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Die Corona-Krise und ihre Auswirkungen. Das war Thema einer Talk-Runde aus dem SWR Studio Mannheim-Ludwigshafen. Comedian Bülent Ceylan, SWR-Intendant Kai Gniffke, Rhein-Neckar Löwen-Managerin Jennifer Kettemann, Mannheims OB Peter Kurz sowie Pfarrerin Ilka Sobottke waren sich einig: Corona hat die Gesellschaft massiv verändert.

Die gesamte Talk-Runde können sie hier nachschauen

Ob Gesundheitswesen, Politik, Sport oder Unterhaltung – Covid-19 hat uns seit fast eineinhalb Jahren fest im Griff. Das Virus hat das gesellschaftliche Leben verändert und es hat viele Diskussionen erheblich verschärft.

Das hat auch ARD-Fernsehpfarrerin Ilka Sobottke erlebt. Sie berichtete von einem unfassbaren Shitstorm im Internet gegen ihre Person. Was war passiert? Sie hatte sich für das Impfen ausgesprochen.

Hass in Reinkultur war die Folge: Von wüsten Beschimpfungen über Bedrohungen. Alles nur sehr schwer auszuhalten, erzählte Ilka Sobottke eindrucksvoll.

Corona als Hass-Beschleuniger?

Er persönlich erlebe diesen Hass wie von Sobottke beschrieben so nicht, aber er kenne natürlich orchestrierte und organisierte Kampagnen, betonte Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz.

Corona sei auch ein Hass-Beschleuniger. Ähnlich wie 2015, als viele Geflüchtete nach Deutschland gekommen waren.

Corona als Comedy-Programm?

In den Sozialen Medien aktiv, nah dran an den Menschen, das ist auch der Mannheimer Comedian Bülent Ceylan. Er erzählte, wie sehr die gesamte Kulturbranche darunter litt, nicht mehr auftreten zu können. Auch er selbst hat damit nach wie vor zu kämpfen. Das sei schon frustrierend.

"Corona war für uns Künstlerinnen und Künstler ja quasi ein Berufsverbot".

Als es mit ersten Auftritten, beispielsweise im Autokino wieder los ging, habe er sich an das Thema "Corona" dann nach und nach heran getastet. Konkret über die Masken-Thematik.

Er wolle nicht belehren, habe nicht gesagt, "Zieh die Maske auf" oder "Lass die Maske weg", sondern es auf witzige Weise versucht, den Leuten bei diesem dann doch ernsten Thema einen Lacher zu entlocken.

Vereine in der Existenzkrise

Auch Jennifer Kettemann, Managerin der Rhein-Neckar Löwen, kennt dieses von Ceylan beschrieben Ohnmachtsgefühl und berichtete von sehr schweren Zeiten beim Handball-Bundesligisten.

"Wir saßen in der Geschäftsstelle und wussten nicht, ob wir die Gehälter bezahlen können."

Das Größte überhaupt seien die Fans gewesen, sagte Kettemann. Sie hätten aufmunternde Nachrichten geschickt. Und sie hätten auf die Erstattung ihrer Tickets verzichtet und das Geld dem Verein gespendet.

SWR-Reporter Thomas Miltner über den Live-Talk aus Mannheim

Gniffke: Für die Menschen da sein

Die Medien spielen in der Pandemie und bei deren Betrachtung eine große Rolle, vor allen in den Augen vieler Kritikerinnen und Kritiker. Damit auch der SWR. Und somit auch der SWR-Intendant persönlich, berichtete Kai Gniffke. Die Aufgabe des SWR sei klar: Für die Menschen da sein.

"Wir haben am Anfang gesagt: Was ist jetzt unsere Rolle? Wir müssen für die Menschen da sein, indem wir zum Beispiel Sport oder Kulturveranstaltungen übertragen."

Blick in die Zukunft: Wie wird sich die Gesellschaft verändern?

Einig war man sich in der Runde, dass Corona die Gesellschaft definitiv verändert habe. Und dass es eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, alle Gruppen wieder zusammenzubringen.

Ilka Sobottke erinnerte daran, dass man vor allem an die Menschen denken müsse, die während der Pandemie vergessen wurden. Dazu gehörten auch Kinder und Jugendliche, aber auch viele Menschen, die alleine leben.

Vorbildfunktion für Sport, Kultur und Medien?

Solidarität, Menschlichkeit, Aufmerksamkeit - im Sport, so Jennifer Kettemann, sei man in einer Vorbildfunktion. Auch für die Gesellschaft.

Jennifer Kettemann glaubt, es werde noch eine Weile dauern, bis man Normalität sozusagen erreiche. Sie müsse derzeit viel erklären: Warum dürften nur wenige hundert Menschen in eine Arena, die eigentlich tausende Zuschauerinnen und Zuschauer fasse.

