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Die Landesregierung kündigt Ausgangsbeschränkungen an, der "harte Lockdown" bleibt vorerst aus. Das stößt in der Region auf Lob, aber auch Kritik. Unter anderem von Heidelbergs Oberbürgermeister Würzner.

Am Freitag kündigte der Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) allgemeine Ausgangsbeschränkungen für ganz Baden-Württemberg an. Sie gelten ab Samstag (12.12.2020).

"Wir müssen die Maßnahmen drastisch verschärfen."

Winfried Kretschmann (Grüne)

Von 20 bis 5 Uhr ist der Aufenthalt außerhalb der eigenen Wohnung nur aus triftigen Gründen erlaubt, beispielsweise um zur Arbeit zu gehen oder aus medizinischen Gründen.

Heidelbergs OB Würzner: "Reicht nicht"

Der Heidelberger Oberbürgermeister Eckart Würzner zeigte sich in einer ersten Reaktion auf die Beschlüsse der Landesregierung nicht ganz zufrieden. Das reiche nicht aus, um die aktuelle Infektionswelle zu brechen.

"Wir müssen noch vor Weihnachten die Schulen und Geschäfte bis auf Angebote des täglichen Bedarfs schließen. Ich hoffe sehr darauf, dass sich Bund und Länder bei ihren Gesprächen auf einen harten Lockdown verständigen können – am besten schon ab dem 19. Dezember."

Heidelbergs OB Eckart Würzner (parteilos)

Und er ergänzt: "Sollten sich Bund und Länder nicht darauf verständigen können, muss das Land Baden-Württemberg für sein Gebiet die jetzt beschlossenen Regelungen im Bereich Schule und Geschäfte sofort nachschärfen."

Mannheims OB Kurz: "Grundsätzlich richtig"

Auch der Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) hat sich zu den Beschlüssen geäußert und sie als grundsätzlich richtig bezeichnet. Aber er fordert weitere Maßnahmen.

"Weitere Maßnahmen sind unumgänglich, da die Krankenhäuser überlastet werden. Die fortschreitende Infektionsdynamik zeigt, dass der Lockdown light und die Verschärfungen nicht genügt haben. Ein Lockdown von mindestens zwei bis drei Wochen ist demnach zwingend."

Mannheims OB Peter Kurz (SPD)

Der Lockdown müsse zeitlich begrenzt sein, sagte Kurz weiter, denn die Menschen bräuchten klare Perspektiven. "Wenn er erst nach Weihnachten angesetzt wird, müssen wirksame Maßnahmen, die den Anstieg dämpfen, schon jetzt angesetzt werden."

NOK-Landrat Brötel unterstützt Landesregierungskurs

Die jetzt getroffenen Entscheidungen der Landesregierung hält der NOK-Landrat Achim Brötel für absolut richtig.

"Wer den Schuss jetzt noch nicht gehört hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Es besteht dringender Handlungsdruck und es gibt keine Zeit mehr zu diskutieren."

NOK-Landrat Achim Brötel (CDU)

Bundesweiter Lockdown wahrscheinlich?

Kretschmann geht fest davon aus, dass es nach Weihnachten bis mindestens zum 10. Januar einen bundesweiten Lockdown im Kampf gegen das Coronavirus geben wird. Es gebe nach seiner Wahrnehmung einen Konsens unter den Länder-Regierungschefs, sagte der Grünen-Politiker.

Einzelhandel bleibt vorerst offen

Bislang bleibt der Einzelhandel also geöffnet. Flächendeckend. Swen Rubel, Geschäftsführer des Handelsverbands Nordbaden, zeigte sich in dieser Frage hin und her gerissen.

"Bei allen Sorgen um unsere Branche: Es ist aufgrund der Fallzahlen auch für uns ganz klar, dass gehandelt werden musste. Wenn der Handel jetzt noch von Schließungen verschont ist, werden wir damit dankbar und verantwortungsvoll umgehen. Solange wir noch öffnen dürfen werden wir alles tun, dass unsere Kunden bei uns sicher und entspannt einkaufen können."

Swen Rubel, Handelsverband Nordbaden

Appell für "harten Lockdown"

Am Donnerstag hatten der Heidelberger OB Eckart Würzner (parteilos), der Landrat des Rhein-Neckar-Kreises Stefan Dallinger (CDU) sowie Ingo Autenrieth, Vorstandschef des Heidelberger Uniklinikums einen harten Lockdown gefordert.

"Unsere Kliniken in Stadt und in der Region sind am Limit."

Heidelbergs OB Eckart Würzner (parteilos)

Das sieht auch der Landrat im Neckar-Odenwald-Kreis so. Achim Brötel (CDU) spricht von einem "dramatischen Infektionsgeschehen".

Plätze in Kliniken werden knapp

Auch wenn man in Heidelberg und im Rhein-Neckar-Kreis noch unter der 7-Tage-Inzidenz von 200 sei, würden die Plätze auf den Intensivstationen knapp, so Würzner. Es kämen gleich mehrere Probleme zusammen:

"Es kommen jeden Tag zu viele neue Patienten. Gleichzeitig können weitgehend genesene Patienten nicht in Pflegeheime verlegt werden, weil viele Häuser aufgrund von Corona-Ausbrüchen sie nicht aufnehmen können. Und es gibt vermehrt Infektionen auch bei den Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften. Es droht eine Überlastung unseres Klinik-Systems."

Heidelbergs OB Eckart Würzner (parteilos)

Landrat Dallinger ist besorgt

"Die Lage ist ernst. Insbesondere der starke Anstieg der Fall- und Opferzahlen zeigt uns, dass wir dringend reagieren müssen", so Landrat Stefan Dallinger.

Ingo Autenrieth, Vorstandschef des Uniklinikums Heidelberg teilte mit, es sei wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass auch das Universitätsklinikum Heidelberg an seine Kapazitätsgrenzen komme.

Ingo Autenrieth in Heidelberg mit Atemschutzmaske an Pult mit Mikrofon  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Uwe Anspach/dpa)
Ingo Autenrieth, Vorstandsvorsitzender und Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Heidelberg picture alliance/Uwe Anspach/dpa

"Wenn die Zahl der schwer erkrankten Covid-Patienten, die eine langfristige intensive Behandlung benötigen, weiterhin ansteigt, dann erreichen wir eine kritische Dimension, auch was die Versorgung von Nicht-Covid-Patienten betrifft."

Prof. Dr. Ingo Autenrieth, Vorstandsvorsitzender des Heidelberger Uniklinikums
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