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Den Sportvereinen laufen die Mitglieder weg. Denn durch die Corona-Pandemie bieten sie Angebote an, die nicht stattfinden. Besonders hart trifft das Jugendliche: Ihnen fällt fast ihre komplette Freizeitgestaltung weg.

SWR Aktuell: Wenn man auf Jugendliche in dieser Corona-Krise schaut…Normalerweise toben sie, messen sie sich, behaupten sich auch gegenseitig. Das funktioniert eigentlich relativ gut auf einem Bolzplatz irgendwo. Geht aber gerade nicht. Was macht das alles mit jungen Menschen, dass sie das momentan nicht können?

Sabine Hamann: Ich glaube, das macht eine ganze Menge mit den Jugendlichen. Natürlich sind die nicht zu Hause eingesperrt. Es gibt die grundsätzliche Möglichkeit, trotzdem ins Freie zu gehen. Aber alles das, was sie im Moment beschrieben haben, das Miteinander, genau das ist nicht möglich. Das ist ja jetzt endlich auch, woran Jugendliche lernen, wo sie sich weiterentwickeln. Das sehen wir von Seiten der Vereinsverantwortlichen auch durchaus als dramatisch an. Denn es ist etwas, was da ja für die Jugendlichen schon in der weiteren Entwicklung fehlen wird.

SWR Aktuell: Und die Alternative ist dann meist das Sofa mit Handy und Spielekonsole. Als Sportkreisvorsitzende geht Ihnen da wahrscheinlich so ein bisschen der Hut hoch, oder?

Sabine Hamann: Das kann, das ist uns allen klar, keine Alternative sein zum draußen Toben und sich draußen Bewegen. Es ist vollkommen klar, was es für die Gesundheit nicht nur der Jugendlichen, übrigens auch jeder anderen Generation bedeutet, wenn man sich eben nicht bewegen kann. Das hat dramatische Auswirkungen auf die weitere Gesundheit und im Übrigen auch auf solche Dinge wie Schwimmfähigkeit. Wir haben jetzt erste Zahlen vorliegen.

"Wir wissen, dass wir im vergangenen Jahr, so meldet es der Deutsche Schwimm-Verband, ungefähr 75.000 Kinder verloren haben. Also Kinder, die im vergangenen Jahr pandemiebedingt nicht schwimmen gelernt haben. Dies aber ohne Pandemie gelernt hätten."

Wenn man sich diese Zahl dann vor Augen führt - vor dem sowieso schon niedrigen Level derer, die das Schwimmen beherrschen - sind das natürlich dramatische Entwicklungen.

SWR Aktuell: Kann man das überhaupt noch irgendwie einholen? Irgendwann?

Sabine Hamann: Man wird sich natürlich darum bemühen müssen. Das ist ganz klar. Denn man kann ja keine Generation und vor allem kein einzelnes Kind verloren gehen lassen. Man hat ja Rückmeldungen von Psychologen im Moment schon, dass sie sagen, das wird so nicht mehr einzuholen sein. Denn insbesondere die frühe Bildung ist ja eine ganz wichtige Bildung. Also ich denke voll umfänglich einholen wird man es eher nicht können.

SWR Aktuell: Welche Rückmeldungen bekommen Sie denn von den Vereinen, vom Vereinsleben? Da liegt ja auch alles brach…

Sabine Hamann: Man bezeichnet ja die Vereine nicht umsonst als die sozialen Tankstellen. Und genau das ist ja, was letztendlich im Moment Vereine nicht anbieten können:

"Es liegt alles brach: zum einen die Sportangebote selbst, aber eben genau dieses Miteinander, was Vereinsleben ausmacht."

Letztendlich ist es das auch, was vielleicht Mitglieder dazu veranlasst, den Verein zu verlassen. Denn es ist natürlich schwierig, ein Angebot zu präsentieren oder zu verkaufen, was es im Moment überhaupt nicht gibt.

SWR Aktuell: Haben in Ihrem Sportkreis hier in Mannheim schon Vereine aufgegeben, die sagen, es geht auch finanziell nicht mehr weiter?

Sabine Hamann: Ganz hingeschmissen hat noch keiner. Aber wir sind doch an der einen oder anderen Stelle ziemlich kurz davor. Das macht natürlich auch was mit den Menschen. Man darf nicht vergessen, wir haben auch Hauptamtliche in unseren Sportvereinen. Es geht dann auch bei diesen beispielsweise um Arbeitsplätze. Da hat mir jetzt ein hauptamtlicher Geschäftsführer gesagt: "Das ist einfach auch ein richtig blödes Gefühl, Menschen eine Rechnung stellen zu müssen für ein Angebot, das es im Moment nicht gibt." Das sind dann Menschen, die selbst in Kurzarbeit sind oder selbst vor finanziellen Problemen stehen. Die jetzt bitten zu müssen, das Vereinsleben mit am Leben zu halten. Ein Vereinsleben, das uns im Moment verboten ist. Das ist einfach auch emotional sehr herausfordernd.

SWR Aktuell: Jetzt haben am Montag Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten das neue Corona-Konzept verabschiedet. Der neue Lockdown bis Mitte April: Kommt da der Sport vor? Haben Sie sich da drin wiedergefunden. Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung gibt?

Sabine Hamann:

"Für uns ist es der Gipfel der Einfallslosigkeit. Also, ich kann das wirklich nicht anders bezeichnen."

Ganz, ganz schlimm, dass da das Wort Sport noch nicht einmal erwähnt wurde. Der Sport steht in dem Protokoll der Videokonferenz nicht ein einziges Mal drin. Das macht uns natürlich schon auch Sorgen und steigert diese Perspektivlosigkeit dann auch noch mal ein ganzes Stück, obwohl wir es ja bewiesen hatten, dass Hygienepläne vorliegen, dass es Vereine eigentlich können.

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