"Nah dran" - Livestream (Foto: SWR)
Der Mannheimer Comedian Bülent Ceylan mahnte: "Wir dürfen nicht in die Depression verfallen!" Bild in Detailansicht öffnen
ARD-Fernsehpfarrerin Ilka Sobottke berichtete von einem Shitstorm gegen sie im Internet. Bild in Detailansicht öffnen
Dialog statt Hass: Das sei die Kernbotschaft für die Zeit nach Corona, waren sich alle einig. Bild in Detailansicht öffnen
Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz sprach sich für mehr Kommunikation aus. Bild in Detailansicht öffnen
Die Veranstaltung fand im SWR Studio Mannheim-Ludwigshafen unter strenger Einhaltung der geltenden Hygienevorschriften statt. Bild in Detailansicht öffnen
SWR-Intendant Kai Gniffke betonte, er habe durch die Pandemie "mehr kapiert, wie Menschen verändert Medien nutzen" und versprach: Der SWR kümmere sich. Bild in Detailansicht öffnen
Die Geschäftsführerin des Handball-Bundesligisten Jennifer Kettemann sagte klar und deutlich: "Das Überleben des Vereins war gefährdet." Bild in Detailansicht öffnen
Im SWR YouTube-Kanal diskutierten einige Nutzer kontrovers über viele Corona-Themen: Die Gesprächsrunde nahm diese Anmerkungen mit auf. Bild in Detailansicht öffnen
"Lachen ist gesund", sagte Bülent Ceylan und Jennifer Kettemann sowie Kai Gniffke stimmten überein. Bild in Detailansicht öffnen
Moderierte souverän und wortgewandt: SWR-Journalistin Natalie Akbari. Bild in Detailansicht öffnen

Insgesamt mehr Zusammenhalt, Verständnis und Dialogbereitschaft, fasste SWR-Moderatorin Natalie Akbari zusammen.

Das unterstrich Bülent Ceylan, denn er glaubt fest daran: "Wir müssen wieder Normalität herstellen." Und er sieht die Unterhaltungsbranche da durchaus ebenfalls in der Pflicht wie den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk.

"Wir dürfen nicht in die Depression verfallen. Komiker müssen den Leuten ein gutes Gefühl geben."

Mehr Bewusstsein für die Umwelt

Ungewohnt ernst sprach Ceylan das Thema Umweltbewusstsein an. So lange man in der Welt nicht die großen Zusammenhänge zwischen dem Umgang mit Wildtieren, Ernährung und potentiellen Pandemien durch krankmachende Erreger intensiver thematisiere, werde man nur kleine Schritte nach vorne machen.

Ähnlich sah das Mannheims OB Kurz. Er weiß um die Herausforderungen für die Gesellschaft, nehme wahr, dass Kommunikation immer wichtiger werde. Ihn treibe die Frage nach dem politischen Streit um Lösungen um. Nachdenklich formulierte er eine spannende These:

"Es wird Diskussionen geben, ob solche Fragen, die des Umweltschutzes beispielsweise, in anderen Regierungsformen vielleicht effektiver gehandhabt werden können."

Toleranz und Verständnis

Wie kann man Menschen einbinden, die sich vom demokratischen Diskurs weitgehend verabschiedet haben? Schwierig bis unlösbar, hieß es in der Runde. Aber man dürfe eben nicht alle Menschen, die gegenüber bestimmten Corona-Maßnahmen beispielsweise skeptisch waren oder es noch sind, aufgeben.

Das gehöre zu einem demokratischen Grundverständnis dazu. Deshalb forderte auch Pfarrerin Ilka Sobottke, man müsse einen Umgang finden mit Menschen, die anderer Meinung seien, auch wenn es absurdeste Positionen seien.

Diskussionen parallel bei YouTube

Zuschauerreaktionen erreichten die Talk-Runde aus dem YouTube-Kanal des SWR. Ein Spiegel der Gesellschaft, denn in der Kommentarspalte zeigte sich eine angesprochene Zerrissenheit der Gesellschaft bei bestimmten Themen mehr als deutlich. Einige Beispiele:

"Warum kommen keine Kritikerinnen und Kritiker zu Wort in den Medien?"

"Was tut der Staat, um in Zukunft besser vorbereitet zu sein?"

"Hass und Hetze sind die Folge eines nicht geführten gesellschaftlichen Diskurses!"

"Danke für diese Diskussion, leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein."

Werden wir wieder Hände schütteln?

Wo stehen wir heute, im "hoffentlich letzten Drittel der Pandemie", wie es in der Talk-Runde hieß? Kai Gniffke äußerte zunächst einmal Sorge, ob man den unbefangenen Umgang miteinander wieder erlernen könne. Gibt man sich wieder die Hand? Diskutiert man auch wieder so, dass Spucke fliegt? Für sich selbst verbuche er eine steile Lernkurve.

Angebote müsste der SWR dort machen, wo Menschen Medien wahrnehmen. Das werde die Herausforderung sein, die durch Corona einen Booster sozusagen erlebt habe. Entwicklungen gingen schneller, man sei voll dabei.

Gesellschaft ist nicht verloren

Auch die anderen Talk-Gäste betonten: Corona hat uns viel gelehrt, aber auch gezeigt, dass wir als Gesellschaft noch nicht verloren sind. Es gibt sie, die positiven Beispiele, wie Menschen aktiv geworden seien, anderen geholfen hätten. Jetzt gehe es darum, so Pfarrerin Sobottke, weiter an starkem Zusammenhalt zu arbeiten. Eine Mammutaufgabe!

Neues SWR-Format angekündigt

In der Pflicht, so Kai Gniffke, sei hier auch der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk. Die Botschaft sei angekommen. Deshalb arbeite man aktuell an vielen Dingen, darunter an einem neuen digitalen Format:

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