STAND

Jennifer Yeboah (42) ist seit dem 1. Juli die Leiterin des Quartiermanagements des Mannheimer Stadtteils Neckarstadt-West. Ihr Job ist es, im Auftrag der Stadt Lösungen für den Stadtteil zu finden. Also einen Stadtteil voranzubringen, der nicht den allerbesten Ruf hat.

Die Polizei führt in der Neckarstadt-West regelmäßig Razzien gegen kriminelle Banden durch. Immer wieder gerät der Stadtteil auch wegen des Rotlichtmilieus und sogenannter Problem-Immobilien in die Schlagzeilen, teilweise marode Wohnungen oder auch nur Zimmer werden mitunter zu Wucherpreisen vermietet.

Wolfgang Kessel: Sie waren vor der Corona-Krise Quartiermanagerin in Mannheim-Herzogenried. Das ist nicht weit weg von der Neckarstadt-West. Wenn Sie Ihre Arbeitstage damals mit denen von jetzt vergleichen: Was sind die Hauptunterschiede?

Jennifer Yeboah: Mein Leben im Herzogenried war doch - mit Verlaub - ruhiger. Der Stadtteil Neckarstadt-West ist deutlich größer: 22.000 Einwohner im Vergleich zu 8.000 Einwohnern. Das macht schon etwas aus. Dann sind die Problemlagen in der Neckarstadt-West deutlich anders gelagert als im Herzogenried. Insofern habe ich einen deutlich höheren Aufwand. Die Neckarstadt-West steht deutlich mehr im Fokus, auch im öffentlichen Fokus. Insofern habe ich gerade das Gefühl, ich könnte als Quartiermanagerin noch zehn Klone gebrauchen. Dann könnte ich wirklich allen gerecht werden, weil es darum geht, Menschen im Stadtteil kennenzulernen. Das war im Herzogenried ein bisschen einfacher, weil das Netzwerk deutlich kleiner war.

Picken wir uns mal einen Punkt heraus: Zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland haben viele Experten befürchtet, die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt werde steigen. Ist diese Zahl in der Neckarstadt-West gestiegen? Was haben Sie diesbezüglich beobachtet?

Als Sozialarbeiterin endet mein Auftrag an der Haustür der Menschen. Dementsprechend können wir bisher diesbezüglich nur Mutmaßungen anstellen. Beziehungsweise auf die Informationen vertrauen, die wir von unseren Partnern bekommen. Was ich schon gemerkt habe ist, dass die Anspannung deutlich größer geworden ist. Auch innerhalb der Familien. Deshalb vermuten wir, auch mit anderen Experten, dass die Zahl der häuslichen Gewalt ansteigen wird. Wir können es aber eigentlich noch nicht genau sagen. Ich befürchte: Das werden Spätfolgen sein, die sich wahrscheinlich erst in den nächsten Wochen, Monaten, vielleicht auch erst Jahren zeigen werden.

Wie kommen sie persönlich mit der Corona-Krise klar? Sie sind Mutter eines Kindes …

Ja, das erste, das ich gemerkt habe, ist, wie schwierig es ist, Homeschooling zu leisten und gleichzeitig im Homeoffice zu sein. Die Situation war sehr herausfordernd und das habe ich auch bei vielen Müttern und Eltern im Bekanntenkreis gehört. Dass diese Sache hauptsächlich von Müttern geleistet wird und in der familiären Situation zu deutlichen Spannungen führt. Das habe ich mit meinem Sohn deutlich gemerkt. Ich bin keine ausgebildete Lehrerin und das ist schon ganz schön herausfordernd, wenn man plötzlich für den Bildungserfolg des eigenen Kindes zuständig ist. Zumal wenn sich das Kind in der Pubertät befindet, dann ist die Motivation dann auch immer so eine Sache.

Wenn Sie über die letzten Monate nachdenken, würden Sie sagen: Corona hat die Menschen verändert? Zum Guten oder zum Schlechten? Mehr Solidarität auf der einen Seite, mehr Egoismus auf der anderen Seite? Wie sehen Sie das?

Man kann das nicht so schwarz-weiß sehen. Es ist ein "Sowohl-als-auch". Was ich mit einem leichten Schmunzeln bis Kopfschütteln festgestellt habe, ist das Thema Solidarität in puncto Versorgung mit Toilettenpapier zum Beispiel. Also wenn ich an die Hamsterkäufe denke und auch an die Szenen, die sich teilweise im Einzelhandel abgespielt haben, finde ich das schon bedenklich. Allerdings war auch im Herzogenried besonders zu Anfang die Welle der Hilfsbereitschaft enorm. Da kamen von allen Seiten aus Initiativen. Ob das nachbarschaftliche Initiativen waren mit Zetteln im Hausflur oder auch größere. Demgegenüber stand aber ein relativ niedriger formulierter Hilfebedarf. Also es gab viel Hilfe und wenig Menschen, die sie eingefordert haben. Was aber nicht unbedingt daran liegt, dass die Menschen die Hilfe nicht brauchen. Bei einem älteren Bewohner ging das zum Beispiel nur über das persönliche Gespräch, als ich ihn zufälligerweise getroffen und zweimal nachgefragt habe, ob er nicht doch vielleicht Unterstützung braucht. So konnten wir ihm zumindest Wasserträger besorgen. Da merkt man schon, so etwas geht nur über das persönliche Gespräch.

