Manfred Lucha bei einer öffentlichen Sitzung des Sozialausschusses im Landtag von Baden-Württemberg. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

Nach Ankündigung von Spahn

Rationierung von BioNTech-Impfstoff: BW-Gesundheitsminister mit deutlicher Kritik

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Weil gelagerte Moderna-Dosen zu verfallen drohen, will Gesundheitsminister Spahn BioNTech-Lieferungen an die Ärzte begrenzen - laut Minister Lucha ein "fatales Signal". Auch von anderen Seiten kommt Kritik.

Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) hat die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Auslieferung des Impfstoffes von BioNTech zu rationieren, scharf kritisiert. "In dieser Phase der Pandemie ist es ein fatales Signal, genau den Impfstoff, dem die Menschen derzeit am meisten vertrauen, mit Höchstbestellmengen zu versehen", sagte Lucha am Samstag in Stuttgart.

Der Bund hatte diesen Schritt in einem Schreiben an die Bundesländer angekündigt und dies mit dem drohenden Verfall eingelagerter Dosen des Impfstoffs des US-Konzerns Moderna begründet. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie Impfzentren sollen vorübergehend nur noch eine bestimmte Menge des BioNTech-Impfstoffs bestellen können, der Impfstoff von Moderna unterliege dagegen keiner Höchstgrenze.

Verunsicherung und Irritation wegen BioNTech-Rationierung

Nach Angaben des Karlsruher Oberbürgermeisters Frank Mentrup (SPD) hat die angekündigte Begrenzung der BioNTech-Impfstofflieferungen zu erheblichen Irritationen und Verunsicherung geführt. Dies laufe den momentanen Aktivitäten zuwider, möglichst viele Menschen zu impfen, sagte Mentrup am Sonntag bei einem Online-Meeting. Wenn man es ernst meine, nun die Gruppe der 12- bis 17-Jährigen zu impfen, gehe das nur mit BioNTech. "Die Limitierung ist eine Gefahr für Impfaktionen und letzten Endes für Menschenleben."

Die Vertreterin der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Karlsruhe, Marianne Difflipp-Eppele, sagte, für die kommende Woche gebe es noch genügend BioNTech-Dosen. Für die übernächste Woche sei das unklar. "Ich fühle mich boykottiert", sagte die Ärztin.

Nachfrage nach Impfungen in BW hoch

Baden-Württemberg fahre gerade die Impfkapazitäten an allen Fronten hoch, bei den Mobilen Impfteams, an lokalen, festen Impfstützpunkten, bei der Ärzte- und Betriebsärzteschaft, sagte Lucha. Die Nachfrage nach Impfungen, vor allem nach Auffrischimpfungen, steige enorm.

Auch der zweite Vorsitzender des Hausärzteverbands Baden-Württembergs, Frank-Dieter Braun, kritisierte Spahn. Sein Vorschlag sei ein Schlag ins Gesicht der Ärzte und Patienten, so Braun im SWR.

Auf der Ministerpräsidentenkonferenz seien die Länder aufgefordert worden, bis Ende Dezember Millionen Menschen zu impfen, um die vierte Welle abzuflachen. "Und nun hören wir, dass BioNTech zunächst nur noch begrenzt zur Verfügung stehen soll. Absolut nicht nachvollziehbar", betonte indes Lucha. Dies schwäche nicht nur die Impfkampagne, sondern lasse die Kraftanstrengungen ins Leere laufen.

Spahn verteidigt Begrenzung bei BioNTech-Bestellungen

Unterdessen hat Spahn die viel kritisierte Begrenzung von Bestellmengen beim Corona-Impfstoff von BioNTech verteidigt. "Ich weiß, dass diese kurzfristige Umstellung für viele engagierte Helferinnen und Helfer vor Ort in den Arztpraxen und Impfzentren viel zusätzlichen Stress bedeutet. Und das bedauere ich ausdrücklich", sagte der CDU-Politiker am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Die Nachfrage nach BioNTech sei in den vergangenen zwei Wochen so stark gestiegen, dass sich das Lager sehr schnell leere. Allein in der neuen Woche würden fast sechs Millionen Dosen an die impfenden Stellen geliefert. Das sei mehr, als es bisher überhaupt an Booster-Impfungen in Deutschland gegeben habe.

Mit BioNTech und Moderna gebe es zwei exzellente und hoch wirksame Impfstoffe. Von beiden gebe es genug, um bis Jahresende 50 Millionen Menschen zu impfen, sagte Spahn. "Ich kann versprechen, dass jeder, der sich impfen lassen will, einen guten, sicheren und wirksamen Impfstoff bekommt." In manchen Studien zur Wirkung von Auffrischungsimpfungen schneide eine dritte Impfung mit Moderna sogar besser ab als eine mit BioNTech.

STIKO riet zuletzt von Moderna bei Jüngeren ab

Vor knapp zwei Wochen hatte die Ständige Impfkommission (STIKO) empfohlen, Menschen unter 30 und Schwangeren sicherheitshalber keinen Impfstoff von Moderna mehr zu verabreichen. Grund sind sehr seltene Nebenwirkungen, zum Beispiel Entzündungen von Herzmuskel und Herzbeutel, die vor allem bei jungen Männern etwas häufiger vorkommen, nachdem sie mit Moderna geimpft wurden. Diese Komplikationen klingen dramatisch, verlaufen aber in den meisten Fällen mild und sind gut behandelbar. Vereinzelt hat es allerdings auch Todesfälle gegeben.

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Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) und der Karlsruher Landrat Christoph Schnaudigel (CDU) haben die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) heftig kritisiert, den Impfstoff von BioNTech zu begrenzen.

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SWR