Wahlplakate für die Bundestagswahl (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Arne Dedert )

Bundestagswahl 2021

Mannheimer Politikwissenschaftler hat "befremdlichen Eindruck vom Wahlkampf"

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In nur einem Monat ist Bundestagswahl. Der Mannheimer Politikwissenschaftler Rüdiger Schmitt-Beck erklärt im Interview mit SWR Aktuell, warum dem Wahlkampf noch der Schwung fehlt.

SWR Aktuell: Wie nehmen Sie den Bundestagswahlkampf wahr?

Rüdiger Schmitt-Beck: Ich habe einen befremdlichen Eindruck von diesem Wahlkampf, denn das Land steht vor sehr, sehr großen Herausforderungen, vor gewaltigen Problemen. All das scheint im Wahlkampf aber kaum anzukommen. Der Wahlkampf ist ein Wahlkampf freundlich lächelnder Gesichter auf großen Plakaten.

Wahlkampf "auf gedämpfter Flamme"

Wie kann denn noch ordentlich Schwung in diesen Wahlkampf kommen?

Ich bin sehr skeptisch, dass noch viel Schwung in diesen Wahlkampf hineinkommen wird. Die Parteien haben offenbar fast alle eine Grundentscheidung getroffen, den Wahlkampf auf gedämpfter Flamme zu fahren. Und die Strategien sind schon lange festgelegt. Für große Umorientierungen ist gar keine Zeit mehr. Allerdings muss man auch sagen, dass dies nach meinem Eindruck ein Wahlkampf ist, der in ganz ungewöhnlichem Maß von äußeren Ereignissen, die niemand antizipieren kann - oder die hätten antizipiert werden können und trotzdem nicht antizipiert worden sind - beeinflusst wird.

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Sie sprechen Corona, Klimawandel und Afghanistan an?

Im Augenblick ist wohl Afghanistan dasjenige große Ereignis von den vielen Großereignissen, die uns momentan gedanklich beschäftigen als Wahlvolk. Die Parteien offenbar deutlich weniger. Die persönliche Kapazität, eine gute Antwort zu finden, wird ganz entscheidend sein und natürlich auch, was die Medien aus diesen Anlässen machen.

Was bedeutet dieser Fokus der Parteien auf ihre Kanzlerkandidaten für die Direktkandidaten hier vor Ort, also zum Beispiel in Mannheim oder Heidelberg?

Die haben es natürlich selbst in der Hand, ihren eigenen Wahlkampf sehr viel stärker themenorientiert zu machen. Die sind durchaus sichtbar, zumindest die der größeren Parteien. Sie werden sich dann aber fragen, ob vor dem Hintergrund des allgemeinen Wahlkampfgeschehens, das von den Parteizentralen definiert ist, es überhaupt opportun ist, allzu viel Eigenständigkeit in der Themensetzung an den Tag zu legen. Denn es kann dann gut passieren, dass die Wähler mehrdeutige Signale bekommen und sich dann fragen: Was bedeutet eigentlich der Umstand, dass dieser Kandidat über ein bestimmtes Thema sehr stark spricht, während man von der Partei selbst in ihrer zentralen Kommunikation darüber sehr wenig hört? Das heißt, es ist nicht unbedingt angezeigt für die Kandidaten, eine solche Strategie zu fahren.

Wähler laut Experte aus Mannheim "wechselbereiter"

Eine Bundestagswahl nach einer Ära, nach 16 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel - Ist der Wähler vor dieser Wahl noch mehr als vorher der "große Unbekannte" für Sie als Wahlforscher?

Das wird man sicher so sagen können. Die Wähler sind aber auch volatiler, also wechselbereiter geworden in ihrem Verhalten. Sie legen sich nicht mehr so schnell fest auf eine bestimmte Partei. Oftmals weiß man einen Monat vor der Wahl schon ziemlich genau, wo die Reise hingeht aus Umfrageergebnissen. Dieses Mal haben wir sehr bewegte Verhältnisse, und ich denke, dieser Wahlkampf ist durchaus noch für Überraschungen gut.

Welche politische Konstellation ist Ihrer Einschätzung nach am ehesten denkbar?

Wir können nur von den aktuellen Befunden der Umfrageforschung ausgehen und davon, dass sie sich nicht mehr dramatisch verändern bis zum Wahltag. Das würde bedeuten, dass interessanterweise die FDP zum Königsmacher wird und die Grünen die Partei sein wird, die sich auf jeden Fall in der Regierung finden wird. Unklar ist aber, wer die Regierung führen wird, ob das die CDU/CSU sein wird oder die SPD. Das zu entscheiden liegt letztlich in der Hand der FDP, die dann eine Entscheidung treffen muss, in welcher Konstellation sie lieber mitregieren will.

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