Fahne Großbritannien und Fahne Europa (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Frank Rumpenhorst/dpa)

Interview mit einem Brexit-Experten IHK Rhein-Neckar: "Keine Entwarnung auch bei weichem Brexit"

Wie geht es weiter mit dem Brexit? Welche Folgen hat er für Unternehmen aus der Region? Wir haben bei der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar (IHK) in Mannheim nachgefragt. Ein Brexit-Experte gibt im SWR-Interview Tipps.

Bernhard Schuster, Brexit-Experte bei der IHK Rhein-Neckar in Mannheim (Foto: IHK Rhein-Neckar)
SWR-online-Interview mit Bernhard Schuster, Brexit-Experte bei der IHK Rhein-Neckar in Mannheim IHK Rhein-Neckar

Noch ist ja unklar, wie das mit dem Brexit ausgeht und wann er kommt. Mit welchen Szenarien rechnen Sie?

Es sind weiterhin die unterschiedlichsten Szenarien denkbar. Ein "harter" Brexit hätte die gravierendsten Auswirkungen auf das Geschäft der hiesigen Unternehmen. Wir empfehlen daher Unternehmen, bis auf Weiteres bei ihren Vorbereitungen mit einem "No-Deal-Brexit" zu arbeiten – ganz nach dem Motto "plan for the worst and hope for the best" (auf deutsch: "Plane für den schlechtesten Fall, hoffe auf das Beste.")

Was raten Sie den Unternehmen für den Fall, dass tatsächlich ein "harter" Brexit kommt?

Bei einem "harten Brexit" wird Großbritannien zu einem sogenannten Drittstaat. Für Warenlieferungen nach Großbritannien (und andersrum) sind dann Zollanmeldungen wieder Pflicht. Wir unterstützen die Unternehmen, denn Zollanmeldungen sind eine Herausforderung. Aber auch für viele britische Kunden ist das Ausfüllen von Einfuhranmeldungen Neuland.

Welche Auswirkungen hätten solche Zollkontrollen?

Wir erwarten dann an den Grenzen lange Staus. Das Nadelöhr im Warenhandel mit Großbritannien ist der Hafen von Dover. Aktuell sieht es danach aus, dass die britischen Zollbehörde direkt nach Austritt bei einem "harten" Brexit Wareneinfuhren einfach nur durchwinken und die Zollkontrollen ins Hinterland verlegen könnte. Das würde zu einiger Entspannung bei Warenlieferungen auf die Insel führen. Sicher ist das aber noch nicht.

Was raten Sie den Unternehmen?

Unternehmen sollten sich trotzdem darauf einstellen, dass bei Warenlieferungen von der Insel auf das Festland direkt an der Grenze kontrolliert werden wird. Gerade beim Bezug von Vorprodukten aus Großbritannien kann es deshalb zu Lieferverzögerungen kommen. Gegebenenfalls müssen Lieferketten und auch –routen angepasst werden.

Weiterer Ratschlag: Die Unternehmen sollten sich nach Alternativmärkten umschauen, um möglicherweise dauerhafte Umsatzverluste im UK-Geschäft durch Geschäfte mit Kunden auf anderen Märkten auszugleichen.

Wie viele der IHK- Mitgliedsunternehmen wären am härtesten von einem "No-Deal-Brexit" betroffen?

Besonders betroffene Branchen in der Region sind Automobilzulieferer, Maschinen- und Anlagenbauer, die Chemieindustrie, Arzneimittelhersteller oder Medizintechniker. Aber auch die Elektro- und Elektronikindustrie sowie das Transportgewerbe.

Sollte es zu einem "weichen" Brexit kommen und Großbritannien in der Zollunion mit der EU bleiben, gibt es dann Entwarnung?

Auch wenn es in einem ersten Schritt zu einem "weichen" Brexit in Form einer Übergangsphase kommt, besteht noch keine dauerhafte Entwarnung! Für die Zeit nach dieser Übergangsphase müssten sich Briten und EU auf das weitere Vorgehen einigen. Falls sie keine Einigung erzielen, könnte es – wenn auch zeitlich verzögert – doch zu einem "harten" Brexit kommen.
Und das ist möglich, denn für ein Folgeabkommen gibt es erst erste Überlegungen auf knapp dreißig Seiten. Zum Vergleich: Das zwischen der EU und der britischen Regierung ausgehandelte Übergangsabkommen umfasst 585 Seiten.

Es kommen Hürden auf die Unternehmen zu, auch wenn wir davon ausgehen, dass es zu einem "weichen" Brexit kommt und Großbritannien zum Beispiel langfristig in einer Zollunion mit der EU verbleibt. Denn die Vorteile einer Zollunion zielen allein auf den Warenverkehr. Die anderen drei Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarkts - wie Personenfreizügigkeit, Dienstleistungsfreiheit und freier Kapital- und Zahlungsverkehr-, wären durch eine Zollunion alleine nicht mehr gegeben. Dann braucht es weitere Abkommen. Beispielsweise die Entsendung von Mitarbeitern nach Großbritannien würde also deutlich komplizierter.  

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