich". Die Aufnahme einer Überwachungskamera in einer Postfiliale sei in dem Verfahren ein starkes Indiz gewesen. Aber vieles spreche dafür, dass der Täter eher größer als der Angeklagte sei.

Paketbombenprozess: Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert

Die beiden Verteidiger hatten am Mittwoch auf Freispruch plädiert, weil der Rentner nach einem anthropologischen Gutachten mit höchster Wahrscheinlichkeit gar nicht der gesuchte Mann sei. Sie machten in ihrem Plädoyer den Ermittlungsbehörden schwere Vorwürfe. "Sie haben hier wirklich den Falschen erwischt", sagte einer der beiden Verteidiger am Mittwoch im Heidelberger Landgericht. Die Staatsanwaltschaft habe sich "völlig verrannt und den Boden der Objektivität verloren."

Staatsanwalt hatte viereinhalb Jahre Haft für Angeklagten gefordert

Die Staatsanwaltschaft ging dagegen von der Schuld des Angeklagten aus und hatte auf viereinhalb Jahre Haft für den Mann plädiert. Staatsanwalt Lars-Jörgen Geburtig wollte am Freitag zunächst nicht ausschließen, gegen das Urteil Revision einzulegen: "Das werden wir noch überlegen", sagte er. Der Anklage-Vorwurf lautete auf das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, außerdem gefährliche Körperverletzung und versuchte schwere Körperverletzung.

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Dem angeklagten Rentner wurde vorgeworfen, im Februar dieses Jahres drei selbstgebaute Sprengsätze verschickt zu haben, von denen einer beim Getränkehersteller Wild in Eppelheim (Rhein-Neckar-Kreis) explodierte. Eine zweite Paketbombe zündete im Postzentrum von Lidl in Neckarsulm. Dabei wurden vier Menschen verletzt. Eine dritte Bombe an den Kindernahrungshersteller Hipp im bayerischen Oberpfaffenhofen konnte im Paketzentrum am Münchner Flughafen abgefangen werden. Mit den Paketbomben habe der Mann, so die Staatsanwaltschaft, Geld von den Firmen erzwingen wollen.

Angeklagten auf freien Fuß gesetzt, kein dringender Tatverdacht

Der Angeklagte wurde im Verlauf des Prozesses entlastet. Da gegen ihn kein dringender Tatverdacht mehr bestand, wurde er zudem vorläufig auf freien Fuß gesetzt.

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