Ein Frau und ein Mann legen auf dem Gelände der Heidelberger Universität Blumen nieder. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Pr-Video | R.Priebe)

Psychosoziale Beratung für Studierende in Heidelberg

Hilfe nach mutmaßlichem Amoklauf: "Große Belastung, große Verunsicherung"

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Nach dem mutmaßlichen Amoklauf in Heidelberg suchen immer mehr Studierende Hilfe bei der Psychosozialen Beratungsstelle der Studierendenwerks der Universität. Frank-Hagen Hofmann, Leiter der Beratungsstelle, spricht im SWR-Interview darüber, worauf es jetzt ankommt.

Kerzen anzünden, Blumen in der Nähe des Tatorts ablegen, Innehalten. Das sind für viele Studierende und Universitäts-Mitarbeitende in Heidelberg die ersten Schritte gewesen, den mutmaßlichen Amoklauf am Montag zu verarbeiten.

Die, die mehr Unterstützung brauchen, nehmen Kontakt mit der Psychosozialen Beratung für Studierende in Heidelberg (PBS) auf. Dort häufen sich in diesen Tagen eigenen Angaben zufolge die Anfragen.

Ein SWR Aktuell-Interview mit Frank-Hagen Hofmann, Leiter der Beratungsstelle. Er ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut.

SWR Aktuell: Mit welchen Ängsten, Sorgen und Nöten werden die Studierenden in Ihrer Beratungsstelle seit dem mutmaßlichen Amoklauf vorstellig?

Frank-Hagen Hofmann: Wir hören vor allem von einer großen Belastung und einer großen Verunsicherung, weil eben so etwas in einem bis jetzt friedlichen Campus passiert ist. Und für ganz, ganz viele ist eben der Studien-Alltag auf eine Art unterbrochen worden, die man sich ja eigentlich schlecht vorstellen kann. In deren Kontext jetzt ganz viele Selbstverständlichkeiten infrage gestellt wurden. Ein anderer Aspekt ist die Frage, wie man damit jetzt am Besten umgeht, weil natürlich viele Fragen auftauchen. Die Verunsicherung ist sehr groß. Gleichzeitig ist natürlich der Gedanke da: Na ja, aber die Uni geht irgendwie weiter, das Leben geht irgendwie weiter.

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Nach mutmaßlichem Amoklauf: Viele Ängste "total normal"

SWR Aktuell: Was raten Sie den Studierenden: Wie geht man denn damit um?

Hofmann: Wir sind ja im Moment in einem Stadium, in dem ganz viele dieser Reaktionen total normal sind. Und wo man schaut, dass es vielleicht ein unterstützendes und verständnisvolles Umfeld gibt, dass man sich Zeit nimmt, damit zurechtzukommen. Zeit ist erst mal der zentrale Faktor. Und dass man auch gut drauf hört. Denn die Allermeisten haben irgendwie schon auch eine Idee davon, was sie jetzt gerade brauchen. Und für meine Begriffe läuft das an vielen Stellen ziemlich gut, weil sich die Studenten untereinander solidarisieren, weil es viele Unterstützungs-Angebote gibt, die sie in Anspruch nehmen können. Sei es Seelsorge, sei es ein Beratungsangebot wie unseres, oder auch therapeutische oder psychiatrische Angebote. Da gibt es ein ganz breites System. Ich glaube, das hilft, um sich mitzuteilen oder um sich zurückzuziehen, wenn man das möchte und für richtig hält.

Trauernde nach der Tat in Heidelberg (Foto: picture-alliance / Reportdienste, SWR, picture alliance/dpa | Uwe Anspach)
Trauernde Studierende am Tag nach der Tat picture alliance/dpa | Uwe Anspach

Rat: "Feste Tagesstruktur einhalten"

SWR Aktuell: Wie helfen Sie konkret den Studierenden, bei denen das Gefühl von Sicherheit weg ist?

Hofmann: Einerseits natürlich mit dem Hinweis, dass das eine völlig nachvollziehbare Reaktion ist. Dass wir versuchen, diese Beschwerden, die sie spüren, irgendwie einzuordnen. Wir machen sie verständlich als Notfallreaktion, die bei so einem Ereignis notwendigerweise auftritt. Das sind auch Versuche, sich davor zu schützen, dass so etwas noch einmal passiert. Völlig verständlich.

Worum es dann aber auch geht ist ein Gefühl von grundlegender Sicherheit zurückzubekommen. Indem man sich beispielsweise in einer sicheren und vertrauten Umgebung aufhält und mit Menschen zu tun hat, die einen unterstützen. Die einem vertraut sind und die verständnisvoll mit einem umgehen. Was sicher auch nicht schadet - trotz dieser Ereignisse: Dass man festhält an einer Tages-Struktur. Darauf achtet, ausreichend zu essen, sich vielleicht ein bisschen zu bewegen. Eher unspezifische Ratschläge, die aber für den Moment genau richtig sind.

SWR Aktuell: Wie kommen Sie persönlich und Ihre Mitarbeiter mit dem Geschehenen klar? Hilft da auch jemand?

Hofmann: Naja, wir versuchen eben, uns untereinander zu unterstützen, so gut es geht. Aber es ist natürlich auch völlig klar, dass wir dafür in dieser Form auch nicht vorbereitet waren, weil wir natürlich nicht mit so etwas gerechnet haben.

Es gibt auch keine Sonder-Kapazitäten, die dafür bereitgestellt wurden, sondern wir machen einfach mehr als das übliche Maß, Das ist in so einer Situation völlig klar. Damit sind wir aber auch nicht alleine. Da gibt es diverse andere Stellen auch in Heidelberg, die sich extrem schnell zusammengefunden haben, um da ein gutes Angebot zu schaffen. Das hilft natürlich, wenn man weiß, man ist in der Versorgung der betroffenen Studierenden nicht allein.

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