Gedenkstätte am Tatort des Amoklaufs von Heidelberg (Foto: SWR)

Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft vor Abschluss

Amoktat in Heidelberg: Täter war Einzelgänger und hatte psychische Störungen

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Der 18-Jährige, der im Januar bei einer Amoktat in Heidelberg eine Studentin erschoss, hatte laut Polizei keine Mittäter oder Helfer. Neue Details gibt es zu einem möglichen Motiv.

Die Staatsanwaltschaft Heidelberg und die Polizei teilten am Donnerstag mit, es spreche bei der Frage des Tatmotivs einiges dafür, dass sich der 18-Jährige "mit der Amoktat für eine in seiner Vorstellungswelt erlittene Kränkung" hatte rächen wollen.

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Täter soll laut Polizei allein gehandelt haben

Der 18-jährige Student sei ein "Einzelgänger ohne soziale Bindungen zu seinen Kommilitonen gewesen". Er sei am Tag der Tat mit den beiden Langwaffen in einer Sporttasche mit einem Taxi auf den Uni-Campus im Neuenheimer Feld gefahren. Er habe allein gehandelt, es gebe auch keine Hinweise auf Mitwisser, die der Täter in seine Pläne eingeweiht habe.

"Mit den (...) Ermittlungen der (...) 32-köpfigen Ermittlungsgruppe 'Botanik' der Kriminalpolizeidirektion Heidelberg und der Staatsanwaltschaft Heidelberg wurden die Amoktat und ihre Hintergründe so weit wie möglich aufgeklärt."

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Täter soll "akute Suizidvorstellungen" gehabt haben

Zwischen 2018 bis Anfang 2020 hatte sich der junge Mann, der sich nach seiner Tat selbst das Leben genommen hatte, "in ambulanter psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung befunden", heißt es in der Mitteilung. Er sei auch für einige Tage stationär psychiatrisch behandelt worden. Dabei sollen jeweils "akute Suizidvorstellungen oder sogar -versuche des Täters eine Rolle gespielt" haben.

Vermindertes Selbstwertgefühl und leichte Kränkbarkeit

Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, seien dem Mann "unterschiedliche psychiatrische Störungen" bescheinigt worden, darunter eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die nach Einschätzung der Mediziner "mit starker Verminderung des Selbstwertgefühls und der Fähigkeit, Kritik zu akzeptieren, und folglich starker Steigerung der Kränkbarkeit des damals 15-jährigen Jugendlichen" einhergegangen war.

Staatsanwaltschaft: "Narzisstische Persönlichkeitsproblematik"

Die Staatsanwaltschaft hat eigenen Angaben zufolge bei den Ermittlungen einen forensischen Psychiater hinzugezogen. Demnach spreche vieles dafür, dass "diese narzisstische Persönlichkeitsproblematik, Hass gegen sich selbst sowie ein sich daraus entwickelnder Hass gegen beliebige andere Personen" als maßgebliche Gründe für die Tat angesehen werden könnten.

Es sei möglich, dass sich der Täter im Lauf seines ersten Studiensemesters in Heidelberg stark gekränkt und grundlegend missverstanden gefühlt haben könnte, so die Ermittler. Möglicherweise sei diese krankheitsbedingt übersteigert wahrgenommene Kränkung ein Motiv für die Amoktat gewesen.

Keine Beziehung zu getöteter Studentin aus Landau

Der Täter habe keinerlei persönliche Beziehung zu der getöteten 23-jährigen Studentin und den weiteren verletzten Studierenden gehabt. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden laut Polizei Beweismittel gefunden, die darauf schließen ließen, dass er sich intensiv mit Ego-Shooter-Videospielen befasst hat. Es gebe keine Anhaltspunkte für ein politisches, insbesondere rechtsradikales, Tatmotiv.

Hinter diesem Eingang befindet sich der Hörsaal, in dem eine 23jährige Studentin erschossen wurde. (Foto: SWR)
Hinter diesem Eingang verbirgt sich der Hörsaal, in dem eine 23jährige Studentin erschossen wurde

Amoktat am 24. Januar in Uni-Hörsaal in Heidelberg

Der 18-Jährige war am 24. Januar mit zwei Langwaffen in den Hörsaal eines Uni-Gebäudes im Neuenheimer Feld eingedrungen und hatte dort um sich geschossen. Dabei war eine 23-jährige Studentin aus Landau (Südpfalz) ums Leben gekommen, drei weitere Personen wurden schwer verletzt. Acht Personen wurden leicht verletzt, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte.

Täter kaufte Waffen in Wien - Ermittlungen gegen Verkäufer

Der 18-Jährige soll den Ermittlern zufolge seine Tat seit Dezember 2021 geplant haben. Kurz danach sei ihm ein Studienkredit von 7.500 Euro gewährt worden. Mit diesem Geld kaufte er sich den Angaben zufolge in Wien bei einem Waffenhändler und einem Privatverkäufer die Waffen für die spätere Tat. Der Erwerb dieser Schusswaffen ist laut den Ermittlern in Österreich unter einfacheren Voraussetzungen möglich als in Deutschland.

Anfangsverdacht wegen fahrlässiger Tötung gegen Waffenverkäufer

Die Staatsanwaltschaft Heidelberg sieht allerdings einen strafrechtlichen Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung gegen den Inhaber des Wiener Waffengeschäftes und seinen Mitarbeiter, der den Täter bediente. Denn bei korrekter Einhaltung einer vorgeschriebenen Drei-Tage-Frist zwischen Kauf und Übergabe der Waffen wäre der Täter zum Tatzeitpunkt noch nicht im Besitz der beiden Waffen gewesen und hätte die Amoktat nicht ausführen können.

Polizeibeamte untersuchen eine Waffe am Gelände der Heidelberger Universität. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)
Polizeibeamte untersuchten Waffen am Tatort vor Uni-Gebäude in Heidelberg picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungsverfahren ein

Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hat deshalb Ermittlungsverfahren gegen diese beiden Personen in Österreich eingeleitet. Ob die insoweit noch andauernden Ermittlungen zu einem für eine Anklageerhebung hinreichenden Straftatverdacht führen werden, erscheint derzeit offen. Derzeit gelten die beiden Personen als unschuldig.

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