Was macht denn den Stadtteil für Sie trotzdem lebens- und liebenswert?

Ich lebe seit über 22 Jahren in der Neckarstadt-West. Anfangs habe ich den Stadtteil geschätzt wegen seiner Innenstadtnähe und seiner relativ guten infrastrukturellen Anbindung. Was aber letztendlich für mich den Stadtteil ausmacht, sind die Menschen, die dort leben. Denn trotz all der Schattenseiten, die es ganz klar und unbestreitbar gibt, habe ich in der Neckarstadt-West ein relativ gutes Netzwerk gefunden. Wir haben gute Institutionen, die sich wirklich anstrengen. Und es gibt durchaus auch einige Menschen, die es schätzen, dass es vielleicht ein bisschen anders zugeht als in etwas leiseren Stadtteilen. Das trifft natürlich nicht auf alle zu.

Für einigen Wirbel hat zuletzt eine ZDF-Reportage "37 Grad" über die Neckarstadt-West gesorgt. Kritiker vor allem aus Mannheim sagen, die Neckarstadt-West sei dabei sehr schlecht weggekommen, der Film habe den Ruf des Stadtteils als sogenannte No-Go-Area zementiert. Hat die Reportage Ihrer Meinung nach krass übertrieben oder steckten auch ein paar Körner Wahrheit darin?

Meines Erachtens hat die Reportage nicht übertrieben. Sie hat aber relativ einseitig dargestellt. Was mich auch verärgert hat, war die Tatsache, dass es dargestellt wird, als ob hier keiner handelt. Das tut dem Stadtteil und vor allem den Menschen, die sich engagieren und die dort gerne leben, Unrecht.

Was sind Ihre Ziele als Quartiermanagerin der Neckarstadt-West? Was wollen Sie in dieser Funktion gerne erreichen?

Die Neckarstadt-West ist ein Stadtteil, in dem ein verhältnismäßig großer Anteil von Menschen lebt, die von Benachteiligung betroffen sind. Ich finde es immer schwierig, wenn man "Problemstadtteil" als problematische Menschen definiert. Ich würde eher definieren, dass Menschen in problembehafteten Verhältnissen leben. Was ein großes Thema sein wird, ist die Bildungsgerechtigkeit zu erhöhen, weil man damit auch langfristig diesen Menschen Unterstützung geben kann: Bei den Kindern ansetzen, aber auch bei Erwachsenen, weil ein Mehr an Bildung auch zu einem Mehr an besseren Wohnungsverhältnissen, besseren Beschäftigungsverhältnissen führt.

Jennifer Yeboah-Quartiers-Managerin in der Neckarstadt-West in Mannheim (Foto: Foto: Jennifer Yeboah)
Foto: Jennifer Yeboah

Als Quartiermanagerin müssen Sie viele Gespräche führen, viel Kontakt halten, auch mit den Menschen in der Neckarstadt-West. Wie sehr sind Sie diesbezüglich im Moment durch die Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie eingeschränkt?

Das hat sich inzwischen verbessert. Zu Anfang der Bestimmungen war es etwas schwieriger. Zumal ich auch Mutter eines Sohnes bin und quasi mit Homeoffice und Homeschooling ganz schön ausgelastet war. Wir haben versucht, Kontakt zu halten über Emails und auch telefonisch. Das hat zum Teil geklappt, zum Teil aber auch nicht. Das persönliche Gespräch ist schon sehr wichtig. Inzwischen und auch jetzt zu Anfang in der Neckarstadt-West halte ich mich oft auf dem öffentlichen Raum auf. Dazu komme ich allerdings nicht ganz so oft, wie es mir lieb ist, weil ich noch viele Einarbeitungstermine habe und mir einen Überblick verschaffen muss.

Wie helfen Sie konkret den Menschen im Stadtteil, denen es wirklich schlecht geht?

Quartiermanagement selbst soll eigentlich eher Impulse leisten. Wir arbeiten viel mit Kooperationspartnern zusammen: Kindertageseinrichtungen, Schulen, andere Einrichtungen und Vereine. Es geht darum, langfristige Lösungen zu suchen. Insofern haben wir bei uns im Quartiermanagement Neckarstadt-West zum Beispiel ein Angebot angedockt, das direkt für die Menschen aus Bulgarien und Rumänien ist: das Projekt "ANIMA - Ankommen in Mannheim", aber auch das Projekt "Integrationslotsen".

Welche dieser Projekte sind denn wegen Corona ein bisschen hinten heruntergefallen?

Gerade die beiden genannten Projekte basieren auf persönlichen Kontakt. Die Mitarbeitenden haben geschildert, dass es in den letzten Monaten teilweise problematisch war, den Kontakt über Telefon zu halten. Das geht über das persönliche Gespräch, indem man einfach mal die Plätze aufsucht, deutlich einfacher. Das ist schwierig, aber auch das läuft jetzt wieder an.

Laufhäuser wegen Corona geschlossen Hilfe in Mannheim für Prostituierte in Not

Die Lupinenstraße im Mannheimer Stadtteil Neckarstadt-West: Über hundert Prostituierte arbeiten hier normalerweise. Aber seit Mitte März geht hier wegen der Coronapandemie gar nichts mehr. Das bringt viele der Prostituierten in eine verzweifelte Lage.  mehr...

STAND
AUTOR/IN