Beschluss des Gemeinderats

Mannheim bekommt queeren Jugendtreff

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Der Mannheimer Gemeinderat hat die Einrichtung eines queeren Jugendtreffs beschlossen. Warum das Sinn macht und was da angeboten wird, erklärt eine Expertin im SWR-Interview.

Der queere Jugendtreff soll sich an junge Menschen zwischen 14 und 26 Jahren mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten richten. Laut Stadt soll die Psychologische Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar (PLUS) für den queeren Jugendtreff zuständig sein. Neben Freizeitangeboten sind im queeren Jugendtreff auch außerschulische Bildungsangebote geplant. Die Stadt Mannheim will den Jugendtreff in den kommenden vier Jahren mit rund 700.000 Euro unterstützen.

Ein SWR-Aktuell-Interview mit Katrin Hofner, Geschäftsleiterin des "Queeren Zentrums" in Mannheim. Dort soll der Jugendtreff künftig untergebracht sein.

SWR Aktuell: Warum brauchen junge Menschen, die lesbisch, schwul, bi - oder transsexuell sind, einen eigenen Treffpunkt?

Katrin Hofner: Queere Jugendliche haben die Besonderheit, dass sie ja von der Norm abweichen. Leider ist es oft der Fall, dass queere Jugendliche in der Schule, aber auch in ihrem Elternhaus und eventuell auch in Jugendtreffs ausgeschlossen werden, da also Ausgrenzung erfahren oder sogar Feindschaft. Es ist wichtig - besonders für queere Jugendliche -, dass sie Gleichgesinnte treffen können, dass sie sich austauschen und vernetzen können, um sich einfach zu stärken. 

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SWR Aktuell: Wie äußert sich diese Ablehnung? Ganz oft sieht man das den Menschen ja gar nicht an, welche Sexualität sie haben...

Katrin Hofner: Sie haben recht: Wenn Sie jetzt auf der Straße unterwegs sind, können Sie vielleicht nicht direkt sagen: Diese Person ist queer. Aber das ergibt sich ja sehr schnell, sobald man ins Gespräch kommt, sobald man fragt, zum Beispiel nach Partnerschaften oder auch allein schon nach "Was hast du am Wochenende gemacht?" Also entweder lügt man dann, oder man versteckt sich, man verleugnet sich ein Stück weit - oder man sagt die Wahrheit. Und dann geht man mitunter die Gefahr ein, angefeindet zu werden. 

SWR Aktuell: Was soll in diesem Jugendtreff alles angeboten werden?

Katrin Hofner: Die Trägerschaft des Jugendtreffs übernimmt PLUS Rhein-Neckar e.V. Die machen schon ganz lange ganz großartige Jugendarbeit in Mannheim. Die machen Beratung und bieten auch Jugendgruppen an. Aber bisher eben in einer räumlich sehr eingeschränkten Situation. Im Jugendtreff werden diese Jugendgruppen unterkommen, die "peer-to-peer"-mäßig betreut werden.  

SWR Aktuell: Das heißt, da können auch Jugendliche hinkommen, die vielleicht noch auf der Suche nach ihrer geschlechtlichen Identität sind?

Katrin Hofner: Unbedingt, der queere Jugendtreff wird "offene Zeiten" haben, so wie das "Queere Zentrum" Mannheim auch. Das soll gerade für die Leute ein ganz niederschwelliges Angebot sein, die sich vielleicht bisher noch nicht so getraut haben, die sich nicht gleich erklären wollen. Die können einfach reinkommen, um Leute zu treffen, in einem Raum, wo sie mal nicht "anders" sind und wo sie nicht ausgegrenzt werden.

SWR Aktuell: Wie viele Jugendliche, die zur LGBTQ-Szene gehören, gibt es in Mannheim?

Katrin Hofner: Es gibt nach Hochrechnungen des Jugendamts mindestens 5.700 queere Jugendliche in Mannheim, im Alter von 14 bis bis 26 Jahre. Das ist eine konservative Schätzung. Deswegen sprechen wir auch generell, wenn wir von queeren Menschen sprechen, von denen, die sich geoutet haben. Es ist auch davon auszugehen, dass der Anteil an der Gesamtbevölkerung von queeren Personen schon immer gleich groß ist. Das einzige, was sich geändert hat, ist eine Verbesserung in der Toleranz der Gesellschaft. Das heißt: Mehr Leute trauen sich auch, sich zu outen. Andererseits gibt es zum Beispiel durch Social Media eine größere Sichtbarkeit, was gerade auch für Jugendliche ja etwas ganz Wichtiges ist. Dass sie einfach sehen können: "Oh, da ist jemand, der zum Beispiel auch trans ist, so wie ich." Deswegen merken Menschen, die das vielleicht früher ihr Leben lang unterdrückt haben, jetzt mitunter früher, was ihre Identität ist.

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SWR