Simone Britsch (Foto: Universitätsklinikum Mannheim GmbH)

Leiterin der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Mannheim

Corona-Intensivstation: "Es hat sich die letzten zwei Wochen verdoppelt!"

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Die Zahl der Corona-Patienten steigt auf der Intensivstation des Mannheimer Uniklinikums. Die meisten sind laut Leiterin Simone Britsch ungeimpft. Es könnten noch mehr werden.

SWR Aktuell: Die Zahl der Corona-Infizierten steigt wieder, gilt das auch für die Patienten auf den Intensivstationen?

Simone Britsch: Bei uns auf der Intensivstation ist das auch so. Wir haben eine steigende Anzahl an Corona-Patienten auf der Intensivstation. Momentan liegen bei uns acht bis neun Patienten. Heute sind es aktuell acht Intensivpatienten.

SWR Aktuell: Ist das im bisherigen Vergleich viel?

Simone Britsch: Es hat sich die letzten zwei Wochen faktisch verdoppelt, und wir bleiben auch auf dem hohen Niveau.

Großteil der Intensivpatienten ungeimpft

SWR Aktuell: Ist denn zu befürchten, dass es noch mehr wird?

Simone Britsch: Ja, ich gehe eigentlich fest davon aus, dass es mehr werden wird. Das ist einfach die Erfahrung der letzten Wochen, die das auch gezeigt haben.

"Wir sehen meistens, dass es ein sprunghafter Anstieg ist."

Nicht jeden Tag kommt ein Patient. Es kommt tageweise kein Patient und dann kommen in der Regel zwei bis drei Patienten auf einmal.

SWR Aktuell: Sind es nach wie vor vor allem ungeimpfte Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen?

Simone Britsch: Wir haben bei uns weiterhin zu 80 bis 90 Prozent ungeimpfte Patienten. Wir haben jetzt aber auch vermehrt geimpfte Personen bei uns liegen. Meistens sind das so eins bis zwei Patienten insgesamt.

SWR Aktuell: Sind das dann Personen, die unter Vorerkrankungen gelitten haben?

Simone Britsch: Meistens Vorerkrankungen, aber auch Patienten, die schon älter sind - meistens über 60 Jahre alt und bei denen auch die zweite Impfung schon etwas länger in der Vergangenheit liegt.

Pflegekräfte versorgen einen Corona-Patienten auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Mannheim (Foto: SWR)
Pflegekräfte versorgen einen Corona-Patienten auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Mannheim

Immernoch viele schwere Verläufe

SWR Aktuell: Muss man es so deutlich sagen: Es sterben immer noch Menschen an Corona?

Simone Britsch: Ja, definitiv. Also die Corona-Infektion ist weiterhin eine schwere Erkrankung. Wir haben natürlich mehr Behandlungsmöglichkeiten aktuell.

"Nichtsdestotrotz gibt es viele Patienten mit schweren Verläufen."

Wir haben aktuell drei Patienten an der Herz-Lungen-Maschine hängen. Denen geht's wirklich sehr, sehr schlecht. Auch da ist das Überleben sehr ungewiss. Also das darf man nicht verharmlosen.

Braucht Mannheim eine zweite Intensivstation?

SWR Aktuell: Was bedeuten die Zahlen für die Auslastung auf Ihren Stationen?

Simone Britsch: Der eine Teil der Intensivstation wäre mit zehn Betten voll belegt. Wenn jetzt zehn Patienten da wären, müsste man noch eine zweite Intensivstation aufmachen, wenn noch mehr Corona-Patienten kämen.

SWR Aktuell: Bundesweit sind das Problem auf den Intensivstationen meist nicht die Betten, sondern fehlendes Personal. Ist das in Mannheim auch so?

Simone Britsch: Das Personal ist immer ein großer Faktor für die Belegung der Intensivstationen. Weil ohne Personal kann man natürlich keine Intensivbetten betreiben, auch wenn sie kalkulatorisch da wären. Da das Personal die letzten zwei Jahre wirklich hart und vor allem auch wegen den Corona-Patienten gearbeitet hat, kommen wir schon an ihre Belastungsgrenze.

SWR Aktuell: Was müsste geschehen, damit sich das ändert? Kurzfristig ist da vermutlich nicht viel zu machen, oder?

Simone Britsch: Kurzfristig wird schwierig sein. Ich denke mal, der Hauptfaktor sind Arbeitsbedingungen, die man verbessern könnte. Wir haben einen hohen Krankheitsstand, weil einfach die Belastung enorm ist. Dann fallen Pflegekräfte aber auch Ärzte aus. Andere müssen einspringen, das kompensieren und auch eine gewisse Mehrarbeit leisten. Wenn das entsprechend honoriert werden würde, finanziell und mit zusätzlicher Kompensation oder Freizeit, wäre das schon eine enorme Erleichterung.

Ärztin empfiehlt dritte Impfung

SWR Aktuell: Die Impfkampagne hat an Fahrt verloren. Ist das aus Ihrer Sicht das eigentliche Problem hinter dem Anstieg der Zahlen?

Simone Britsch: Sicherlich. Und, dass die Antikörper sich reduzieren über die Zeit.

"Ich denke, Impfen ist weiterhin der größte Faktor."

Vor allem die Ungeimpften brauchen eine Impfung. Sonst werden sich die Zahlen nicht regulieren lassen.

SWR Aktuell: Wenn der Schutz nachlässt, würden Sie für die sogenannte Booster-Impfung plädieren?

Simone Britsch: Genau so. Wir werben für das eigene Personal und natürlich für die Risikogruppen, dass sie sich auf jeden Fall eine dritte Impfung geben lassen. Das kann man definitiv empfehlen. Die schweren Verläufe sind weniger nach der zweiten Impfung und nach der dritten haben wir faktisch noch keine gesehen.

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