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Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Wirtschaft schwer getroffen, sondern auch die Kultur-Szene. Der Musiker Sven Wittmann aus Wiesloch zum Beispiel bekommt die Auswirkungen der Pandemie mit voller Wucht zu spüren.

Sven Wittmann ist seit vielen Jahren auf den Bühnen in der Rhein-Neckar-Region unterwegs. Ganz egal ob als Solo-Künstler oder zusammen mit seiner Band "Ortsteilcombo" - er liebt es einfach, Musik zu machen. Doch seit Beginn der Corona-Pandemie ist nichts mehr so wie es mal war.

Über sein Leben während der Corona-Pandemie hat Sven Wittmann in folgendem SWR-Interview Auskunft gegeben:

Ihr letzter Auftritt war vor einigen Tagen im Tierpark in Rauenberg - natürlich mit Corona-Abstandsregeln für die Zuschauer, und am besten mit vorheriger Reservierung und Anmeldung. Fühlt sich das für Sie noch wie Rock’n’Roll an?

Sven Wittmann: Naja, Rock’n’Roll ist anders. Aber wir müssen die Situation so annehmen, wie sie ist. Die meisten meiner Kollegen haben eine Flaute und wir spielen jetzt, sofern es möglich ist, die Locations, die uns spielen lassen und in denen die Corona-Regeln eingehalten werden können.

Wer hat denn da alles zugehört?

Oh, vor allem waren die Gänse gegenüber und die Esel sehr angetan… (lacht). Es waren alle Tische in dem Biergarten besetzt. Ich schätze mal, es waren so zwischen 60 und 70 Zuschauer.

Wie hoch war die Gage für Sie?

Gagen gibt es gerade überhaupt nicht. Wir haben den Hut rum gehen lassen und da war auch etwas drin. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Das heißt aber wahrscheinlich, dass das nur die Fahrtkosten abgedeckt hat...

Wie mans nimmt. Also, es war schon was drin. Wenn ich es aber damit vergleiche, was ich normalerweise um diese Jahreszeit verdiene, dann ist es natürlich lächerlich.

Das heißt, Sie können im Moment von den Auftritten eigentlich nicht leben.

Nein, natürlich nicht.

Vorher konnten Sie das aber?

Ja.

Wie und womit verdienen Sie sich denn zurzeit Ihr Geld, um z. B. die Miete zu bezahlen und die Alltags-Fixkosten abzudecken?

Ich habe das Glück, dass ich neben meiner aktiven Tätigkeit auf der Bühne andere Menschen an meinem Instrument, der Gitarre, unterrichten kann. Nachdem die Corona-Krise ausgebrochen ist, war sehr schnell klar, dass das weiterhin möglich sein wird. Sowohl auf den Online-Plattformen über Skype, als auch in reduzierter Weise im direkten persönlichen Kontakt. Da ist mir erst einmal ein Stein vom Herzen gefallen.

Als die Corona-Krise los ging, war erst Mal nicht klar, wie das mit der Live-Musik und mit dem Unterricht weitergeht. Und wenn man dann vor der Situation steht, keine Einnahmen mehr zu haben, dann ist man unter Umständen schlecht drauf und so ist es mir auch gegangen. Das war am Anfang nicht schön. Meine Familie hat meine üblen Launen ganz schön ertragen müssen. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie mich wieder aufgebaut hat. Letztlich war ich froh, dass ich weiter unterrichten durfte. So konnte ich wenigstens aktiv sein und etwas von dem, was in mir steckt, weitergeben, wenn ich schon nicht auf der Bühne stehen kann.

Wie haben Sie sich selbst geholfen, um nicht ganz in Depressionen zu versinken?

Allein die Tatsache, dass man sich mit seinem Instrument beschäftigt, hilft schon. Und wenn man schon keine Muße hat, weil die Situation extrem bedrückend ist, dann kann man sich auch im Rahmen eines Unterrichts mit seinen Schülern ziemlich motivieren. Das war es, was mich hochgezogen hat: Dass das, was ich anbieten kann, gebraucht wird. Dass ich auch alle meine Schüler behalten konnte. Dass wir weitermachen konnten, das war gut.

