Gesichtslos: Fotoausstellung über Frauen in der Prostitution in den Reiss-Engelhorn-Museen (Foto: Hyp Yerlikaya )

Ausstellung "gesichtslos" in Reiss-Engelhorn-Museen

Prostitution aus der Tabu-Zone holen und von Klischees befreien

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Prostituierte werden oft in der Kunst dargestellt - doch meistens mit Klischees behaftet. "Gesichtslos" in Mannheim zeigt die Frauen, wie sie wirklich sind - auf schwarz-weiß Fotos.

"Gesichtslos - Frauen in der Prostitution" lautet der Titel der Fotoausstellung in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. Zu sehen ab kommendem Sonntag bis zum 20. Februar. Der Eintritt ist frei.

Noch immer ein Tabu-Thema

Ein Projekt der Mannheimer Beratungsstelle Amalie zusammen mit dem Fotografen Hyp Yerlikaya. Zwei Jahre lang begleiteten er und Amalie-Mitarbeiterinnen weibliche Prostituierte und überließen es weitgehend den Frauen, wie sie fotografiert werden wollten. Das Anliegen der Ausstellung: Es geht darum, das Thema Armutsprostitution aus der Tabu-Zone zu holen. Denn Prostitution ist trotz des 2017 eingeführten Prostituiertenschutzgesetzes noch immer ein Tabu-Thema. Vor allem die Frauen, die schlecht bezahlt und ohne Krankenversicherung in der Armutsprostitution landen, leben abseits der sozialen Wahrnehmung.

Aus Armut in die Prostitution

Mehr als 1.800 Bilder hatte die Kuratorin Stephanie Hermann zur Auswahl, um daraus die Ausstellung zu machen. Gerade mal 40 haben es an die Museumswände geschafft. Geleitet von dem Ziel, den Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in die Prostitution zu geben. Denn laut Hermann gibt es das selten, ohne Klischees zu bedienen. Es gehe bei der Ausstellung um die Frauen, von denen viele ihre Heimatländer verlassen, um der Armut und der Perspektivlosigkeit zu entfliehen. Es gibt auch selbstbestimmte und gut bezahlte Prostituierte, aber das sind nicht die Frauen, die zur Amalie-Beratungsstelle kommen und die man auf den Schwarz-Weiß-Bildern dieser Ausstellung sieht.

Verborgen hinter weißen Masken

Allerdings sieht man die abgebildeten Frauen nie ganz. Keine zeigt ihr Gesicht, alle tragen ausdruckslose weiße Masken. Etwa die Frau in schwarzen Dessous, die sich das Gesicht wäscht oder eine andere, die allein in einem Raum voller Spielautomaten sitzt. Selbst bei Frauen, die der Kamera den Rücken zuwenden, schaut einen die glatte Maske vom Hinterkopf aus an. Laut Julia Wege, Gründerin der Beratungsstelle, habe man sich viele Gedanken gemacht, wie man die Frauen schützen könne, die einfach extrem stigmatisiert werden. Und so haben sie die Masken gewählt.

"Die Frauen haben große Ängste, weil sie hier in der Gesellschaft einfach auch gesichtslos leben."

Gesichtslos: Fotoausstellung über Frauen in der Prostitution in den Reiss-Engelhorn-Museen (Foto: Hyp Yerlikaya )
Zu jedem Foto gehört auch ein Text, der den Frauen eine Stimme gibt und das dargestellte erklären soll. Hyp Yerlikaya

Es geht nicht um Erotik

Zehn Frauen haben bei dem Projekt mitgemacht, bei dem es nicht um dokumentarische, sondern um inszenierte Fotografie geht. Die Frauen konnten sich selbst mit einbringen, so Wege, zum Beispiel was sie anziehen wollen oder welche Details ihnen wichtig sind.

"Wir haben die Frauen selbst gefragt, welche Orte ihnen wichtig sind."

Als Orte ausgewählt haben die Frauen beispielsweise dunkle Straßen oder unpersönliche Bordellzimmer, aber auch einen Blumenladen oder die Kaffeeküche in der Beratungsstelle. Und so erzählen die Bilder von einem sehr harten und einsamen Leben, aber auch von Hoffnung und der Suche nach Normalität. Erotisch oder sexuell aufgeladen wirkt keines, auch wenn die Frauen teilweise leicht bekleidet sind.

Den Prostituierten eine Stimme geben

Vor den Foto-Sessions gab es Interviews und Gespräche, die in der Ausstellung auf Texttafeln wiedergegeben werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass bei keiner einzigen Fotografie das sozialkritische Anliegen aus dem Blick gerät. Die Texte informieren über Prostitution und geben den Frauen eine Stimme.

"Es ist jedes Mal eine große Überwindung, den Geruch und den Körperkontakt zu ertragen. Nach dem Sex muss ich mich immer sofort waschen."

Eine solche Ausstellung in einem Haus mit viel Familienpublikum zu zeigen, zwischen "Eiszeitsafari" und "Ägypten - Land der Unsterblichkeit" ist bemerkenswert und holt die Frauen in die Mitte der Gesellschaft.

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