STAND

Hohe Corona-Infektions-Fallzahlen - das bedeutet in vielen Krankenhäusern immer mehr belegte Betten auf den Intensivstationen. Die Lage verschärft sich. Zum Beispiel auch am Uniklinikum Mannheim.

Ein SWR Aktuell-Interview mit Dr. Thomas Kirschning, Geschäftsführender Oberarzt in der Intensivmedizin am Uniklinikum Mannheim.

SWR Aktuell: Bei den Neuinfektionen sieht es ja gar nicht gut aus in Mannheim. Der Inzidenz-Wert liegt über 200. Wie viele Corona-Erkrankte müssen Sie im Klinikum behandeln?

Dr. Thomas Kirschning: Wir behandeln derzeit 55 Covid-Patienten auf den speziellen Isolier- und Intensivstationen. Das ist etwa die Hälfte der in Mannheimer Kliniken behandelten Fälle, die aktuell bei 111 positiven stationären Covid-Fällen liegt. Damit sind zwei Covid-Isolierstationen bei uns mit je 18 Betten nahezu komplett ausgelastet. Auch zwei Covid-Intensivstationen mit 20 von derzeit 22 Covid-Intensivbetten sind bereits an der Kapazitätsgrenze.

SWR Aktuell: Wie könnte man denn diese Intensiv-Kapazitäten verbessern? Geht das überhaupt kurzfristig?

Kirschning: In Baden-Württemberg liegt der Anteil der Covid-Patienten auf den Intensivstationen bei etwa 14 Prozent. In den gesamten Mannheimer Kliniken macht der Anteil bereits 20 Prozent aus. Am Universitätsklinikum hier liegt der Anteil der Corona-Patienten bereits bei 30 Prozent aller Intensiv-Patienten. Das bedeutet zwangsläufig, und das ist auch ein Grund zur Sorge, dass wir auch einen Engpass für intensivpflichtige Patienten haben, die intensivmedizinisch zu versorgende Erkrankungen erleiden. Das heißt: Es geht nur über eine Reduzierung von Kapazitäten im Krankenhaus in den normalen Bereichen. Das geht dann eben auch zu Lasten dieser Normalbereiche und der Patienten, die nicht an Covid erkrankt sind.

Anstieg an Covid-19-Fällen in Krankenhäusern in Mannheim

SWR Aktuell: Wie ist es im Mannheimer Uniklinikum, wenn ich jetzt mit einer wichtigen OP komme?

Kirschning: Es ist bereits jetzt so, dass wir täglich einen weiteren Anstieg an Covid-Fällen in den drei Mannheimer Kliniken und bei uns im Universitätsklinikum zu verzeichnen haben. Die OP-Kapazitäten sind ja schon bereits reduziert, um das Personal aus dem OP für intensivmedizinische Tätigkeiten freizumachen, um die personalintensive Betreuung der Isolationspatienten auch weiterhin strikt getrennt von den nicht Covid-Bereichen aufrechterhalten zu können. Derzeit befinden wir uns hier am Klinikum in der Stufe "2" - das bedeutet, dass alle dringlichen OPs noch durchgeführt werden können. Das sind akute Notfälle, aber auch Patienten mit Krebserkrankung, die dringend operiert werden müssen. Diese Eingriffe trotz der hohen Corona-Zahlen weiterhin zu ermöglichen und aufrechtzuerhalten, das ist die eigentliche Herausforderung der nächsten Wochen in der Pandemie.

SWR Aktuell: Wie schnell kann das kippen?

Kirschning: Die Infektionszahlen sinken trotz des Teil-Lockdowns nicht. Auch nach vier Wochen Teil-Lockdown steigen die Zahlen der Krankheitsfälle mit Corona-Patienten. In der ersten Welle im Frühjahr konnten wir nach dem harten Lockdown eine Trendwende auf den Intensivstationen immerhin schon nach drei Wochen verzeichnen. Das sehen wir aktuell überhaupt nicht. Wenn die Teil-Lockdown-Maßnahmen am Ende noch mal gelockert werden, werden wir einen erneuten Anstieg spätestens Ende Januar in den Krankenhäusern sehen, der die Sicherstellung der medizinischen Versorgung extrem gefährdet. Auch für Nicht-Covid-Patienten. Das macht uns große Sorge. Also, da sind wir schon durchaus am Ende des Monats oder spätestens Anfang des nächsten Jahres sicherlich in dieser Situation.

