Feuerwehr-Einsatzwagen in Hochwassergebiet im Einsatz (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Thomas Frey)

Einsatz nach Flut-Katastrophe in der Eifel bei Trier

Mannheimer Feuerwehrmann kämpft mit den Tränen

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Thorsten Becker hat in seinen über 25 Berufsjahren bei der Mannheimer Feuerwehr schon einiges erlebt. Doch bei seinem Einsatz im Hochwasser-Katastrophengebiet bei Trier (Rheinland-Pfalz) hatte er öfter "Tränen in den Augen", wie er dem SWR berichtete.

Am Sonntagabend ist Thorsten Becker wieder nach Mannheim zurückgekehrt. Von seinem Einsatz bei Trier (Rheinland-Pfalz), wo er und seine Kolleginnen und Kollegen seit Freitagabend im Einsatz waren, hat er jede Menge Eindrücke und Schicksalsberichte mitgebracht.

Thorsten Becker hat seinen Einsatz im Hochwasser-Katastrophengebiet bei Trier auch mit der Kamera eingefangen und die Bilder online gestellt.

SWR Aktuell hat mit Thorsten Becker am Montag nach seinem Hochwassereinsatz in Trier telefoniert.

Hier Thorsten Beckers kompletter Bericht im Audio:

Das hat uns Thorsten Becker aus Trier berichtet:

"Wir haben dort sehr viele Menschen kennengelernt, bei denen wir schon beim ersten Eindruck gesehen haben: Da sind Leere, Angst, Trauer und Verzweiflung. Und wenn man dann an den Häusern vorbeigelaufen ist, dass das Wasser da auf Brusthöhe stand, dann konnten wir uns nur in etwa vorstellen, wie es zwei, drei Tage davor dort ausgesehen hat. Wir sind also ein Stück weit in eine etwas entspanntere Situation reingekommen, die aber trotzdem noch einen sehr hohen emotionalen Aspekt gehabt hat.

Unbeschreibliche Emotionen in Hochwasser-Katastrophengebiet

Wir hatten zwei Straßen zu betreuen, da waren knapp 150 Keller vollgelaufen gewesen. Wir hatten Kontakt zu den jeweils betroffenen Familien und Bewohnern. Da gibt es Emotionen, die sind einfach unbeschreiblich. Ich war als Zugführer dort eingesetzt und hatte dann die Aufgabe, tatsächlich in jeden Keller noch einmal explizit zu schauen, was da an Wasser noch nach- oder rein-gelaufen ist.

"Überwältigende Hilfsbereitschaft entgegengeschwappt"

Die Hilfsbereitschaft, die uns da entgegengeschwappt ist, war überwältigend. Die Anwohner haben die letzten Reste an Essen und Trinken, die sie noch hatten, mit uns geteilt, während sie auf der anderen Seite der Straße mit völlig vermatschten und verschlammten Händen ihr Hab und Gut aus dem Keller rausgeräumt haben, mit Tränen in den Augen. Ich habe Menschen gesehen, die vor unseren Augen zusammengebrochen sind, die gesagt haben: "Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Eigentlich macht das Leben überhaupt keinen Sinn mehr."  Unsere Aufgabe war es daher auch, die Anwohner psychisch auch ein bisschen aufzufangen.

"Geht auch an mir nicht spurlos vorüber"

Auch wir Einsatzkräfte sind nur Menschen. Wir reisen mit Schutzkleidung dorthin, danach können wir die wieder abstreifen. Die Gefühle und Emotionen, die wir dort erfahren haben, können wir aber nicht abstreifen. Das geht auch an mir nicht spurlos vorüber.

Momente, "in denen auch ich Tränen in den Augen hatte"

Ich bin seit über 25 Jahren als Einsatzkraft der Feuerwehr und hauptberuflich im Rettungsdienst tätig. Ich habe sehr, sehr viel Leid gesehen, sehr, sehr viel Emotionen mitbekommen. Aber in Trier waren Momente, in denen auch ich Tränen in den Augen hatte. 

Verzweifelter Kirchenmusiker spielt Feuerwehrmann aus Dank ein Lied

Ich erinnere mich dort an einen 76 Jahre alten Mann, ein Kirchenmusiker, der mit mir zusammen in seinen inzwischen leergepumpten Keller gegangen ist, vor einem Flügel stand und sagte: "Gucken Sie mal: Wenn ich den Flügel der Firma Schimmel noch eine Weile hier stehen lasse, dann schimmelt er auch." Dann hat er darauf herumgeklimpert, und es ging einfach gar nichts mehr. Dann ist er mit mir in den ersten Stock gelaufen und hatte dort noch mal ein schönes Klavier stehen. Er sagte: "Zwei Zentimeter unter den Tasten, da hat das Wasser aufgehört. Ich möchte jetzt gerne, dass Sie sich hier irgendwo hinsetzen. Ich möchte Ihnen gerne ein Lied spielen, als Dank dafür, dass Sie da sind." Das ist einer der ergreifenden Momente von dort, der mich wahrscheinlich so schnell nicht verlassen wird."

(Der Text wurde redaktionell leicht gekürzt)

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