Ein nicht erkennbarer Mann blickt aus einem Fenster.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Daniel Karmann)

Hilfsangebot für Männer

Männliche Opfer häuslicher Gewalt: Großer Ansturm auf neues Hilfetelefon in BW

STAND

Kratzen, Schlagen oder Beleidigen: Auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt. Ein neues Hilfsangebot in Baden-Württemberg wird stark angenommen.

Immer mehr Männer trauen sich, Hilfe zu holen, wenn sie Opfer von häuslicher Gewalt werden. Eine vergleichbare Infrastruktur wie für betroffene Frauen - etwa rund um die Uhr besetzte Notruftelefone und Frauenhäuser - gibt es für Männer jedoch nicht. Aber seit April beteiligt sich Baden-Württemberg an einem Projekt aus Bayern und Nordrhein-Westfalen - und zwar am "Hilfetelefon Gewalt an Männern", das von den drei Bundesländern finanziert wird.

"Wir kommen zwischen den Gesprächen kaum zum Atemholen, schon meldet sich der Nächste."

Edith Hasl von der Stuttgarter Sozialberatung und zwei weitere Mitarbeiter der Sozialberatung Stuttgart sowie ein Kollege des Tübinger Vereins Pfunzkerle richten sich jeden Donnerstagnachmittag auf einen Ansturm verzweifelter Männer aus allen drei Ländern ein. Die Gewalt, die die Anrufer schildern, gehe zu 90 Prozent von Frauen aus, erklärte Beraterin Hasl. "Häufiger als körperliche Übergriffe sind die psychischen wie Bedrohungen, Beleidigungen, Erpressung und Stalking."

Sozialministerium zieht positive Bilanz der ersten sechs Monate

Das baden-württembergische Sozialministerium unterstützt ihre Arbeit mit 50.000 Euro im Jahr. Das Ressort von Manfred Lucha (Grüne) ist mit der ersten Bilanz sechs Monate nach dem Start des Hilfetelefons zufrieden: "Das Angebot wird sehr gut angenommen." Im Durchschnitt rufen pro Werktag acht bis neun Männer an.

Gewalt gegen Männer noch immer ein Tabu

Beraterin Hasl weiß, wie schwer es Männern immer noch fällt, sich als Opfer mit Hilfebedarf zu erkennen. Das Klischee des starken Mannes, der seine Verletzlichkeit nicht eingesteht, sei noch immer vorhanden - vor allem in den Köpfen der Männer selbst. "Gewalt gegen Männer ist noch immer ein Tabu", so Hasl.

Offenes Ohr und Lotsen im Hilfesystem

Die Telefonberaterinnen und -berater verstehen sich als Lotsen im Hilfesystem, die Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und Denkanstöße geben. Die meisten Anrufer seien zwischen Mitte 40 und Ende 50 Jahre alt, also in einem Lebensalter, in dem es vielen schwer falle, Karriere und Familie unter einen Hut zu kriegen, so Hasl.

Wegen des starken Andrangs sollen die Sprechzeiten des Hilfsangebots in allen drei Bundesländern, Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen verlängert werden. Die Förderung des Männerhilfetelefons von 115.000 Euro durch Nordrhein-Westfalen ist bis Ende des Jahres 2022 gesichert, die Förderung von baden-württembergischer Seite von 50.000 Euro ist bis zum 31. März 2022 gesichert. Eine Verlängerung prüft das baden-württembergische Sozialministerium.

Mehr zum Thema

Leben Weibliche Gewalt in Partnerschaften. Männer und ihre Geschichte

Auch Männer sind Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Sozialarbeiter der Fachberatungsstelle in Stuttgart sagen: Bei jedem 5. Fall ist das so. Männer erzählen von ihren Erfahrungen. Von Eckhard Rahlenbeck  mehr...

SWR2 Leben SWR2

Kriminalität Konzepte gegen häusliche Gewalt – Was tun, wenn er prügelt?

Alle drei Tage stirbt in Deutschland eine Frau durch Partnergewalt. Gerade im Lockdown der Corona-Pandemie, in beengten Wohnverhältnissen, nimmt die Gewalt noch mehr zu. Von Eckhard Rahlenbeck. Manuskript und mehr: http://swr.li/haeuslichegewalt  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

"Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen" Visuelles Zeichen gegen Gewalt an Frauen: Viele Gebäude orange angestrahlt

Mindestens jede vierte Frau in Deutschland erlebt Gewalt in ihrer Familie oder Partnerschaft - mit steigender Tendenz. Dagegen wurden am "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen" auch in Baden-Württemberg Zeichen gesetzt.  mehr...

STAND
AUTOR/IN