Zerstörter Panzer in der Ukraine (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/SOPA Images via ZUMA Press Wire | Aziz Karimov)

Interview mit der deutsch-ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar

Drei Monate Ukraine-Krieg: Wie ist die Lage vor Ort?

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Drei Monate dauert der Krieg in der Ukraine bislang an. Ein Ende ist nicht in Sicht. Und die Menschen brauchen vor Ort weiterhin Hilfe.

SWR-Aktuell: Drei Monate ist es her, dass der Ukraine-Krieg begonnen hat. Inwiefern hat sich ihr Leben in den letzten drei Monaten verändert?

Andriy Bernadyn von deutsch-ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar: Sehr viel, weil natürlich niemand von uns in der Ukraine im schlimmsten Albtraum damit gerechnet hat, dass es zu einem brutalen, schlimmen Krieg kommt, wie wir ihn jetzt erleben. Und seit den ersten Stunden, seit den ersten Minuten, haben wir hier in der ukrainischen Gemeinschaft natürlich alles gemacht, damit wir so schnell wie möglich und so viel wie möglich unserer Heimat, unseren Leuten, allen Bedürftigen dort helfen können.

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Und Dank unserer Organisation hier, der deutsch-ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar in Heidelberg, konnten wir natürlich sehr, sehr viele Leute zusammen organisieren. Auch die Unterstützung in der deutschen Gesellschaft und die ganzen Spendenaktionen, Sachspenden, auch finanzielle Spenden, haben uns sehr geholfen in diesem drei Monaten. Aber natürlich, wir sind mittendrin. Jetzt schon erleben wir auch wahrscheinlich einer der schwierigsten, wenn nicht die schwierigste Phase.

"Wir bekommen weniger Spenden"

Es flacht ja dann irgendwann so ein bisschen ab. Merken Sie das auch gerade?

Genau, ja. Weil es ist das natürlich nicht zu vergleichen mit den ersten vier und sechs Wochen, als wirklich von allen Ecken, von allen Seiten die Hilfe kam. In den letzten Wochen merken wir, dass die Kurve abflacht. Wir bekommen etwas weniger Spenden. Aber es ist umgekehrt: Wir brauchen jetzt nicht weniger, sondern sogar mehr Spenden, weil natürlich nicht alle Flüchtlinge aus diesen östlichen und südlichen Regionen, die am schlimmsten betroffen sind, hier nach Europa, nach Deutschland, kommen können.

Die meisten bleiben dort vor Ort, und sie brauchen sehr viel Hilfe. Sie brauchen eine Unterkunft, Schlafmöglichkeiten und so weiter. Für die zerbombten Krankenhäuser organisieren wir mittlerweile zum Beispiel Krankenwagen. Also nicht nur Sachspenden, wie Nahrungsmittel, Arzneimittel, Verbandsmaterial, etc. werden gebraucht, sondern auch Transportmittel, wie zum Beispiel einen Krankenwagen.

Vor zwei Wochen haben wir leider auch einen Refrigerator für den Transport von Leichen organisiert. Denn in der Sommerzeit, wo es heiß ist, müssen die ganzen Opfer auch irgendwie an die entsprechenden Stellen gebracht werden. Wir versuchen, so stark wie möglich zu helfen. Und natürlich brauchen wir weiterhin Unterstützung von der deutschen Gesellschaft. Und deswegen appellieren wir und rufen dazu auf, uns weiterhin zu helfen. Der Krieg ist längst nicht vorbei. Und er ist jetzt sogar in der schwierigsten Phase.

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Bislang 70 Lkws in die Ukraine geschickt

Dann hoffen wir natürlich, dass die Menschen durch so ein Gespräch merken, dass es den Krieg immer noch gibt. Und, dass wir nach wie vor helfen können. Dieser Krieg ist eine ganz schlimme Sache. Haben Sie denn trotzdem in den letzten drei Monaten auch irgendetwas Positives mitnehmen können?

Ja, auf jeden Fall. Das kann ich nur sehr stark versuchen zum Ausdruck zu bringen. Wir waren sehr überrascht, wie viele einheimische Leute, die deutsche Gesellschaft, auf der einfachsten Ebene ihre Bereitschaft erklärt haben und auch tatsächlich geholfen haben, mit vielen Sachspenden, mit finanziellen Mitteln auch vor Ort beim Abladen, Verladen, Verpacken.

Auch wurde uns zum Beispiel Lager zur Verfügung gestellt. Es war am Anfang sehr schwer, Räumlichkeiten zu finden, wo wir den ganzen Transport organisieren konnten. Wir sind sehr dankbar für die deutsche Gesellschaft, für die einfachen Menschen, die uns unterstützt haben, und weiterhin unterstützen. Aber wie gesagt, ich möchte nur noch einmal erwähnen, dass wir weiterhin sehr stark Hilfe brauchen. Damit wir weiterhin diese humanitären Transporte organisieren können.

Wir haben bis jetzt in den letzten drei Monaten circa 70 Lkws organisiert und in die Ukraine geschickt. Und in den letzten Wochen ist es deutlich weniger geworden, weil die Transporte schwieriger geworden sind. Es kostet jetzt mittlerweile auch etwas mehr. Wir bitten weiterhin um die Hilfe und Unterstützung.

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SWR