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Erkranken Kinder an Corona, dann oft weniger stark als Erwachsene. Doch wegen der Delta-Variante sollten wir auch sie impfen, so Kinderarzt Schaible aus Mannheim im Interview.

SWR Aktuell: Es hält sich ja die Annahme, dass Corona für Kinder nicht ganz so schlimm ist, wenn sie erkranken, wie für uns Erwachsene. Stimmt das und haben Kinder auch mit Long-Covid zu kämpfen, wenn sie es dann kriegen?

Thomas Schaible, Direktor der Klinik für Neugeborene an der Uniklinik Mannheim: Ja, natürlich stimmt es, dass Kinder von der Empfänglichkeit für das Virus etwas günstiger dran sind als Erwachsene. Das heißt, die Inzidenz ist nicht ganz so hoch im Kindesalter. Aber im Prinzip gibt es alles, was es bei Erwachsenen gibt, auch bei Kindern. Zwar deutlich seltener, aber auch Long-Covid ist bei Kindern zu beobachten und ein Problem. Es kommt auf die Altersgruppen an. Bei den Kleinkindern zwischen eins und sechs Jahren, die sowieso in dem Alter sind, in dem ihr Immunsystem mit der Umwelt viel Neues kennenlernt, ist das Immunsystem so gut getriggert, dass zwischen Ein- und Sechsjährigen fast nichts passiert. Aber bei den Sechs- bis 18-Jährigen ist es so, dass es vielleicht um den Faktor zehn weniger ist als im Erwachsenenalter. Was man über die Aufnahmen auf den Intensivstationen sagen kann, ist es sicher um den Faktor, ich sage jetzt mal, 100 bis 1.000 weniger.

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Die Delta-Variante ist im Anmarsch. Machen Sie sich da gerade Sorgen um die Kinder? Betrifft die das dann auch mehr vielleicht?

Die Delta-Variante sucht sich natürlich die Ungeimpften und die Ungeschützten. Wenn man jetzt den Lockdown lockert und in den Schulen Präsenzunterricht hat, dann wird sich die Delta-Variante in den Schulen sicher ihren Weg bahnen. Das sieht man ja gerade in England.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine Impfung von Kindern und Jugendlichen nur dann, wenn sie vorerkrankt sind. Halten Sie das für sinnvoll? Oder braucht es da vielleicht eine noch klarere Ansage, auch von der STIKO?

Ich warte eigentlich darauf, dass diese klare Ansage kommt, weil der einzig zugelassene Impfstoff, der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer, von der Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) zugelassen ist und ein derart günstiges Nebenwirkungen-Profil hat, dass die Nebenwirkungen oder die möglichen Nebenwirkungen der Impfung deutlich im Vorteil sind in der Abwägung gegenüber der echten Erkrankung.

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Das heißt, Sie würden auch Kinder impfen, wenn die STIKO sagt: Wir geben grünes Licht?

Wenn das Kind und die Eltern die Impfung möchten und das Kind zwölf Jahre alt ist und somit im Rahmen der Zulassung der EMA, würde ich es impfen. So machen es die Österreicher. So machen sie es in den USA. Ich denke, sobald die Zahlen steigen, wird die STIKO ihre Empfehlung ändern.

Jetzt gibt es ja viele Impfskeptiker, die sagen: "Mir ist es zu gefährlich." Was sagen Sie den Eltern, die Bedenken haben, ihre Kinder zu impfen?

Es ist natürlich schwierig, diese Argumente, dass Erbgut verändert wird und so was, zu widerlegen. Dazu braucht es schon differenzierte Aufklärung, dass es wichtig ist, dass wir den Schülern erklären und auch den Eltern, was denn der Impfstoff überhaupt für ein Wirkprinzip darstellt und dass eben die mRNA überhaupt nicht in den Zellkern gelangt. Sondern nur die menschliche Zelle hier im Oberarm benutzt, um eben ein Eiweiß zu produzieren, was dann dieses Antigen macht und was dann unser Immunsystem triggert, damit wir gegen diese Corona-Infektion einen Schutz haben.

Ein Blick noch auf die Wochen nach den Sommerferien. Was glauben Sie? Was wird passieren in den Schulen?

Es ist erst mal spannend, wie in den Sommerferien das Verhalten ist. Das ist ja auch gar nicht genau erforscht, bei welchen Kontakten letztendlich das Virus übertragen wird. Das ist sehr schwer zu simulieren. Wir müssen einfach schauen, wie viele Krankheiten dann tatsächlich kommen und ob wir dann kranke Kinder sehen. Und dann müssen wir Gas geben mit dem Impfen.

Was halten Sie denn von der Impfpflicht, die in einigen Ländern momentan jetzt auch schon diskutiert wird, gerade in den sozialen Berufen? Frankreich geht da voran. Was sagen Sie dazu?

Das ist unheimlich schwierig. Wir sind ein freies Land. Wir sollten den Argumenten zugänglich sein. Aber auch ich erlebe das bei meinen Mitarbeitern. Zum Beispiel auf der Intensivstation im Pflegebereich liegen wir bei 80 Prozent Impfbereitschaft. Bei den Ärzten ist das 100 Prozent. Wir müssen die eigenen Mitarbeiter immer auch noch wieder überzeugen und die letzten Lücken schließen. Das ist sehr mühsam. Aber ich denke, das ist besser, als wenn man es zur Pflicht macht. Denn sonst kann man umgekehrt negative Effekte bekommen. Hat man die Bereitschaft des Personals, hier mitzumachen, dann reduziert man das. Also, ich bin nicht für Pflicht, sondern ich bin für Aufklärung, auch wenn das sehr mühsam ist.

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