Amtseinführung von Joe Biden

Karl A. Lamers: "Eine neue Ära für Amerika"

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Viele haben den Tag herbeigesehnt: Am Mittwoch ging die Ära Trump zu Ende - und Joe Biden wurde feierlich in sein Amt als US-Präsident eingeführt. Wir haben mit dem Heidelberger Bundestagsabgeordneten Karl A. Lamers (CDU) gesprochen, dem ehemaligen Präsidenten der Parlamentarischen Versammlung der NATO.

SWR Aktuell: Herr Lamers, Sie waren zu beiden Amtseinführungen von Barack Obama in Washington eingeladen. In diesem Jahr sind vermutlich keine ausländischen Gäste vor Ort?

Karl A. Lamers: Nein, soweit ich weiß ist niemand aus dem Ausland eingeladen - und auch die vielen Menschen, die normalerweise dabei sind, können nicht dabei sein. Aber ich finde es eine tolle Geste, dass auf dem "Field of Flags" 191.500 amerikanische Fahnen aufgestellt sind - zu Ehren derjenigen, die dieses Jahr leider nicht kommen können wegen der Pandemie.

Erinnerungen an Vereidigung Barack Obamas

SWR Aktuell: Wissen Sie denn vielleicht schon Details, wie die Amtseinführung ablaufen wird?

Karl A. Lamers: Ja, ich habe mit meinen Kollegen darüber gesprochen. Es sind natürlich Mitglieder des Repräsentantenhauses und des Senats eingeladen, aber auch hier mit sehr restriktiven Bestimmungen. Jeder kann nur einen Gast mitnehmen. Es ist also ein relativ überschaubarer Kreis, der dieses Mal eingeladen ist - und das unter unglaublichen Sicherheitsvorkehrungen. Das war damals schon der Fall (Anm. d. Red.: bei der Amtseinführung von Barack Obama). Selbst der Botschaftswagen konnte nicht bis zum Kapitol fahren. Es gab überall Sperren, sodass wir den Rest dann zu Fuß gehen mussten. Ich erinnere mich noch sehr gut daran: 1,8 Millionen Menschen waren da. Ich stand natürlich nicht hinter ihnen, sondern vor ihnen - unten am Fuß des Kapitols. Ich stand in einem abgesperrten Bereich, sodass ich einen hervorragenden Blick auf das Geschehen hatte, als Barack Obama den Amtseid auf die Verfassung abgelegt hat. Er ist ein Mann, den ich bewundere, den ich schätze, dem ich dann zwei Jahre später als Präsident der Parlamentarischen Versammlung der NATO noch zweimal persönlich begegnet bin. Ich habe damals eine Rede halten können auf einem NATO-Gipfel. Barack Obama sprang auf, umarmte mich - also das sind schon tolle Erlebnisse, an die ich gerne zurückdenke - aber auch an die Amtseinführung.

SWR Aktuell: Sie haben das Thema Sicherheit angesprochen. Nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar gab es große Kritik daran. Welchen Eindruck hatten sie denn damals von den Sicherheitsvorkehrungen - bei der Amtseinführung von Obama?

Karl A. Lamers: Damals waren die Sicherheitsvorkehrungen extrem scharf. Da ist dann ja der "Secret Service" verantwortlich, die Nationalgarde, die Polizei von Washington D.C. und die "Capitol Hill Police". Aber jetzt, nach den Ereignissen im Kapitol, ist es natürlich noch zehnmal stärker. Ich habe gerade letzte Woche mit Kollegen gesprochen, die dabei waren. Die hatten Todesangst. Es war nicht so, dass da mal der Mob ein bisschen Unsinn gemacht und sich rumgefläzt hat. Es ging da wahrscheinlich auch darum, Abgeordnete vor laufenden Kameras zu töten. Umzubringen. Deswegen ist man jetzt natürlich in höchster Achtsamkeit. Der Luftraum ist gesperrt, außerdem wachen 25.000 Nationalgardisten und Polizeibeamte darüber, dass jetzt nichts mehr schief geht.

Hoffnung auf Biden als Brückenbauer

SWR Aktuell: Haben Sie denn Befürchtungen, dass es trotzdem zu Ausschreitungen kommen könnte - entweder vor Ort in Washington oder vielleicht an anderen Stellen der Vereinigten Staaten?

Karl A. Lamers: Ich schließe das nicht aus. Für mich als überzeugten Transatlantiker ist es eine Horror-Vorstellung, was ich da erlebt habe am 6. Januar. Dass ein amtierender amerikanischer Präsident Menschen auffordert zum Sturm auf das Kapitol. Das ist unglaublich so etwas! In Amerika! Nicht irgendwo! Und deswegen bin ich froh, dass heute die Präsidentschaft von Trump endet und eine neue von Joe Biden beginnt. Ich kenne Joe Biden persönlich gut und bin ihm mehrmals auf der Münchener Sicherheitskonferenz begegnet. Er ist ein hervorragender, großartiger Politiker und auch ein toller Mensch, dem ich zutraue, dass er das Land wieder versöhnt nach dieser Spaltung und diesem Hass, den Donald Trump ausgebreitet hat. Und dass er auch zum Brückenbauer in der ganzen Welt wird.

SWR Aktuell: Wie werden sie den heutigen Abend der Amtseinführung verbringen?

Karl A. Lamers: Indem ich stundenlang vor dem Fernseher sitzen und mir das anschauen werde und dann vielleicht nochmal Kollegen anrufe in Washington. Ich habe da direkte Kontakte. Der jetzige Präsident der Versammlung der NATO, Gerald Connolly, ist ein Freund von mir. Mit den Kollegen werde ich heute Nacht vielleicht noch telefonieren und sie beglückwünschen, dass jetzt eine neue Ära beginnt - für Amerika, aber auch für die gesamte freie Welt.

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