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Delta-Variante, Impfquote, Auffrischungsimpfungen - Wo stehen wir in der Corona-Pandemie? Der Heidelberger Virologe Hans-Georg Kräusslich dazu im Interview mit dem SWR.

SWR Aktuell: Herr Kräusslich, wie ist die Corona-Situation in der Region?

Hans-Georg Kräusslich: Im stationären Bereich ist die Situation im Moment weitgehend entspannt. Wir sind wieder in der Lage, den Normalbetrieb durchzuführen. In der Klinik, sowohl auf den Normalstationen wie auf den Intensivstationen, ist Covid-19 im Moment kein zentraler Faktor mehr. 

"Wir werden mit der Delta-Variante umgehen müssen"

SWR Aktuell: Die Delta-Variante überstrahlt gerade alles. Ist die Fokussierung auf diese Variante zu stark? 

Hans-Georg Kräusslich: Nein, ich denke, es ist schon richtig, sich auf die Delta-Variante zu fokussieren. Wir sehen in Deutschland, analog zu anderen Ländern, dass der Anteil der Delta-Variante an allen SARS-COV-2 Infektionen sehr rasch zunimmt. Und ich denke, die Vorhersage, dass wir in wenigen Wochen weit überwiegend, wenn nicht fast ausschließlich Delta-Infektionen sehen werden, ist nicht unrealistisch. Wir werden mit der Delta-Variante umgehen müssen. Deswegen ist es richtig, sich damit zu beschäftigen, darüber nachzudenken, dafür zu planen. Aber bitte auch nicht überdramatisieren.  

SWR Aktuell: Hatten Sie schon mit Delta-Fällen zu tun? 

Hans-Georg Kräusslich: Selbstverständlich. Wir haben diagnostisch einige Fälle, die als Delta identifiziert wurden. Es ist auch so, dass wir die Diagnostik darauf angepasst haben, dass wir die sehr kurzfristig diagnostizieren können. Dass wir also spätestens am nächsten Tag wissen, welche Variante ist es. Auch bei uns nimmt es zu.

"Wir haben noch nicht genug Menschen geimpft" 

SWR Aktuell: Es ist oft die Rede von sogenannten Booster-Impfungen, bei denen man eine weitere Impfung auf die Bestehende setzt. Kann so etwas die Corona-Spirale stoppen?

Hans-Georg Kräusslich: Ich glaube, die entscheidende Situation ist im Moment, nicht zu weit in die Zukunft zu blicken, sondern eher kurzfristig in die Zukunft zu blicken. Wir haben noch nicht genug Menschen geimpft. Wir haben über die Hälfte mit einer Erstimpfung, mehr als ein Drittel mit einer Zweitimpfung.

Wir brauchen aber eine deutlich höhere Impfrate, die wir auch erreichen können, um im Herbst gut in diese Situation hineingehen zu können.

Ich denke, dass es wichtig ist für die Politik, auch wichtig ist für die Fachberatung sich mit der Frage: "Wann muss man die Impfung auffrischen und für welchen Personenkreis?", zu beschäftigen. Aber wir sollten das nicht in den Vordergrund stellen, solange wir noch nicht genug Leute geimpft haben, um eben entsprechend eine Eindämmung der Ausbreitung im Herbst zu erreichen. Ziel wäre aber, bis September möglichst viele zu impfen, damit wir im Herbst die dann verfügbaren Impfdosen für andere Dinge zur Verfügung haben.  

SWR Aktuell: Sie haben die vulnerablen Gruppen angesprochen, die im Herbst wieder im Fokus stehen werden. Die andere Gruppe, die im Fokus steht und für die die Impfung noch in weiter Ferne steht, sind die unter Zwölfjährigen, die Kinder. Wie ist da ihre Sicht der Dinge? 

Hans-Georg Kräusslich: Die Ungeimpften sind nicht der Haupttreiber für die Entwicklung von Mutationen. Ich denke, wir sehen viele der Mutationen in Weltregionen, in denen viele zum Teil geimpft oder infiziert waren, aber nicht vollständig immun waren. Der beste Schutz für die Kinder ist, möglichst wenig Infektionen generell zu haben. Und das erreichen wir am besten, indem sich möglichst viele der Erwachsenen impfen lassen. Damit schützen sie Ihre Kinder. 