Haben Sie Corona-Hilfe von Stadt, Land, Bund beantragt? Wenn ja, wie viel war das?

Die kleinste Summe, die man beantragen konnte, war 3.000 Euro. Die habe ich bekommen und das hat mir über die erste Zeit geholfen. Aber die erste Zeit ist mittlerweile vorbei. Im Prinzip lebe ich jetzt von meinen Ersparnissen. Ich würde mich freuen, wenn der Staat noch ein bisschen was für meine Zunft tun könnte.

Sie konnten vor Corona von Ihrer Musik und Ihren Auftritten leben. Wie sah dieses Leben aus – gerade auch im Kontrast zu dem, was Sie jetzt machen?

Ich unterrichte mein Instrument Gitarre und dann organisiere ich Auftritte, Konzerte. Ich hatte eine Zeit lang eine Konzertreihe im Alten E-Werk in Neckargemünd "The Playground Live Experience". Die gibt es zwar nicht mehr, aber ich spiele dort immer noch ab und zu. Ich spiele von Zeit zu Zeit mein eigenes Programm bei kleinen Gelegenheiten, bei kleineren Konzerten. Ich spiele mit meiner Band "Ortsteilcombo" kleinere Konzerte und diverse Festivitäten öffentlicher oder privater Art. Da kommt schon etwas zusammen. Da hat man über das Jahr schon etwas zu tun – vor allem in der wärmeren Jahreszeit.

Sie sind nicht nur ein Cover-Künstler, sondern Sie produzieren auch eigene Musik?

Ja, ich habe bisher diverse Tonträger veröffentlicht und vertreibe die auch über meine Homepage im Shop.

Das jüngste Werk, 2015 entstanden, heißt "Songs & Lyrics". Sind das alles Eigenkompositionen?

Ja.

Sven Wittmann Ortsteilcombo Corona-Aktion Weiße Flotte (Foto: Sven Wittmann)
Sven Wittmann

Wie geht es denn Ihren Mit-Musikern bei der "Ortsteilcombo"? Wie kommen die denn klar in der Corona-Zeit?

Meine Kollegen haben den Vorteil, dass sie noch einen anderen Job haben, mit dem sie Geld verdienen. Von daher sind die abgesichert. Ich bin der einzige in der Band, der davon lebt.

Haben Ihre Mitmusiker Sie auch mal zur Seite genommen und gesagt: "Sven, such‘ Dir vielleicht einfach jetzt einen Job, mit dem Du ein regelmäßiges Einkommen hast!"?

Also, das Thema "sich einen Job suchen" steht immer im Hintergrund in meinem Business. Man kann ja nie darauf setzen, dass das ewig gut geht. Wir merken es ja gerade. Dadurch, dass das aber meine Leidenschaft ist und ich in den letzten zehn Jahren wirklich gut davon leben und mir auch ein paar Ersparnisse zurück legen konnte, will ich dieses Thema jetzt erst einmal zur Seite schieben. Natürlich besteht die Möglichkeit, dieses ganze Künstlertum wieder aufzugeben, aber das wäre natürlich schade.

Wie erhalten Sie sich denn Ihren Idealismus?

Ich ziehe meine Energie definitiv aus der direkten Interaktion mit Menschen – ohne irgendein elektronisches Medium dazwischen. Ich hoffe sehr, dass es bald möglich sein wird, wieder häufiger den direkten Kontakt zu Menschen zu haben. Dass es in irgendeiner Form wieder möglich sein wird, ist das, was mich positiv stimmt. Wie das genau sein wird, oder ob es genau so wird, wie es vorher war, weiß ich nicht. Ich vermute es mal nicht. Aber allein mein letzter Auftritt in Rauenberg hat mir sehr, sehr gut getan. Allein aufgrund der Tatsache, dass ich vor Menschen spielen konnte und mit denen direkte Interaktionen hatte. Das war wunderbar.

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