Der Mord an August von Kotzebue, bildlich dargestellt (Foto: SWR)

Ausstellung in der Mannheimer Universitätsbibliothek Mord an August von Kotzebue jährt sich zum 200. Mal

Am Samstag hat sich der Mord am Dramatiker August von Kotzebue (1761-1819) in Mannheim zum 200. Mal gejährt. Historiker sprechen vom ersten Attentat oder dem ersten politischen Mord der Neuzeit.

Dauer

Denn Kotzebues Mörder, der Jenaer Student und Burschenschaftler Carl-Ludwig Sand (1795-1820), war Nationalist. Für ihn war Kotzebue ein "Verräter des Vaterlandes". Der Dichter hatte die freiheitlich-nationalistischen Ideen der Studenten mehrfach verspottet.

In Mannheim war Sand ein Held

Für viele Mannheimer und auch andere Menschen in den deutschen Fürstentümern und Freien Städten des damaligen Deutschen Bundes war Sand ein Held. Im Mai 1820 wurde er zum Tode durch Schafott verurteilt. Seine Tat und ein anderer Mord dienten als Rechtfertigung für die Karlsbader Beschlüsse, mit denen die österreichische Regierung im Deutschen Bund einer Änderung der politischen Lage entgegenwirken wollte. Die Karlsbader Beschlüsse traten noch 1819 in Kraft.

Burschenschaften wurden verboten, Bücher und Zeitungen unterlagen der Zensur. Universitäten, Professoren und Publizisten wurden mit der sogenannten "Demagogenverfolgung" überwacht. Wer sich öffentlich kritisch über die Fürsten und die Herrschenden äußerte, konnte ohne Angabe von Gründen zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. Es folgte ein Rückzug ins Private - die Biedermeierzeit, bis sich liberale Kräfte dann 1848/49 mit der bürgerlichen Revolution doch Bahn brachen. Erst dann wurden auch die ursprünglich auf fünf Jahre geplanten Ausnahmegesetze aufgehoben.

Damals aufgeworfene Moral und Fragen immer noch aktuell

Für die Historikerin Liselotte Homering, Leiterin der theater- und literaturgeschichtlichen Sammlungen der Reiss-Engelhorn-Museen, war Sand der "Prototyp für den deutschen Nationalismus - und zwar der unerfreulichen Sorte". Interessanterweise wurde Sand Mitte der Siebziger Jahre von linken Theoretikern vereinnahmt, die die damaligen Repressionen der Herrschenden mit den Einschränkungen durch den Staat nach den ersten RAF-Taten verglichen. Heutzutage können Vertreter der sogenannten Neuen Rechten den damaligen Ideen der nationalistischen Burschenschaftler einiges abgewinnen. In beiden Fällen geht es zudem um die Frage, ob höhere Moral politische Gewalt rechtfertigt und wann "das Volk" sich "verteidigen" muss - also philosophisch-ethische Fragen, die auch heute noch ihre Relevanz haben.

Die Universitätsbibliothek Mannheim erinnert in der Ausstellung "Lohn der Wahrheit?" an den Kotzebue-Mord. Die Ausstellung ist bis zum 2. Juni zu sehen.

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