Die Fotomontage zeigt Legionellen rund um einen Waschbecken-Ablauf (Foto: dpa Bildfunk, Fotos: Philipp von Ditfurth /  Janice Haney Carr)

Interview mit Expertin für Trinkwasserhygiene

Viele Infektionen mit Legionellen in Baden-Württemberg - Corona-Lockdowns Ursache?

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Derzeit gibt es in Baden-Württemberg ungewöhnlich viele Infektionen mit Legionellen. Schuld könnten die Corona-Lockdowns sein, erklärt Trinkwasserexpertin Alexandra Bürschgens.

In ganz Baden-Württemberg steigen gerade auffällig die Zahlen der Menschen, die an Legionellen erkranken - so das Landesgesundheitsamt (LGA). Seit Anfang Juni seien es fast 100 Fälle gewesen. So viele habe es im gleichen Zeitraum in den Jahren 2001 bis 2020 noch nie gegeben.

Mensch atmet Legionellen ein

Doch das Trinkwasser einfach abkochen und dann ist man sicher - das klappt bei einem Legionellen-Befall nicht. Das Problem ist nicht das Trinken, sondern das Einatmen des Wasserdampfs, wodurch sich die Legionellen in den Lungen ausbreiten können, erklärt Alexandra Bürschgens vom Deutschen Verein der qualifizierten Sachverständigen für Trinkwasserhygiene. Bürschgens aus Höpfingen (Neckar-Odenwald-Kreis) hatte 2019 den Deutschen Verein der qualifizierten Sachverständigen für Trinkwasserhygiene gegründet und setzt sich für sauberes Trinkwasser ein.

Problem: Wasserleitungen werden lange nicht benutzt

Daher kennt sie sich mit Legionellen aus und weiß: Die Bakterien vermehren sich besonders, wenn über längere Zeit kein Wasser durch die Leitungen läuft. Zum Beispiel, wenn wir im Urlaub sind oder ein Hotel für längere Zeit geschlossen hat - oder eben wenn das öffentliche Leben wegen eines Lockdowns stillsteht, erklärt Bürschgens im Interview mit SWR Aktuell:

Corona-Lockdowns ein Grund für mehr Legionellen im Trinkwasser?

SWR Aktuell: Die Vermutung besteht, dass es durch die Lockdowns, die wir bislang hatten, Stillstände in den Leitungen gab und dass es deshalb jetzt vermehrt Legionellen gibt. Ist da was dran? 

Alexandra Bürschgens: Wir haben tagtäglich mit solchen belasteten Trinkwasser-Installationen in unserer Sachverständigen-Tätigkeit zu tun. Und ein gravierender Punkt, warum Legionellen auftreten können, ist eben die sogenannte Stagnation. Das heißt, wenn das Wasser in den Leitungen über längere Zeit stillsteht, dann auch Temperaturen hat, sich auskühlt oder aufwärmt auf kritische Temperaturen zwischen 20 und 50 Grad - da haben die Legionellen ihren Wohlfühlbereich, wo sie sich wunderbar vermehren können.

Kann man denn davon ausgehen, dass das in der kommenden Zeit noch zunimmt? Oder erübrigt sich das Ganze, wenn wir die Leitungen wieder häufiger benutzen?

Das ist ein bisschen ein zweischneidiges Schwert. Von alleine gehen die natürlich nicht mehr weg. Wenn mal eine Anlage befallen war, dann setzen die sich eben auch in den Biofilm in den Inkrustrationen in Rohrleitungen fest. Und sobald eben dann die Wassertemperaturen wieder kritische Bereiche erreichen, kann relativ schnell wieder die Legionellen-Kontamination steigen.

Wasserleitungen vor Benutzung durchspülen lassen

Wenn ich aber in den Urlaub fahre, muss ich mir keine Sorgen machen, dass zwei Wochen später meine Leitung zu Hause schon kontaminiert sein könnte? 

Jein, das hängt auch immer davon ab, was vorher passiert ist. Grundsätzlich sagt man eigentlich immer, wenn eine Installation länger stillgestanden ist, nach der Rückkehr die Leitungen wenigstens ausreichend spülen. Wenn ich in ein Hotel reinkomme, gehe ich erst einmal ins Badezimmer, mache Heißwasser und Kaltwasser auf, lasse es für ein paar Minuten spülen. Dann bewege ich mich da auf jeden Fall schon mal auf der sicheren Seite.

Besteht Gefahr, wenn ich belastetes Wasser trinke?

Wegen Legionellen besteht da keine Gefahr. Hauptsächlich passiert so etwas zum Beispiel beim Duschen. Das heißt, wenn ich also in eine Anlage komme, die mit Legionellen kontaminiert ist und ich stelle mich dann in die Dusche, bin dann vielleicht noch immunsupprimiert, gesundheitlich angeschlagen oder auch nach dem Leistungssport geschwächt und atme dann das Wasser mit den Legionellen ein, kann es eben zu einer Legionellose kommen.

Die ganz feinen Dämpfe also, Aerosole - die kennen wir ja schon. Kann man denn irgendwie herausfinden, ob man generell Legionellen in den Leitungen hat?

"Man selber kann einen Legionellen-Befall nicht wirklich herausfinden."

Nein, es sei denn, man beauftragt selbst bei einem akkreditierten Labor eine sogenannte Probenahme auf Legionellen. Dann wird es durch das Labor analysiert und man kann feststellen, ob in diesem Trinkwasser beziehungsweise in dieser Probe Legionellen vorhanden sind. 

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