Maria Melnik von der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft

"Das Existenzrecht wurde der Ukraine immer abgesprochen"

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Der Russland-Ukraine-Konflikt bereitet den Mitgliedern der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar große Sorgen. Ein Gespräch mit der Vereinsvorsitzenden Maria Melnik kurz vor Kriegsbeginn.

Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde kurz vor Beginn des Angriffs Russlands auf die Ukraine geführt. Aktuelle und fortlaufende Infos zum Krieg finden Sie hier.

SWR Aktuell: Kommen Sie bei der aktuellen Nachrichtenlage im Moment eigentlich noch vom Fernseher bzw. vom Computer weg?

Maria Melnik: Ich habe den Eindruck, dass Sie mir über die Schulter schauen! Ganz genau so ist es. Vorletzte Nacht saß ich bis 2:30 Uhr vor dem Fernseher. Über Satellit kann ich auch ukrainisches Fernsehen empfangen. Die ganze Situation lähmt den normalen Alltag. Es geht allen meinen Landsleuten hier in der Region genauso. Man sitzt angespannt und mit angehaltenem Atem vor dem Fernseher und wartet stündlich auf die neuesten Entwicklungen, die sich natürlich nicht positiv entwickeln werden, wenn man diese Rede von Putin gehört hat. Er hat ja ganz klar angekündigt, was er möchte und was er vorhat.

Gehen Sie davon aus, dass der Konflikt nicht mehr mit Diplomatie zu lösen ist?

Seien wir doch ehrlich und schauen uns die letzten Monate an. Putin hat die Welt vorgeführt und vor sich hergetrieben. Er hat agiert. Der Westen hat reagiert. Wenn man die Politik Putins betrachtet, besteht diese leider Gottes aus Lügen und Täuschungen. Genau so ist er mit den Staatslenkern der freien Welt umgegangen. Er hat etwas versprochen und es am nächsten Tag wieder zurückgenommen.

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat eine Teileinberufung von Reservisten angekündigt. Es heißt, Menschen im Alter von 18 bis 60 Jahren werden jetzt wieder als Streitkräfte herangezogen. Haben Sie in dieser Richtung schon etwas mitbekommen?

Nein, ich kenne nur diese Meldung. Natürlich haben sich in den Städten im Osten, die sich ganz akut von der russischen Aggression bedroht fühlen, auch Bürgerwehren gebildet: Frauen, junge Frauen, alte Frauen, Männer. Alles, was sich in der Lage fühlt, steht auf und bereitet sich vor. Sie werden auch von ehemaligen Frontkämpfern trainiert. Sie bekommen Verhaltensmaßregeln, was zu tun wäre und wie man sich schützen kann. Es werden auch Broschüren verteilt für die Kinder, damit sie wissen, wie sie sich zu verhalten haben, wenn sie in der Schule sind und irgendetwas passieren würde. In der Ukraine ist man schon sehr realistisch, dass der nächste Schritt folgen wird. Die haben ja auch die Panzer an der Kontaktlinie bis zu einem Kilometer vor die Grenze vorfahren lassen, täuschen so eine Art Manöver vor und fahren dann wieder zurück. Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Putin wird sich von den Sanktionen, die der Westen angekündigt hat, nicht abhalten lassen - das hat er in seiner Politik und Strategie schon eingepreist. Putin hat ja der Ukraine das Existenzrecht abgesprochen. Es sei kein Land, keine Nation, sondern ein künstliches Gebilde, das von Lenin erschaffen wurde. Das ist eine Verdrehung der Weltgeschichte, die hanebüchen ist.

Ist das aus Ihrer Sicht erst seit Putin der Fall?

Die Ukraine hat mit ihrem Nachbarn Russland eine lange, leidvolle und blutgetränkte Geschichte. Das ist im Westen so nicht bekannt. Zu Zeiten der Sowjetunion wusste man nicht mal so genau, wo die Ukraine ist. Die Ukraine wurde immer mit Russland gleichgesetzt. Das hat natürlich mit der russischen Politik zu tun - ob das nun unter dem Zaren war, unter Stalin oder unter Putin: Das Existenzrecht wurde ihr immer abgesprochen. Das ist eine Politik, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht.

Glauben Sie - oder auch die Mitglieder in Ihrem Verein - dass es doch noch eine Möglichkeit gibt, diesen Konflikt zu stoppen?

Nein, es gibt keinen Strohhalm, an den wir uns klammern können. Es kann nur noch eine weitere Eskalation dieser Entwicklungen geben.

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