Person hält Cannabis in der Hand (Foto: imago images, IMAGO / Cavan Images)

Debatte über mögliche Legalisierung

Drogenverein Mannheim: "Fordern schon lange eine Entkriminalisierung von Cannabis"

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SPD, Grüne und FDP regieren noch nicht gemeinsam, ein Thema wird aber schon kontrovers diskutiert: Die Legalisierung von Cannabis. Der Mannheimer Drogenverein begrüßt den Vorstoß.

Philip Gerber ist Geschäftsführer des Drogenvereins Mannheim und Sozialarbeiter in der Stadt. Er kennt die Argumente, die für und gegen eine Legalisierung von Cannabis sprechen.

Im Gespräch mit SWR-Moderator Patrick Figaj sagt Gerber klar: Die jetzige Debatte kommt zum richtigen Zeitpunkt. Er plädiert aus seiner Erfahrung und dem Austausch mit Kollegen dafür, den Zugang zu erleichtern:

"Die Mehrheitsgesellschaft konsumiert kein Cannabis. Aber die Gruppe derer, die konsumieren, ist in den letzten Jahren erneut angewachsen. Es ist zunehmende gesellschaftliche Realität. Es ist auch deutlicher zu riechen, wenn sie sich hier in Mannheim in der Stadt bewegen."

Richtiger Zeitpunkt die Debatte zu führen

SWR Aktuell: Ist es denn an der Zeit, dieses Thema aus einer ganz anderen Perspektive jetzt zu diskutieren?

Philip Gerber: Dem würde ich grundsätzlich zustimmen. Die Suchthilfe und damit auch der Drogenverein fordert schon lange, dass eine Entkriminalisierung des Handelns von Besitzdelikten erfolgen muss. Aus dem Grund, dass dadurch im Grunde viele Folgeprobleme für Personen entstehen, die einen Konsum außerhalb von Abhängigkeit und schädlichem Missbrauch betreiben.

SWR Aktuell: Die SPD sagt, Cannabis sei gesellschaftliche Realität. Können Sie das auch feststellen?

Philip Gerber: Die Mehrheitsgesellschaft konsumiert kein Cannabis. Aber die Gruppe derer, die Cannabis konsumieren, ist in den letzten Jahren erneut angewachsen, nachdem es auch 2002 einen Höhepunkt gab, der dann wieder abgefallen ist. Von daher ist es schon zunehmend gesellschaftliche Realität geworden, von den statistischen Zahlen her. Aber auch wenn wir uns zum Beispiel hier in Mannheim im Stadtgebiet bewegen, ist es doch auch im Gegensatz zu vor zehn, 15 Jahren deutlicher wahrnehmbar, dass eben diese Substanz konsumiert wird.

Cannabis-Schwarzmarkt den Boden entziehen

SWR Aktuell: Ein Argument: Dem Schwarzmarkt soll der Boden entzogen werden. Ist das ein Ansatzpunkt, der legitim ist, zu sagen: Es wird immer mehr mit diesem Stoff gehandelt. Also legalisieren wir ihn?

Gerber: Ein Schwarzmarkt impliziert immer, dass die Substanz nicht kontrollierbar ist und nicht kontrolliert wird. Neueste Erkenntnisse auch der Polizei haben ergeben, dass ungefähr 25 Prozent und wenn nicht sogar etwas mehr mit künstlichem THC gestreckt ist. Das heißt: Die Sauberkeit des Marihuanas oder des Stoffes kann über den Schwarzmarkt nicht gewährleistet sein und birgt damit für die Konsumentinnen und Konsumenten gesundheitliche Risiken. Das wäre über eine kontrollierte Art und Weise, so wie es ja auch bei den medizinischen Cannabis-Produkten schon geschieht, auf jeden Fall möglich.

Es gibt eine zweite Sache, die anzuführen ist: Die "Stoffqualität" hat sich auch noch mal verändert. Es gibt zwei Hauptwirkstoffe in Marihuana-Produkten: Das ist einmal das bekannte THC, das den Rauscheffekt auslöst. Und es gibt das CBD, Cannabidiol, das eher die Muskelentspannung auslöst, aber auch schützende Effekte vor den negativen Folgen des THC beinhaltet.

Jugendschutz in den Fokus rücken

SWR Aktuell: Da geht es ja genau in diese Details, die jetzt eigentlich wichtig wären in der Debatte: einmal dieser medizinische Aspekt, den Sie angesprochen haben, wenn man an Muskelentspannung denkt. Dann ist es ja genau dieser Punkt, der für einige Patienten eben in Frage kommt. Medizinisches Cannabis kann ich bereits von meinem Arzt verschrieben bekommen. Jetzt aber heißt es: Wir wollen es generell einfacher machen, an Cannabis heranzukommen. Ist da nicht das Problem, das man quasi den Eintritt beispielsweise für Jugendliche einfacher gestaltet?

"Der Jugendschutz muss einen starken Fokus bekommen. Wenn es eine Regulierung gibt, dann ab 21 Jahren."

Gerber: Für uns ist es eher eine andere Frage. Der Jugendschutz ist aus unserer Sicht etwas ganz wichtiges. Das muss auf jeden Fall bei der Ausgestaltung der Konzepte mit starkem Fokus mit bedacht werden. Und dass es nicht nur Jugendschutz bis 18 ist, sondern dass es aufgrund von hirnphysiologischen Reifungsprozessen, die eben bei jungen Menschen nicht mit 18 abgeschlossen sind, darüber hinaus Regelungen gibt. Wenn es eine Regulierung gibt, dass diese ab 21 Jahren beginnt.

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Prof. Dr. med. Derik Hermann, Suchtmediziner und Chefarzt im Therapieverbund Ludwigsmühle
Prof. Dr. Heino Stöver, Direktor des Instituts für Suchtforschung Frankfurt
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