Erste Bilanz der Impfungen mit Omikron-Wirkstoff (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Corona-Pandemie im Herbst und Winter

Neue Corona-Varianten: Heidelberger Virologe vorsichtig mit Prognosen

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Wie viel Sorgen müssen wir uns um neue Omikron-Varianten des Coronavirus machen? Ein SWR-Interview mit dem Heidelberger Virologen Marco Binder vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

SWR Aktuell: Wie gefährlich sind die neuen Coronavirus-Mutationen?

Marco Binder: Das große Risiko bei diesen neuen Untervarianten: Die Abwehrkräfte, die wir in der Vergangenheit - durch Impfung oder durch durchgemachte Infektion - aufgebaut haben, basieren zu einem gewissen Teil auf unseren Antikörpern. Die neuen Varianten haben sich jetzt genau in den Bereichen der Virusoberfläche verändert, dass sie von unseren bestehenden Antikörpern nicht mehr erkannt werden können. Da gibt es jetzt ganz aktuelle Studien zu neu auftauchenden Varianten, die dieser Antikörper-Antwort nahezu komplett entgehen können. Das heißt: Wir sind dann wieder in einem gewissen Maß schutzlos gegen diese neuen Varianten. Wie gut sie sich aber durchsetzen können, werden wir erst sehen, wenn es so weit ist. Die gute Nachricht ist auch noch: Antikörper machen nur einen Teil unserer Immunantwort aus. Es gibt noch andere Zellen unseres Immunsystems. Die sind nach wie vor sehr wirkungsvoll gegen das neue Coronavirus. Von daher müssen wir wegen der neuen Varianten auf jeden Fall nicht befürchten, dass das Spiel wieder auf null zurückgesetzt wird und es noch mal so losgeht wie im Frühjahr 2020. Das ist definitiv keine realistische Gefahr.

SWR Aktuell: Kann es dann sein, dass das Virus durch weitere Mutationen nicht stärker, sondern eventuell sogar schwächer wird?

Binder: Genau. Grundsätzlich hat das Virus keinen Verstand und keine Richtung, in die es sich verändert und mutiert. Es probiert mit diesen Mutationen ganz zufällig ein ganzes Spektrum an verschiedenen Möglichkeiten aus. Da gibt es im Prinzip zwei große Stellgrößen, die die Erfolgschancen eines Virus einer Mutation ausmachen. Einerseits: Wie gut kommt das Virus an sich mit dieser Veränderung zurecht, also wie gut vermehrt es sich weiterhin? Da kann es natürlich besser oder schlechter werden. Andererseits kommt eben noch der Aspekt unseres Immunsystems dazu. Je besser das Virus mit unserem Immunsystem umgehen kann, je mehr es ihm entkommen kann, desto erfolgreicher ist es. Jetzt können wir uns vorstellen, dass es Mutationen geben kann und auch gibt, die zwar unserem Immunsystem sehr gut entkommen und deswegen theoretisch eine wirkliche Gefahr darstellen würden. Aber die gleiche Mutation kann auch dem Virus intern einen Nachteil verschaffen. Also wird am Ende gar nicht so klar sein, ob eine neue Variante jetzt wirklich "erfolgreich" wird in unserer Bevölkerung oder nicht. Also: Die Situation wird immer komplizierter und ist für uns auch immer schwieriger vorherzusehen.

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SWR Aktuell: Schützen die neuen angepassten Omikron-Impfstoffe vor den Omikron-Untervarianten?

Binder: Dazu ist die Studienlage noch relativ dünn. Langsam wird klarer: Es war eine Studie mit Beteiligung von BioNTech und der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek, die dargelegt hat, dass diese an Omikron angepassten Impfstoffe tatsächlich dazu beitragen, dass sich unsere Antikörperantwort sehr stark verbreitet. Dass also Antikörper gebildet werden gegen alle möglichen Omikron-Unterarten, inklusive - denkbarerweise - auch gegen die kommenden Varianten. Es gibt aber auch andere, etwas besorgniserregendere Studien, die zeigen, dass es solche ganz neuen Mutanten tatsächlich schaffen, sogar diesen neugebildeten Omikron-Antikörpern zu einem gewissen Teil zu entkommen. Wie sich das dann aber am Schluss wirklich auf die Infektionszahlen niederschlagen wird, das kann ich noch nicht vorhersehen.

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SWR Aktuell: Müssen wir potenziell damit rechnen, dass es jetzt im Winter wieder deutlich mehr Corona-Todesfälle geben wird, oder dass vielleicht auch eine ganz gefährliche Variante plötzlich, wie aus dem Nichts, auftaucht?

Binder: Die Wahrscheinlichkeit halte ich ehrlich gesagt für relativ gering. Das Gute ist, dass der größte Teil des Virus sich nicht verändert bei diesen Mutationen. Dieser Selektionsdruck, also der Vorteil, von dem das Virus unmittelbar etwas hat, das spielt sich alles auf der Oberfläche dieses Viruspartikels ab. Aber die "Innereien" des Virus, also alle Bestandteile im Inneren des Viruspartikel, verändern sich deutlich weniger und deutlich langsamer. Genau gegen diese Bestandteile haben wir aber diesen "zweiten Arm" unseres Immunsystems, der eben nicht mit Antikörpern arbeitet, sondern mit den sogenannten T-Zellen. Diese T-Zellen sind es, die am Schluss dann in unserem Körper infizierte Körperzellen entdecken, sie unschädlich machen und damit dann auch den größten Anteil haben dürften an der Verhinderung von schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen. Aus dem Grund bin ich ziemlich optimistisch, dass auch die kommenden Varianten die Todesfallzahlen nicht wieder in die Höhe schnellen lassen, sondern dass wir nach wie vor vor allem durch die Impfung und durch durchgemachte Infektion weiterhin einen ordentlichen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen haben werden.

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