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Wenn es Krisen gibt, dann spalten sich Gesellschaften: Aktuell zu beobachten in der Corona-Krise. Diskutiert wird beispielsweise über Sinn und Unsinn der Pandemie-Schutzmaßnahmen im Kleinen, in der Familie, im Freundeskreis, aber auch auf Groß-Demos wie am Wochenende in Mannheim.

SWR-Reporterin Filiz Kükrekol war bei dieser "Querdenken"-Demo am Mannheimer Schloss dabei, hat die Veranstaltung beobachtet und auch mit Teilnehmern gesprochen. Mit SWR-Moderator Patrick Figaj hat sie über die Veranstaltung gesprochen.

Patrick Figaj: Diese Querdenker-Demos – ganz grundsätzlich – was sind das für Veranstaltungen?

Filiz Kükrekol: Die gibt es mittlerweile in vielen Städten, diese Querdenker Demos – in Mannheim hatten sie den Zusatz 621 in Stuttgart 711 – also die Vorwahl ohne Null. Los ging es als Demo gegen die Corona-Beschränkungen, definitiv ist das auch immer noch so. Die selbsternannten Querdenker sehen sich in ihren Grundrechten beschnitten. Man ist gegen Maskenpflicht. Ich war, neben der Polizei, die Einzige mit Maske, das war schon ein komisches Gefühl. Denn da standen laut Polizei 1.300 Menschen, und das dicht an dicht, ohne Maske, das war zum Teil irritierend.

Demonstration im Schlosshof (Foto: SWR)
Viel Zulauf am Wochenende: "Querdenken"-Demo in Mannheim

Patrick Figaj: Viele verschiedene Redner sind vor dem Schloss auf der Bühne gewesen. Wer organisiert denn diese Querdenker-Demos – und was fordern denn die Redner inhaltlich?

Filiz Kükrekol: Grundsätzlich fordern sie die Aufhebung der Corona-Regelungen, worin sie Freiheitsentzug sehen. Sie sagen, die Regelungen seien Freiheitsberaubung. Initiiert hat das Ganze Patrick Schlegel, der sich immer wieder selbstironisch als "erster Rechter mit Dreadlocks" bezeichnet, das hat er am Samstag auch wieder getan. Und er hat in der Szene umjubelte Redner auf die Bühne geholt. Darunter den HNO-Arzt Bodo Schiffmann aus Sinsheim, der auch Mitorganisator war.

Aber auch Michael Ballweg, er möchte OB in Stuttgart werden. Er hat das Publikum aufgerufen, doch bitte zahlreich gegen die Mund-Nasen-Schutz-Pflicht zu klagen. Hierzu wurden dann auch entsprechende Eigenerklärungen eingeblendet - ein Argumentationsleitfaden dazu, wie man sich verhält, wenn man aufgefordert wird, eine Maske zu tragen. Er hat das Publikum unter anderem dazu aufgerufen, Strafanzeige gegen die Mitarbeiter von Läden einzureichen, die am Eingang nach der Maske fragten. Bejubelt wurde auch Beate Bahner, die Heidelberger Fachanwältin für Medizinrecht, die im Frühjahr vergeblich gegen die Corona-Verordnung von Bund und Ländern vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt hatte.

Auch hieß es von der Bühne immer wieder, die Polizei möge doch bitte nicht die Corona-Gesetze gegen die Bürger durchsetzen, nicht auf die Gesetzgebung und auf die Politik hören. Und auch da brandete Jubel auf.

Eine Demonstration im Mannheimer Schlosshof (Foto: SWR)
Demonstrant in Mannheim fordert "Unabhängigen Corona-Untersuchungs-Ausschuss"

Patrick Figaj: Sind denn solche Querdenker-Demos vergleichbar mit regierungskritischen Demos aus den vergangenen Jahren, die es ja in vielen verschiedenen Ausprägungen gibt – oder sind das ganz andere Veranstaltungen?

Filiz Kükrekol: Es sind ganz klar regierungskritische Demonstrationen, es sind auch Menschen, die pauschal gegen die Medien wettern – und man muss auch ganz klar benennen, dass es rechte Rhetorik ist auf der Redner-Bühne. Im Publikum haben wir durchaus einige aus der Identitären Bewegung dort gesehen, offenbar auch NPD-Mitglieder, und die Kameradschaft Zweibrücken soll anwesend gewesen sein. Aber eben auch einfach nur Impfgegner, Maskengegner, auch Menschen, die bezweifeln, dass es Corona gibt. Und es waren interessierte Bürger da, denen die Corona-Maßnahmen zu weit gehen, die sagen, sie müssen jetzt auf so vieles verzichten.

"Ich habe jetzt meinen Schulabschluss gemacht, mit Corona und nur einem halben Jahr Schule. Ich kann meinen Führerschein erst nächstes Jahr machen, durch Corona. Und die Ämter arbeiten im Home-Office und dadurch langsamer."

Junger Demo-Teilnehmer in Mannheim

Die Stimmung war wie auf einem Konzert für die ganze Familie. Vor der Bühne hatten die Menschen Picknickdecken ausgelegt und Stühle ausgeklappt. Familien waren da, es gab ja auch ein Kinderprogramm. Und ich glaube, dass da viele besorgte Bürger waren, die die Liebe-, Freiheit- und Frieden-Rufe mitbekamen, aber ich bezweifle, dass die Hintergründe der Redner allen so bekannt waren. Dass das für die selbsternannten Querdenker eine politische Bewegung ist, zeigt eine weitere Forderung, nämlich die nach Neuwahlen noch in diesem Jahr.

Das Gespräch als Mitschnitt können Sie hier anhören:

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