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Weinprinzessin zu werden war ihr Kindheitstraum, aber es war ein langer und schwieriger Weg - damals war sie nämlich körperlich noch ein Junge. Und auch die Corona-Krise hat Simona Maier vor große Aufgaben gestellt.

Holger Neumann: Als Badische Weinprinzessin hat man im Normalfall einen übervollen Terminkalender. Aber wir wissen es alle: Normal ist in diesen Zeiten von Corona überhaupt nichts. Wie stark hat Sie diese Pandemie persönlich getroffen?

Simona Maier: Schon sehr stark. Weil die ganzen Weinfeste oder auch die Kerben, die jetzt wären, abgesagt wurden. Es waren dann eigentlich fast gar keine Termine mehr. Wenn, dann war es vielleicht noch eine Online-Weinprobe. Das kam am Anfang ganz gut an. Aber das hat natürlich irgendwann den Charme verloren. Dadurch, dass uns sozusagen durch Corona die Bühne genommen wurde, fehlt uns das einfach. Es macht uns ein bisschen traurig. Es war klar eine große Enttäuschung. Aber das Wichtigste ist, glaube ich, unsere Gesundheit. Dann muss man auch mal ein Stück zurücktreten.

In Frankreich, habe ich gelesen, haben die Menschen in der Corona-Pandemie massenweise ihre Weinvorräte aufgestockt und richtig gehortet. Macht sich denn dieser Effekt auch bei Ihnen in der Branche jetzt bemerkbar? Merken auch Sie zumindest als einen positiven Effekt möglicherweise eine gesteigerte Nachfrage?

Leider nicht. Es ist so, dass es Statistiken darüber gab, dass auch jetzt in Deutschland während der Pandemie-Zeit mehr Alkohol konsumiert wurde. Was man in der Statistik nicht erwähnt hat, ist, dass die ganze Gastronomie keinen Alkohol und keinen Wein ausgeschenkt hat. Somit wurde eigentlich nicht mehr Wein getrunken, sondern es ist eigentlich eher gleich geblieben. Nur der Verbraucher hat mehr im Lebensmitteleinzelhandel Wein gekauft. Da ging es auch leider eher um das niedrigere Preissegment. Das hat uns als Weingüter, auch mich mit meiner kleinen Weinmanufaktur dann schon stark getroffen.

Machen Sie sich große Sorgen um die Zukunft?

Ja schon. Also im Moment geht es noch. Im Moment ist es noch auszuhalten. Dadurch, dass die Ware, die ich produziert habe, schon vorfinanziert war. Dadurch, dass ich das sozusagen alles abbezahlen konnte. Denn es ist auch immer eine Riesen-Investition: Man muss die Flaschen kaufen, man braucht die Verschlüsse, man braucht die Etiketten. Dann natürlich den Inhalt in der Flasche. Das muss ja alles vorfinanziert sein. Zum Glück konnte ich das noch aus eigenen Mitteln stemmen, so dass ich jetzt keine Schulden machen musste. Aber das Weinlager ist noch relativ voll. Der neue Jahrgang kommt. Es ist eigentlich ein schöner Jahrgang. Den ersten Lockdown haben wir überlebt. Ein zweiter Lockdown, glaube ich, würde dann auch meine Existenz sehr stark bedrohen. So geht es auch vielen anderen kleinen familiengeführten Weingütern, die eben nicht im großen Lebensmitteleinzelhandel präsent sind.

Simona Maier (Foto: Simona Maier)
Simona Maier

Sie haben da wahrscheinlich auch keine Alternative dazu? Denn das ist ja, denke ich, Ihr Lebenswerk?

Ja, es ist auf jeden Fall der Beruf, der mir am meisten Spaß macht. Sonst hätte ich mich, glaube ich, nicht dazu entschlossen, Winzermeisterin zu werden und auch selber ein kleines Weingut nebenher aufzubauen. Und ja. Im Moment schauen wir nach vorne. Wir hoffen, dass es besser wird. Aber die Zeichen stehen im Moment nicht so gut.

Sie haben in Ihrem Job ja mit vielen verschiedenen Menschen auch zu tun, kommen mit Menschen in Kontakt. Was hat diese Zeit aus Ihrer Sicht mit den Menschen gemacht?

Man merkt bei den Mitmenschen, dass irgendwo so eine Kühle aufkommt, finde ich. Also es fehlt einfach der Kontakt und das Miteinander. Viele Menschen sind gereizter, gestresster, vielleicht sogar ein bisschen aggressiver. Das finde ich sehr schade.

Badische Weinprinzessin 2019-2021: Simona Maier (Foto: Badischer Weinbauverband)
Badischer Weinbauverband

Vor rund drei Jahren haben Sie Ihren männlichen Vornamen, den Sie in der Geburtsurkunde stehen hatten, offiziell abgelegt, und zeigen sich seitdem auch in der Öffentlichkeit, so wie Sie sind. Wie wurde das in Ihrer Heimatgemeinde, in der Sie ja auch arbeiten - ich glaube, 8.000 Menschen wohnen dort – aufgenommen?

Unterschiedlich, klar. Man muss dazu sagen, dass viele in dieser kleinen Gemeinde damit noch nie konfrontiert wurden, weil man damit nie einen Berührungspunkt hatte, was ist Transgender oder was geht da in einem vor oder was bewegt diesen Menschen. Viele konnten auch gar nicht verstehen, was für eine Belastung das ist, wenn man als Frau geboren wurde, nur der Körper außen passt nicht. Also es war einfach ein bisschen Unwissenheit in der Bevölkerung. Aber es gab genauso auch welche, die vielleicht doch schon Berührungspunkte hatten, und da war dann schon Verständnis da.

