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Erst Stuttgart, dann Heidelberg. Zwischen der Polizei und Jugendlichen ist es zuletzt immer wieder zu Auseinandersetzungen gekommen. Aber warum diese Aggression? Der Heidelberger Kriminologe Christian Laue sagt: Weil die Polizei die falsche Strategie verfolgt.

Die "Stuttgarter Krawallnacht" ist zum Synonym geworden. Für eine Situation zwischen Polizei und feiernden Jugendlichen, die in die völlig falsche Richtung läuft. Und am Ende in blinder Wut und Gewalt endet. Die Polizei passt Strategien an, zählt Gründe für striktes Durchgreifen auf.

Die Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten wird zurecht verurteilt. An diesem Punkt ist eine rote Linie überschritten. Und dennoch bleibt nach Ausschreitungen wie zuletzt mehrfach auf der Heidelberger Neckarwiese eine Frage offen: Woher kommt diese Gewalt, die von den Jugendlichen ausgeht?

Interview mit dem Heidelberger Kriminologen Christian Laue:

Heidelberger Kriminologe erkennt wiederkehrende Muster

Der Heidelberger Kriminologe Christian Laue vergleicht die Situation in Heidelberg mit der in Stuttgart. Und erkennt ähnliche Muster: Jugendliche würden sich nach Kontrollen gegen die Polizei verbünden. So ist es aus seiner Sicht in Stuttgart gewesen, so war es in Heidelberg. In beiden Fällen sei ein längerer Lockdown dem Gewaltexzess vorausgegangen.

"Die Jugendlichen haben sich wieder solidarisiert und so kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Es ist also immer ein gleiches oder sehr ähnliches Ablaufmuster zu erkennen."

Polizei als Auslöser der Gewalt?

Der Kriminologe sieht einen Grund für die wiederkehrenden Ausschreitungen in der seiner Meinung nach falschen Polizeitaktik. Und er zieht den Vergleich zu sogenannten "Querdenker"-Kundgebungen. Hier habe sich die Polizei zurückhaltend verhalten. Beobachtend.

"Ich sehe da schon ein unterschiedliches Vorgehen der Polizei in Bezug auf diese "Querdenker"-Demonstrationen und in Bezug auf die jugendlichen Ansammlungen."

Gegenüber den Jugendlichen sei das nicht der Fall gewesen. Seine Argumentation: Bei größeren Ausschreitungen sei immer die Gewalt gegen die Polizistinnen und Polizisten der auslösende Faktor. Wären die Einsatzkräfte nicht da, so Laue, gebe es auch kein Konfliktpotential. Laue selbst räumt eine starke Vereinfachung ein. Am Ende müsse aber aus seiner Sicht dennoch die Taktik geändert werden.

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Auch mal ein Auge oder Ohr zudrücken?

Die Beamtinnen und Beamten müssten auch mal ein Auge oder ein Ohr zudrücken, wenn es beispielsweise um Beleidigungen gehe. Jugendliche hätte viel stärker unter den Einschränkungen der Lockdowns in der Corona-Zeit gestanden als Erwachsene. Sie hätten eine größere Angst, wieder zurückgedrängt - eingesperrt - zu werden. Die Zeit der Beschränkung hätten viele sehr intensiv erlebt. Das Zurückdrängen der Polizei trotz Lockerungen würden daher viele als wiederkehrende Einschränkung empfinden.

"Und wenn man sich jetzt die Fußballspiele anschaut, was da in den Stadien los ist, dann können die Jugendlichen schon sagen: Nur bei uns wird jetzt hart durchgegriffen. Das ist keine Entschuldigung. Aber ein Erklärungsansatz."

Kriminologe widerspricht Polizeistrategie

Damit widerspricht Laue der Argumentation der Polizei. Zuletzt hieß es nach den Einsätzen in Heidelberg, wenn die Polizei nicht Unbeteiligte schütze, könne es zu Körperverletzungen kommen. Das zu verhindern, sei nur mit dieser erhöhten Polizeipräsenz machbar. Wobei man sich jetzt auch eher ein bisschen zurückhalten wolle. Patrouillierende Hundertschaften seien nicht das Ziel der Polizei, hieß es von einem Sprecher aus Mannheim. Allerdings müssten auch Corona-Regeln kontrolliert werden. Ein Spagat. Für beide Seiten.

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