Medizinisches Personal arbeitet auf einer Intensivstation in einem Zimmer mit Covid-19-Patienten. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Sebastian Gollnow)

Mannheimer Intensivpfleger über zwei Jahre Pandemie

Corona-Lockerungen? "Lieber noch etwas warten"

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Maximilian Ruppert ist Intensivpfleger im Mannheimer Klinikum. "Wir haben Sachen kennengelernt, die wir uns vorher gar nicht vorstellen konnten", erzählt der 33-Jährige über seine Arbeit während Corona.

SWR Aktuell: Um Bilanz zu ziehen, ist es sicher noch zu früh, aber so eine Art Zwischenfazit können Sie durchaus ziehen. Wie fällt das aus, wie geht es Ihnen nach zwei Jahren Corona-Pandemie?

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Maximilian Ruppert: Ja, es waren aufregende zwei Jahre. Intensivmedizin ist immer aufregend. Aber mit so einer Pandemie war von uns noch niemand konfrontiert. Wenn ich über die letzten zwei Jahre nachdenke, sind trotz der schwierigen Zeiten, die wir durchlebt haben, auch viele positive und schöne Erinnerungen dabei.

Patienten aus Frankreich bedanken sich

Ich erinnere mich an die erste Welle, als wir Patienten aus dem benachbarten Ausland übernommen haben. Da haben wir französische Patienten gehabt, die so glücklich waren, dass sie ein Bett bekommen haben und versorgt werden. Da haben wir auch viele Briefe bekommen. Dann aber auch der Zusammenhalt, der durch so etwas entsteht. Also wir sind als Team auch noch einmal näher zusammengerückt, als es vorher schon der Fall war. Wir haben zusammen immer eng beieinander gestanden und uns der Pandemie gestellt.

SWR Aktuell: Wie ist im Moment die Lage? Wie stressig ist es gerade auf der Intensivstation?

Ruppert: Ein normales Stresslevel haben wir immer. Im Moment ist es "pandemiemäßig" wieder etwas ruhiger. Es entwickelt sich eher in so eine Richtung, dass wir Covid häufiger als Begleiterkrankung und gar nicht mehr als Leit-Diagnose haben. Das heißt, die Patienten kommen eigentlich aus einem anderen Grund auf die Intensivstation und haben aber trotzdem noch eine Covid-Infektion.

"Das Sterben gehört leider zur Intensivmedizin dazu."

SWR Aktuell: Das macht es für Sie zunächst leichter? Sie haben ja in diesen zwei Jahren vermutlich auch viele Menschen sterben sehen. Wie gehen Sie damit um?

Ruppert: Ja, das Sterben gehört leider zur Intensivmedizin dazu. Wir machen Medizin an einem Limit. Aber gerade diese große Menge auch an jungen Menschen, die gerade in den letzten Wellen gestorben sind, war schon besonders. Wir haben Angebote vom seelsorgerischen Dienst in der Klinik, wo man sich melden kann. Aber viel machen wir auch untereinander im Kollegium: Wir tauschen uns aus, wir sind füreinander da. Da weiß man auch: Derjenige, mit dem ich mich jetzt unterhalte, hat das genauso durchlebt und weiß, wovon ich spreche.

Team durch Pandemie zusammengewachsen

SWR Aktuell: Man macht sich ja wahrscheinlich hin und wieder auch über sich selbst und die Arbeit Gedanken. Wie ist es bei Ihnen? Wie haben Sie sich selbst möglicherweise in dieser Pandemie verändert?

"Wir sind zusammen daran gewachsen."

Ruppert: Ich weiß gar nicht so richtig, inwiefern ich mich verändert habe. Aber auf jeden Fall sind wir zusammen daran gewachsen. Das kann ich schon sagen. Wir haben Sachen kennengelernt, die wir uns vorher gar nicht vorstellen konnten. Da sind ich und meine Kolleginnen und Kollegen näher zusammengekommen.

Hinweisschild auf dem Gelände des Universitätsklinikums Mannheim (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Uwe Anspach)
Uniklinikum Mannheim picture alliance / dpa | Uwe Anspach

SWR Aktuell: Was gibt Ihnen die Kraft, das seit zwei Jahren mitzumachen?

"Ich kann mir kaum einen Beruf vorstellen, bei dem man so viel zurückbekommt."

Ruppert: Ja, das ist die Kraft, die ich generell habe, um diesen Job zu machen. Ich kann mir kaum einen Beruf vorstellen, bei dem man auch so viel zurückbekommt. Wir haben so viele dankbare Angehörige, dankbare Patienten. Man bekommt den Erfolg. Man sieht ihn direkt an der täglichen Arbeit. Das gibt mir immer wieder viel Kraft, diesen Beruf zu machen.

Viele positive Fälle beim Krankenhauspersonal

SWR Aktuell: Sie haben schon angedeutet: Corona oder Covid ist jetzt oft mehr die Begleiterkrankung und gar nicht mehr das Problem selbst. Das macht die Arbeit aber natürlich nicht einfacher?

Ruppert: Nein, das fordert uns heraus, uns wieder neue Strukturen und Prozesse im Krankenhaus zu überlegen, wie wir damit in Zukunft umgehen wollen. Was natürlich dazu kommt, ist: Jetzt haben die Patienten Covid als Begleiterkrankung, aber eben häufig auch das Personal. Das heißt: Wenn die Gesamtinzidenzen entsprechend hoch sind, sind natürlich auch viele Positive vom Personal im Krankenhaus dann in Quarantäne. Wir müssen gucken, wie wir das kompensieren können.

Haupteingang des Mannheimer Uniklinikums (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / dpa)
Haupteingang des Mannheimer Uniklinikums picture alliance / dpa

SWR Aktuell: Jetzt sprechen viele Leute schon von Entspannung und von Lockerungen, die jetzt endlich kommen müssen. Wie sehen Sie das als Intensivpfleger?

Ruppert: Ja, wir sind da an so einem Scheidepunkt. Natürlich müssen wir uns irgendwann überlegen, wie wir mit dieser Pandemie leben lernen, wie wir sie einschätzen. Im Moment bin ich persönlich da noch sehr zurückhaltend. Ich lebe auch noch sehr zurückgezogen, habe nicht so viele private Kontakte, denen ich im Moment nachgehe. Es gibt einmal das Problem, wenn man ein hohes Patientenaufkommen hat. Das andere ist das Problem, wenn man zu wenig Personal hat, weil es in Quarantäne sitzt.

SWR Aktuell: Das heißt, diese Diskussion geht Ihnen möglicherweise auch ein bisschen zu schnell?

Ruppert: Ja, im Moment glaube ich, muss man vielleicht noch so ein bisschen zuwarten und schauen, wie es sich weiter entwickelt.

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