"Triage" noch kein Thema im Mannheimer Klinikum

SWR Aktuell: Kommen wir zu einem "Horror-Thema" - Stichwort: "Triage", also die Frage, wie entscheide ich mich als Arzt im Zweifel, wenn die Kapazitäten zu knapp sind? - Mussten Sie denn während der Corona-Pandemie schon Triage-Entscheidungen treffen?

Kirschning: Bisher sind wir glücklicherweise im Wesentlichen in der Entscheidungsfindung noch im individualmedizinischen Bereich. Das heißt, wir können noch Individualmedizin machen, auch bei den Covid-Patienten. Aber sicherlich ist auch hier immer schon die Frage, auch vor der absehbaren Knappheit an Ressourcen, wie weit geht man mit der Therapie und wie früh verändert man das Therapieziel - im Team, aber auch mit den Angehörigen.

SWR Aktuell: Kann man das wirklich auf der Grundlage von bestimmten Kriterien entscheiden?

Kirschning: Ja, wir kennen in Deutschland die Triage nur aus der Katastrophenmedizin. Die Pandemie läuft jetzt seit einem Jahr. Daher haben wir große Probleme nach wie vor, in so eine andere Vorgehensweise zu "switchen". Aber wir machen das nach dem Mehr-Augen-Prinzip. Das heißt, es sind immer möglichst zwei intensivmedizinische erfahrene Ärzte mit Vertretern der Pflege, möglicherweise dann auch unter Inanspruchnahme von kritisch ethischen Unterstützungs-Angeboten, um diese Entscheidung nicht alleine und auch abgesichert treffen zu können.

Thomas Kirschning vom Uniklinikum Mannheim zu Corona-Situation (Foto: Universitätsmedizin Mannheim)
Dr. Thomas Kirschning, Geschäftsführender Oberarzt Intensivmedizin am Uniklinikum Mannheim Universitätsmedizin Mannheim

Entspannung der Lage durch Impfstoff eventuell "im nächsten Winter"

SWR Aktuell: Die Schlagzeilen werden derzeit durch die Impfstoffe bestimmt. Die Zulassungsverfahren laufen. Wann rechnen Sie persönlich mit einer Entspannung der Situation?

Kirschning: Es kommt darauf an, wann die Impfungen wirklich verfügbar sind, wie schnell sie unter die Bevölkerung gebracht werden können. Aber sicherlich ist damit zu rechnen, dass das durchaus über den Sommer so weitergeht. Es ist nicht damit zu rechnen, dass jetzt begonnene Impfungen so einen durchschlagenden Erfolg haben, dass wir damit rechnen können, dass innerhalb von Wochen die Situation deutlich besser wird. Das heißt also, es besteht die große Hoffnung, dass es ab dem nächsten Winter wieder ein bisschen normaler wird, wie wir das vielleicht früher gekannt haben.

Mannheim

Gespräch Keine Trendwende in der Corona-Pandemie: Mannheimer Intensivmedizin an der Belastungsgrenze

Infolge der unverändert hohen Corona-Neuinfektionen haben die Covid-Intensivstationen in Mannheim bereits ihre Kapazitätsgrenze erreicht, sagt Thomas Kirschning in SWR2. Der geschäftsführende Oberarzt in der Intensivmedizin am Uni-Klinikum Mannheim zeigt sich besorgt, denn eine Trendwende sei nicht in Sicht.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Aktuelle Corona-Lage am Klinikum Ludwigshafen Prof. Günter Layer: "Wir brauchen einen harten Lockdown”

Die Corona-Pandemie bringt das Klinikum Ludwigshafen ans Limit. Laut Ärztlichem Direktor des Klinikums ist die Situation mit über 100 Corona-Patienten dramatisch. Er fordert einen zweiten Lockdown.  mehr...

Jetzt die SWR Aktuell App runterladen Nachrichten aus Mannheim, Heidelberg oder dem Odenwald aufs Handy

Die SWR Aktuell App bringt Ihnen kurz und knapp alles Wichtige auf Ihr Smartphone. Sie bekommen jetzt auch gezielt Nachrichten aus Mannheim, Heidelberg und dem gesamten Umkreis. So funktioniert's:  mehr...

STAND
AUTOR/IN