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Vom Begriff der Herdenimmunität frei machen

SWR Aktuell: Müssen wir mit weiteren Varianten rechnen? Oder könnte es auch sein, dass wir auch irgendwann mal tatsächlich aus dieser Spirale herauskommen, weil wir diese viel beschworene Herdenimmunität erreicht haben? 

Hans-Georg Kräusslich: Ich denke, wir kommen ja jetzt schon aus der Situation wesentlich besser heraus, weil wir in der für schwere Erkrankungen besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppe viele geimpft haben und hoffentlich im Herbst noch viel mehr geimpft haben werden. Dann werden vielleicht Infektionen durchaus wieder gehäuft auftreten, aber mit aller Hoffnung eine deutlich weniger hohe Zahl von Krankenhausaufenthalten, von intensivpflichtigen und beatmungspflichtigen Patienten. 

Wir sollten uns von dem Begriff der Herdenimmunität einfach frei machen. Das ist nicht hilfreich.

Das Virus wird nicht verschwinden, aber wir können eine Situation schaffen, wo die allermeisten Menschen vor schwerer Krankheit geschützt sind. Dann müssen wir aufpassen, dass die, die sich zum Beispiel nicht impfen lassen können, die Kinder und Jugendlichen, besonders geschützt sind. Und dass die, die vielleicht schlechteren Schutz haben, weil sie immungeschwächt sind oder die sich nicht impfen lassen dürfen aus gesundheitlichen Gründen, entsprechend geschützt sind.

Wenn wir das alles gut erreichen, dann werden wir mit diesem Virus und dieser Krankheit leben.

Ich warne immer davor, aus der zurückliegenden Pandemie, die in eine Bevölkerung kam, die keinerlei Schutz hatte, eine Zukunftsprojektion zu machen und zu sagen, es wird immer so bleiben. Aber es ist ja auch nicht so schlimm, wenn man in bestimmten Situationen und Anlässen Maske tragen muss. Wir tun manchmal so, als würde das unser Leben furchtbar einschränken. Das tut es meines Erachtens nicht. 

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SWR Aktuell: Uns erreichen Meldungen, die Biontech betreffen. Ein Impfstoff, der sehr positiv besetzt ist in der Bevölkerung. Da heißt es auf einmal, das Vakzin schützt nicht so gut vor der Delta-Variante. Was sagen Sie zu diesen neuen Studien? 

Hans-Georg Kräusslich: Ich glaube, die Zahlen, die wir aus Israel bekommen, auch die Zahlen, die wir aus Großbritannien bekommen, zeigen, dass der Schutz vor Infektion bei Weitem nicht so gut ist, wie der Schutz vor Krankheit, insbesondere bei der Delta-Variante. Es ist nach wie vor so, ich beziehe mich jetzt auf die Zahlen aus Großbritannien, dass der Schutz vor ernsthafter Erkrankung, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig macht, für den Biontech-Impfstoff und die Delta-Variante etwa bei 96 Prozent liegt. Der Schutz vor symptomatischer Erkrankung, also ich habe Symptome, Fieber, bin einige Tage zu Hause, muss aber nicht in die Klinik, liegt irgendwo bei 85 bis 90 Prozent. Und die Daten aus Israel, die wir gerade hören, sagen, der Schutz davor, mich ohne Symptome zu infizieren, liegt eher zwischen 60 und 70 Prozent.

Das spricht dafür, dass genau der Gedanke einer Herdenimmunität nicht funktionieren kann für die Delta-Variante.

Wenn ich also nur einen Schutz vor Infektionen von 60 oder 70 Prozent habe, kann ich eine Herdenimmunität von 80 Prozent nicht erreichen, selbst wenn ich jeden Einzelnen vollständig impfen würde. Gleichzeitig ändert es aber nichts daran, dass der Schutz vor schwerer Erkrankung sehr gut ist und auch für die Delta-Variante weiter bleibt. Wir müssen akzeptieren, dass das Virus weiter zirkulieren wird, insbesondere durch die höher infektiöse Delta-Variante. Aber wir können die Krankheiten eindämmen. 

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