Ende der meisten Corona-Regeln

Heidelberger Virologe Kräusslich sieht Wegfall der Maskenpflicht kritisch

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Die Corona-Lage auf den Intensivstationen hat sich entspannt, auf den normalen Stationen aber nicht. Der Heidelberger Virologe Hans-Georg Kräusslich kritisiert den Wegfall der Maskenpflicht.

SWR Aktuell: Herr Kräusslich, ab dem 3. April fallen in Deutschland die Corona-Beschränkungen inklusive der Maskenpflicht weg, außer etwa in Krankenhäusern, Straßenbahnen, Bussen und Alten- und Pflegeheimen. Bereitet Ihnen das aus virologischer Sicht Bauchschmerzen oder sehen Sie das eher entspannt?

Hans-Georg Kräusslich: Also ich wäre dafür gewesen, die Möglichkeit einer Maskenpflicht auch in anderen Bereichen, insbesondere in den Innenräumen, in denen man sich länger aufhält, über diesen Zeitraum hinaus aufrechtzuerhalten. Ich hätte das sehr befürwortet, und das habe ich schon öfter gesagt. Ich halte das für nicht günstig, dass sie komplett wegfällt und würde sehr an alle appellieren, in den Bereichen, in denen man sich zumindest längere Zeit aufhält, weiterhin die Maske, idealerweise die FFP2-Maske zu tragen.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach das Infektionsgeschehen ab dem 3. April in Deutschland verändern?

"Ich erwarte, dass der Rückgang weitergeht, aber das Risiko ist immer noch gegeben."

Im Moment sehen wir ja, dass wohl das Plateau erreicht ist und die Zahlen fallen. Jetzt im Moment ist es zwar bitterkalt, aber ich hoffe, dass das Wetter von letzter Woche bald wieder zurückkommt und wir wärmere Temperaturen haben. Ich erwarte schon, dass der Rückgang weitergeht. Aber für den Einzelnen ist halt das Risiko immer noch gegeben, insbesondere wenn er ein gewisses persönliches Risiko trägt.

Uniklinikum Heidelberg: Deutlich weniger Intensivpatienten

Wie ist aktuell die Corona-Lage im Uniklinikum Heidelberg, sowohl was die Patienten angeht als auch das medizinische Personal?

Das Gute ist, dass wir in den Intensivstationen weiterhin keinen erheblichen Druck spüren. Wir haben deutlich weniger Intensivpatienten, als wir noch vor vier Wochen hatten, obwohl wir sehr hohe Infektionszahlen haben. In den Normalstationen haben wir dagegen viel mehr als je, aber die meisten davon nicht wegen Corona, sondern mit Corona. Das heißt, die liegen in der Orthopädie oder der Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde oder wo auch immer und dort ist auch ihr primäres Problem, weswegen sie in die Klinik kommen.

Aber natürlich werden sich auch Menschen, die andere Krankheiten haben, mit Corona infizieren. Das bedeutet, dass in der Klinik die Isolierungsmaßnahmen immer noch hoch sein müssen, aber jetzt sehr verstreut über viele Bereiche, was zusätzliche Belastungen birgt.

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Im Schnitt fallen bis zu 500 Klinik-Beschäftigte aus

Unser Hauptproblem ist eindeutig der Ausfall von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Pflegebereich, im ärztlichen Bereich, im medizintechnischen Bereich, überall. Wir haben im Schnitt zwischen 400 und 500 Personen, die nicht arbeitsfähig sind wegen einer akuten Infektion. Zum Teil geht es denen gut. Sie sind zuhause, aber müssen sich weiter isolieren. Das ist natürlich eine erhebliche Belastung, weil wir eh schon an der Kapazitätsgrenze sind, das Pflegepersonal insbesondere auch durch die ganze Pandemie-Situation enorm belastet ist.

Welche Corona-Regeln würden Sie sich persönlich mittelfristig bis in den Sommer hinein wünschen?