Wussten Sie schon immer, dass Sie im falschen Körper geboren wurden?

Nein. Es gab Anzeichen so mit vier, fünf Jahren im Kindergarten, wo ich eigentlich immer nur mit Mädchen zusammen spielen wollte. Und wenn man Kinder fragt, was sie so werden möchten, dann sagen die Jungs Feuerwehrmann oder Polizist. Und wenn man mich gefragt hat, habe ich gesagt: "Weinprinzessin." Das war dann schon für die Erzieherinnen im Kindergarten ein bisschen merkwürdig. Aber man ist da der ganzen Geschichte so noch nicht nachgegangen. Der Bruch kam dann eigentlich erst in der Pubertät, weil ich so dachte: "Naja, das, was da unten ist, das fällt irgendwann ab. Das legt sich und kommt zur Ruhe." Aber das kam dann natürlich nicht. Da war dann auch viel Mobbing dabei. Das war eine sehr schwierige Zeit, und das hat mir auch wehgetan. Dann war für mich Ende 2016 klar, dass ich dem nachgehen muss, weil ich sonst selber wahrscheinlich heute hier nicht mehr wäre. Mein Leben war einfach für mich so in der männlichen Hülle nicht mehr lebenswert.

Simona Maier (Foto: Simona Maier)
Simona Maier

Sie haben dann einen Weg gefunden zu sagen: "Ich geh jetzt raus damit an die Öffentlichkeit." Auch wenn Sie sagen, der Weg war schwer, hat sich jetzt im Nachhinein gezeigt: Es war gut und hat sich gelohnt. Sie sind jetzt strahlende Weinprinzessin. Der Kindheitstraum hat sich erfüllt. Sie stehen jetzt allerdings nicht nur als Weinprinzessin auf der Bühne, sondern Sie treten auch anders in Erscheinung. Denn aufgrund Ihrer Erfahrung engagieren Sie sich auch für die Regenbogen-Community, also für die Rechte von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen. Wie stark hat denn dieses Engagement in den vergangenen Monaten wegen Corona gelitten?

Das war während Corona-Zeiten nur eingeschränkt oder fast gar nicht möglich. Vor allen Dingen mussten auch sehr viele Schutzräume wegen Corona schließen, wie Bars, Kneipen und Clubs, in denen man sich getroffen hat. Klar können wir nur für unsere Rechte kämpfen, wenn wir auch Sichtbarkeit zeigen. Das machen wir bei diesen großen CSDs, bei denen wir auf die Straße gehen und für unsere Rechte demonstrieren, dass wir endlich einmal gleiche Rechte für alle Menschen hier bekommen.

Zwei junge Demoteilnehmerinnen auf dem "Dorf Pride"-Umzug in Mühlhausen im Rhein-Neckar-Kreis. (Foto: SWR)
Diese jungen Demo-Teilnehmerinnen machen klar: Queere Menschen gibt es nicht nur in der Großstadt, sondern auch auf dem Land.

Sie haben es gesagt: Auf den CSDs findet das regelmäßig statt. Beim Christopher Street Day in diesem Jahr allerdings wegen Corona auch nicht. Sie haben sich eine tolle Aktion ausgedacht, die Sie in Ihrem Heimatort umgesetzt haben: Nämlich den sogenannten "Dorf Pride", ein Mini-CSD. Ich kann mir vorstellen, dass das unter diesen Corona-Bedingungen relativ schwierig umzusetzen war …

Wir haben uns lange mit den Ordnungsbehörden zusammengesetzt, wie wir das regeln können. Wir haben dann von der Ordnungsbehörde relativ strenge Auflagen bekommen. Wir haben pro acht Teilnehmer einen Ordner finden müssen. Das haben wir zum Glück hinbekommen. Wir haben darauf geachtet, dass auf Abstand geachtet wird. Das konnten wir auch alles leisten. Mit dem "Dorf Pride" haben wir auch unter Corona-Auflagen gezeigt, dass wir auch in schwierigen Situationen trotzdem für unsere Rechte einstehen.

Christopher Street Day auf dem Land "Dorf Pride" in Mühlhausen mit mehreren Hundert Teilnehmern

In vielen Großstädten wird im Sommer der CSD gefeiert, um für die Rechte von lesbischen, schwulen und queeren Menschen einzutreten. Jetzt gab es in Baden-Württemberg erstmals einen "Dorf-CSD" - und zwar in Mühlhausen (Rhein-Neckar-Kreis).  mehr...

Also wir sehen, dass selbst eine Pandemie Sie nicht ausbremsen kann. Sie sind sehr umtriebig. Welche Pläne haben Sie heute für die kommenden Monate und Jahre?

Das Jahr als Weinprinzessin wird dann nächstes Jahr im Juni zu Ende gehen, wenn Neuwahlen wieder stattfinden können. Ich möchte mich wieder mehr auf meinen eigenen Weinbaubetrieb konzentrieren, den auch vielleicht noch ein bisschen mehr ausbauen, wenn es möglich ist, wenn jetzt mein Weinbaubetrieb überhaupt Corona überlebt. Ich will auf jeden Fall auch in Mühlhausen bleiben. Mir gefällt es in Mühlhausen. Ich wurde ja auch zur Gemeinderätin gewählt. Da möchte ich mich auch weiterhin sehr stark politisch engagieren. Ich werde trotzdem immer noch ein Sprachrohr für die queere Community bleiben. Aber ich möchte mich aus dem Organisatorischen wieder ein bisschen mehr zurückziehen. Aber wenn ich angefragt werde für die Community "Simona, machst Du einen Redebeitrag oder machst Du die Moderation auf dem Christopher Street Day?", bin ich die letzte, die "Nein" sagt.

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