Taliban in Kabul (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/via AP | The White House)

Interview mit Heidelberger Politikwissenschaftler

Die Biden-Strategie in Afghanistan war naiv

STAND

Die Weltgemeinschaft blickt gebannt auf Afghanistan. Auf Kabul. Auf die Situation am Flughafen vor Ort. Über soziale Medien verbreiten sich grausame Bilder, die Menschen voller Angst vor den Taliban zeigen. Das Ende einer US-Politik, die sich verkalkuliert hat, sagt Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies.

Was jetzt passiert, sei absehbar gewesen. Internationale Beobachter sind sich in der Frage der politischen Entwicklung in Afghanistan relativ einig: In den Regierungssitzen der westlichen Welt hätte man mit der Entwicklung am Hindukusch rechnen können. Oder müssen.

"Die Geschwindigkeit des Zusammenbruchs war vorhersehbar"

Professor Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies der Universität Heidelberg lehrt und forscht zur internationalen US-Politik, setzt sich eng mit der politischen Situation in den USA auseinander. Und verfolgt nicht zuletzt die Biden-Administration und deren politisches Handeln von Heidelberg aus. Im SWR-Interview schätzt er die aktuelle Situation ein.

Prof. Martin Thunert, Politikwissenschaftler am Heidelberg Center for American Studies (Foto: Martin Thunert)
Prof. Martin Thunert, Politikwissenschaftler am Heidelberg Center for American Studies Martin Thunert

SWR Aktuell: Herr Thunert, warum haben die schnellen Erfolge der Taliban die US-Amerikaner so sehr überrascht?

Martin Thunert: In den sicherheitspolitischen Think Tanks in Washington fragt man sich, was die US-Regierung unter Joe Biden über den Zustand der afghanischen Sicherheitskräfte vor dem Abzug der USA wusste und was nicht. Dennoch weisen Afghanistan-Kenner darauf hin, dass die Geschwindigkeit des Zusammenbruchs vorhersehbar war. Dass die US-Regierung nicht vorhersehen konnte, oder sich vielleicht weigerte zuzugeben, dass die angeschlagenen afghanischen Streitkräfte ihre langjährige Praxis fortsetzen würden, Abmachungen mit den Taliban zu treffen, zeigt auch unter Biden erneut eine gewisse Naivität, mit der Amerika den Afghanistan-Krieg seit Jahren geführt hat.

Zum Teil wird geschrieben, dass die Bilder aus Kabul und die Situation rund um die Ortskräfte die Präsidentschaft von Biden massiv beeinträchtigen werden. Haben Sie das Gefühl, die US-Regierung hat die Situation vor Ort unterschätzt?

Die Bilder aus Kabul wecken natürlich Erinnerungen an die chaotische Evakuierung der US-Botschaft in Saigon 1975 und rufen auch sonstige Assoziationen zur Niederlage im Vietnam Krieg hervor. Kein US-Präsident will, dass sich Bilder wie jene des letzten Helikopters, der 1975 vom Dach der US-Botschaft in Saigon abhob, wiederholen. Das tun sie jetzt in gewissem Maße mit den Menschen, die sich am Kabuler Flughafen an startende US-Militärmaschinen klammern wollen. 

"Dadurch erweist sich Bidens Slogan 'Amerika ist zurück' als hohle Phrase, denn die Bilder zeigen eher, dass Amerika 'on the run' ist, also relativ planlos wegrennt. Und mit den USA nahezu der gesamte Westen."

Martin Thunert: Joe Biden hat die Afghanistan-Politik Trumps zu nahezu 100 Prozent fortgesetzt. Im Grundsatz war die Entscheidung beider Präsidenten, das Land nach 20 Jahren zu verlassen, bei den meisten Amerikanern populär. Doch nicht die Art und Weise des Abzugs: Noch vor fünf Wochen hat Biden in einer Pressekonferenz das Szenario, dass die Taliban das Land innerhalb weniger Wochen nahezu kampflos übernehmen würden, ins Reich der Fantasie verwiesen.

Ob unterschätzt oder nicht: Der Oberbefehlshaber der angeblich besten Geheimdienste der Welt und der vielleicht noch einzigen Supermacht hat sich spektakulär verkalkuliert. Außen- und sicherheitspolitische Erfahrung über fünf Jahrzehnte war einer der größten Trümpfe Joe Bidens, gerade auch bei den Verbündeten und bei seinen zahlreichen Fans in Berlin. Dieser Erfahrungsschatz hat ihn genauso wenig vor dieser spektakulären Fehleinschätzung bewahrt, wie Trumps Unkenntnis der Dinge ihn während seiner Präsidentschaft vor Fehlern bewahrt hat.

Was erwarten Sie jetzt von der internationalen Gemeinschaft, wie müssen sich die USA und wie muss sich Deutschland in den nächsten Tagen verhalten?

Natürlich müssen alle in Afghanistan engagierten Staaten jetzt ihre Botschaftsangehörigen, NGO-Mitarbeiter und auch die afghanischen Ortskräfte, die eng mit den NATO-Staaten zusammengearbeitet haben, möglichst schnell und geordnet aus dem Land holen.

Gleichzeitig müssen wir alle Erkenntnisse, die über die jetzigen Taliban (nicht die aus den 1990er Jahren) vorliegen, genau studieren. Um so herauszufinden, wie die heutigen Taliban ticken und ob es dort Fraktionen gibt, mit denen man vielleicht arbeiten kann.

"Die heutigen Taliban sind möglicherweise viel mächtiger als die der 1990er Jahre, da sie professioneller auftreten."

Und nicht zuletzt deshalb, da sie nun hochmoderne Waffen, welche die Amerikaner den ohne Kampf besiegten Regierungstruppen überlassen haben, unbeschädigt in ihren Händen halten.

Man muss darauf bauen, dass die Taliban dieses Mal Anreize haben, nicht in so extremistisch-islamistischer Weise zu regieren wie in den 1990ern. Ich denke, die Taliban von heute wissen, dass der Westen wieder direkt militärisch eingreifen würde, aber nur dann, wenn sie das von ihnen kontrollierte Land wie zu einer Abschussrampe und Trainingsgelände für internationalen islamistischen Terrorismus machen würden.

SWR Aktuell: Kann es sein dass der Einsatz in Afghanistan doch noch in anderer Form wieder aufgenommen wird?

Martin Thunert: Nein, das denke ich nicht, außer für den Fall, dass die Taliban ihr Land wieder internationalen islamistischen Terroristen überlassen würden. Biden gehörte - anders als Obama - in den USA stets zur Fraktion derjenigen, die den Afghanistan Einsatz als Anti-Terror-Maßnahme verstanden haben. Und dem Nation-building-Ansatz (*Anm. der Redaktion: Aufbau eines funktionsfähigen Staates mit akzeptierten Institutionen) skeptisch gegenüber standen.

Auch Karl A. Lamers sieht die Lage als komplettversagen des gesamten Westens

Der Heidelberger CDU-Bundestagsabgeordnete Karl A. Lamers kritisiert ebenfalls die Vorgehensweise des Westens. Seiner Meinung nach sei der Abzug der internationalen Truppen überhastet. Was jetzt mit der Machtübernahme der Taliban geschieht, hätte nie passieren dürfen, so Lamers.

STAND
AUTOR/IN
SWR