Ich würde gerne die Möglichkeit sehen, die Maskenpflicht in Innenräumen weiterhin als Pflicht vorzusehen. Das ist aus meiner Sicht die Hauptregel, die man brauchen würde. Die restlichen Regeln sind gar nicht entscheidend. Dann hätten wir eine wesentlich bessere Situation und deutlich höhere Sicherheit. Dass man das dann nicht umsetzen muss, wenn im Mai die Infektionszahlen deutlich niedriger sind, ist völlig klar. Aber die Möglichkeit zu erhalten, hielte ich für gut. Ob das juristisch nicht möglich war, wie Vertreter der Bundesregierung sagen, oder nicht, das entzieht sich meiner Kenntnis.

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In Innenräumen weiterhin eher FFP2- oder medizinische Maske?

Die FFP2-Maske schützt besser. Da gibt es inzwischen viele Studien, die das zeigen. Aber lieber die medizinische als gar keine. Wenn ich keine trage, ist das Risiko am höchsten.

Impfpflicht für alle ab 18 nicht durchsetzbar

Im Bundestag soll in der kommenden Woche über eine Impfpflicht abgestimmt werden. Welches Ergebnis erwarten Sie und welches würden Sie sich wünschen?

Ich glaube, dass die Diskussion klar dahin geht, dass die allgemeine Impfpflicht ab 18 keine Mehrheit bekommen wird. Ich nehme auch an, dass sie juristisch kaum durchsetzbar sein würde in der jetzigen Situation. Ob man sich auf eine Impfpflicht ab dem höheren Alter einigen kann oder nicht, weiß ich nicht. Das muss man einfach abwarten.

"Wir wissen ja, dass sich auch geimpfte und geboosterte Personen weiter infizieren und das Virus weitergeben können."

Persönlich habe ich den Eindruck, dass es schon wünschenswert wäre, einen hohen Impfschutz, insbesondere in der älteren Bevölkerung zu erreichen. Ich habe aber Zweifel, ob am Ende eine Impfpflicht für ältere Personen einer juristischen Überprüfung standhalten wird, weil es dort um den Eigenschutz geht und nicht mehr um den Bevölkerungsschutz. Denn wir wissen ja, dass sich auch geimpfte und geboosterte Personen weiter infizieren und das Virus weitergeben können. Insofern bin ich da nicht so sicher, ob das sinnvoll ist.

Nach Ostern deutlich weniger Infektionen, im Herbst wieder mehr

Wann wird Ihrer Einschätzung nach die aktuelle Welle wirklich signifikant abflauen, damit wir ein bisschen aufatmen können?

Ich denke, wir sehen den Beginn des Abflauens. Wir sehen ein Plateau, wir sehen jetzt auch einen Abfall. Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass wir nach Ostern, je nach Wetterlage und so weiter, Ende April oder so deutlich abfallende Werte sehen werden. Das ist auch in anderen Ländern eigentlich in der Regel so der Fall gewesen. Dass es im Herbst wieder vermehrt Fälle geben wird, ist sehr wahrscheinlich. Das Virus wird nicht weg sein.

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Ihr Kollege Christian Drosten von der Berliner Charité hat davon gesprochen, dass die Corona-Pandemie spätestens 2024 vorbei sein wird. Schließen Sie sich da an?

"Das kann noch über das gesamte Jahr 2023 hinweggehen."

Ich wäre vorsichtig mit irgendwelchen konkreten Aussagen, wann die Pandemie vorbei sein wird oder wie lange sie noch dauern wird. Ich glaube, das wissen wir alle nicht. Was Herr Drosten nach meinem Verständnis meint, ist, der Bevölkerung mitzugeben, dass wir nicht davon ausgehen sollen, dass jetzt schon alles vorbei ist, dass wir auch noch eine gewisse Zeit mit dem Pandemievirus leben müssen. Bis sich eine ausreichende Immunität durch wiederholte Impfungen und auch Infektionen in der Bevölkerung gebildet haben wird, sodass dann alle einen Grundschutz haben. Das kann noch über das gesamte Jahr 2023 hinweggehen. Einzelne schwere Krankheitsfälle wird es auch weiterhin geben.

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