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Wie hart trifft der Lockdown den Handel? Die Antwort auf diese Frage ist kompliziert. Online-Händler sind nicht die einzigen Profiteure der Krise - und nicht alle stationären Geschäfte haben Probleme. Ein Gespräch mit dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Jannis Bischof von der Uni Mannheim.

SWR Aktuell: Die IHK Rhein-Neckar sagt, dass viele Unternehmen wegen der Corona-Pandemie Existenzsorgen haben. Gleichzeitig hat die Bundesregierung immense Staatshilfen zur Verfügung gestellt.  Ist Jammern unter diesen Umständen überhaupt gerechtfertigt?

Jannis Bischof: Einige Unternehmen beklagen sich auf jeden Fall zurecht. Wir haben im vergangenen Jahr vor allem bei zwei Gruppen massive Einbrüche gesehen: Und zwar einerseits bei denjenigen Unternehmen, die tatsächlich schließen mussten und andererseits bei den kleinen Läden, die wenig Ausweichmöglichkeiten im Online-Bereich haben. Bei solchen Unternehmen sehen wir Gewinn und Umsatzeinbrüche von durchschnittlich 15 bis 20% - und im Einzelfall noch viel stärker. Da geht es um Existenzen. Es gibt aber auch Bereiche im Handel, die von der Situation durchaus profitiert haben, da sind Ausweicheffekte zu erkennen. Insofern wird die Position, dass es dem Einzelhandel schlecht geht, manchmal zu pauschal dargestellt.

SWR Aktuell: Kann man in sagen, dass es bestimmte Branchen sind, die von der Krise profitieren?


Jannis Bischof: Schauen wir uns die Zahlen an, die wir um den 16. Dezember erhoben haben. Damals mussten manche Einzelhändler plötzlich schließen, die nicht mit Lebensmitteln, mit Drogeriebedarf oder mit anderen Produkten des täglichen Bedarfs handeln. Größere Läden aber, die geöffnet bleiben durften, bieten genau solche Produkte an, die man in den geschlossenen Geschäften hätte kaufen können. Diese Ausweicheffekte sehen wir sogar an steigenden Gewinnen der geöffneten Läden in der zweiten  Dezemberhälfte. Das liegt nicht nur am Weihnachtsgeschäft. Man sieht, dass mancher Fachhändler Kunden verloren hat, die dann Spielzeug oder Schreibwaren in großen Läden gekauft haben. Das sind Profiteure dieser staatlichen Maßnahmen.

SWR Aktuell: Zurzeit bekommt jedes Unternehmen 75% seines Umsatzes im Vorjahresmonat vom Staat ersetzt. Ist das aus Ihrer Sicht zielgerichtet bzw. gerecht?

Jannis Bischof: Nein, weil die Unternehmen ganz unterschiedlich dazu in der Lage sind, ihre Fixkosten zu senken. Es gibt Unternehmen, die sind sehr flexibel, die haben nur Saisonarbeitskräfte. Sie setzen nur auf Zeitarbeit, da kann man sehr schnell die Personalkosten reduzieren. Diese Unternehmen erhalten genau die gleiche Erstattung, wie diejenigen Unternehmen, die mehr Verantwortung zeigen. Also Unternehmen, die langfristig Personal einstellen und ihre Mitarbeiter auch durch die Krise weiterbezahlen. Gleichzeitig müssen die Unternehmen ihre Miete in der Krise begleichen. Manche haben hohe Energiekosten, weil sie Lagerhallen haben, die sie weiter betreiben müssen. Das sind die Unterschiede, die wir sehen. Staatshilfen pauschal nach den Umsätzen zu bemessen, wird der Situation nicht gerecht.

SWR Aktuell: Viele Unternehmen beklagen, dass die Staatshilfen bei ihnen überhaupt nicht ankommen. Woran liegt das?

Jannis Bischof: Zunächst muss man sagen, dass sich durch die Höhe der Staatshilfen im November und Dezember durchaus Zufriedenheit bei den Unternehmen eingestellt hat, weil die Regelung großzügig ist. Zumindest waren die Unternehmer zufriedener als im Frühjahr, als sich viele allein gelassen gefühlt haben. Was wir jetzt beobachten, ist er ein Verwaltungsproblem. Die staatlichen Behörden waren schlicht nicht vorbereitet, in dieser Größenordnung Staatshilfen auszuzahlen, zu verwalten und  - was ja durchaus im Interesse von uns als Steuerzahlern ist - zu überprüfen, dass es da nicht in zu vielen Fällen auch zu missbräuchlicher Inanspruchnahme kommt.

SWR Aktuell: Was erwarten sie für die kommenden Monate, wenn wir uns jetzt so ein bisschen an dieses staatlich Unterstützungssystem gewöhnt haben und sich die Krise dann doch noch länger hinzieht, als wir das wahrhaben wollen?

Jannis Bischof: Es wird einige Krisen-Verlierer geben, insbesondere weil schon abzusehen ist - und das sagen ja auch erste Stimmen aus der Politik - dass man in diesem Umfang die Staatshilfen nicht viel länger aufrechterhalten kann. Da geht es auch um weitere Staatsschulden, die es zu vermeiden gilt. Sobald diese staatlichen Hilfsmaßnahmen in diesem Umfang aber nicht mehr ausgezahlt werden, werden die Insolvenzen einsetzen. Das sehen wir auch in unseren Zahlen des German Businesses Panel, dass die Erwartung weit oberhalb von der üblichen Insolvenzraten liegen. Es wird in einzelnen Branchen wie z. B. im Reisebereich, im Tourismusbereich, in der Gastronomie und in den Hotels damit gerechnet, dass es zu Ausfällen von bis zu 40 % aller Unternehmen kommt. Das sind dann natürlich die klaren Verlierer.

SWR Aktuell: Gibt es denn überhaupt eine Alternative zu staatlichen Hilfen?

Jannis Bischof: Man muss sehen, dass es bestimmte Geschäfte gibt, die werden, wenn die Krise zu Ende ist, vermutlich in der bisherigen Form nicht weiter existieren können. Das liegt daran, dass sich unser Lebensstil während dieser Krise verändert hat.

Mannheim

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