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Der 53-jährige Reza Ramezani ist zweiter Vorsitzender der Heidelberger Taxi-Zentrale, fährt selbst mit eigenem Taxi. Außerdem arbeitet er als Dolmetscher beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – für Persisch und Türkisch. 

Reza Ramezani ist durch die Corona-Krise schwer gebeutelt. Als Taxifahrer hat er mit Umsatzrückgängen zu kämpfen, sein Job als Dolmetscher wird immer weniger benötigt - weil menschliche Kontakte auf ein Minimum reduziert werden müssen. Was macht das mit dem Menschen Reza Ramezani? SWR-Moderator Matthias Wiest hat nachgefragt.

Matthias Wiest: Herr Ramezani, wenn Sie das Wort "Corona" hören – was löst das bei Ihnen aus?

Reza Ramezani: Corona war am Anfang ein Schock für uns alle, nicht nur für mich, sondern auch für die ganze Bevölkerung. Man war erst einmal mit einem komischen Gefühl und Angst konfrontiert.

Sie hatten durch diese Krise massive Einbußen, mussten um Ihre berufliche Existenz fürchten. Wie haben Sie das verkraftet?

Für mich war das erst einmal Umsatzrückgang, damit verbunden Fixkostendeckung und Liquiditätsschwierigkeiten. Das waren die Folgen.

Wie sind Sie damit umgegangen? Wie verkraftet man so etwas?

Am Anfang war das komisch. Die Ausgaben sind da, aber die Einnahmen nicht. Die Liquidität war schwierig. Erst einmal war das ein Schock und wir haben uns gefragt, wie werden wir das erleben? Erst haben wir gedacht, nach kurzer Zeit wird das vorbei sein. Aber mit der Zeit haben wir gemerkt, dass es eine ernsthafte Sache ist. Weil ich nicht allein betroffen war, ich nicht der Einzige und es eine Pandemie, war es dann für mich ok. Dann kam von der Regierung die Corona-Hilfe, die uns auch ein bisschen über Wasser gehalten hat.

Würden Sie sagen, der Staat hat seine Sache gut gemacht? Oder würden Sie sich für die Zukunft mehr oder andere Hilfsangebote wünschen?

Gut gemacht, ja. Aber es war auch ein bisschen leichtsinnig, wie damit umgegangen wurde. Denn ich habe selbst letzte Woche ein Schreiben von der LB-Bank bekommen, dass ich das Geld zurück zahlen muss.

Und das war vorher nicht klar?

Nein. Wir haben die Formulare ausgefüllt und jetzt sagen sie, sie wollen das Geld zurück. Natürlich habe ich nun auch mit denen korrespondiert. Hätten sie am Anfang mehr Details von uns als Unternehmer angefordert, dann wäre das nicht der Fall. Auch mein Steuerberater, mit dem ich gesprochen habe, meint, das war nicht gut.

Ist denn Ihre wirtschaftliche Situation jetzt so stabil, dass sie sagen können, wir können in die Zukunft optimistisch schauen?

Absolut nicht. Weil im Taxi-Betrieb bei uns in Heidelberg sind 162 Taxen. Wir haben summa summarum im Vergleich zu 2019 60 Prozent unserer Aufträge verloren. Das heißt, ein Unternehmer bekommt am Tag sechs bis sieben Aufträge. Davon kann er nicht leben.

Wie kommt man da raus aus dieser Situation?

Wir werden nicht zu einem Umsatz von 100 Prozent wie 2019 kommen. Denn unsere Fahrgäste sind auch Gäste, die von Tagungen und Seminaren zum Beispiel von SAP kommen. Das ist alles ausgefallen. Auch die Hotellerie in Heidelberg ist tot.

Wie geht man damit um, dass man so wie in Ihrem Beruf im Taxi zum Beispiel ständig Angst haben muss um die eigene Gesundheit?

Mittlerweile trägt jeder Mundschutzmaske. Man sieht also nur die Augen. Aber die Augen sagen mir nichts über die Gesundheit. Wie ist der Mann? Ist der sauber? Auch umgekehrt: Wenn der Fahrgast einsteigt, fragt der sich: Wie ist der Fahrer? Wird er mich infizieren oder nicht? Man hat also nur Hoffnung und Angst.

Sie hatten einen Fahrgast, der hinterher gesagt hat, dass er möglicherweise positiv ist.

Richtig. Das war für mich die Anfangsphase, in der ich wirklich dachte, ich bin im falschen Film. Ich bin ausgestiegen, habe gezittert und wusste nicht, was los war. Danach habe ich erst einmal pausiert. Ich konnte nicht weiter fahren, nicht weiter arbeiten.

Würden Sie sagen, Corona hat Ihre Berufseinstellung geändert – oder zum Leben allgemein, vielleicht sogar, dass man misstrauischer geworden ist?

Sehr. Corona hat das leider beeinträchtigt. Mein erster Gedanke ist ja, Sie zu schützen, wenn Sie mein nächster Fahrgast sind, dass Sie heil und gesund nach Hause kommen – und natürlich auch mich selbst. Der Fahrgast war ein Student. Er ist mit seinem Leben so leichtsinnig umgegangen und hat andere damit gefährdet im Taxi, in einem öffentlichen Verkehrsmittel.

Sie hatten und haben als Dolmetscher im Bundesamt für Migration ein zweites Standbein und haben damit auch noch ganz andere Einblicke in ein gesellschaftliches Brennpunktthema. Aber auch da ist Vieles mittlerweile weggebrochen. Was muss passieren, damit sie dort wieder gefestigter arbeiten können?

Im Moment gar nichts. Unsere Arbeit dort ist nicht mehr wie früher. Im Moment sind die Leute, die dort angestellt waren, in Kurzarbeit geschickt worden, weil die Interviews, die wir dort für die Anhörungen hatten, alle weggebrochen sind. Früher habe ich im Monat zehn bis fünfzehn Termine gehabt. Jetzt habe ich nur drei. Und von drei Terminen wird mit Sicherheit einer storniert. Weil wir haben diese Kontakte mit Menschen nicht mehr, nur noch anhand von Papieren. Die werden dem Antragsteller in die Hand gedrückt und der muss dann alles selbst eintragen.

Wenn man in die Zukunft schaut, was würde Ihnen Hoffnung machen, dass man diese Pandemie und die Zeit nach der Pandemie besser überstehen könnte in Ihrem Fall?

Man hofft nur, dass es besser wird. Die Gesellschaft hat sich verändert. Firmen sparen einerseits. Andererseits fehlen die menschlichen Kontakte.

Gibt es für Sie persönlich einen Punkt, bei dem Sie sagen, das hat mir diese Krise gezeigt, das musste ich in dieser Krise lernen und das wird mein Leben in Zukunft verändern oder anders beeinflussen?

Die Einschränkungen. Gut, ich lebe genauso weiter. Aber ich sage mal so, man ist ängstlicher geworden.

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