Fußball: Bundesliga, VfB Stuttgart - VfL Bochum, 23. Spieltag, Mercedes-Benz-Arena. Fans auf der Tribüne. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

SWR-Datenjournalist zu Öffnungen

Rechtfertigt die Corona-Infektionslage in BW die aktuellen Lockerungen?

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Susanne Veil

Baden-Württemberg lockert seine Corona-Maßnahmen. Grenzwerte sollen an die Omikron-Welle angepasst werden. Ein Blick auf die Datenlage zeigt: Das Vorgehen hat eine Schwachstelle.

Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat die nächsten Öffnungsschritte bekannt gegeben und reagiert damit auf die Omikron-Welle. Am Dienstag wurde die Rückkehr von der "Alarmstufe" in eine angepasste "Warnstufe" beschlossen: In den meisten Bereichen soll ab Mittwoch wieder die 3G-Regel anstatt der 2G-Regel gelten. Die Politik will außerdem die Grenzwerte ihres Stufensystems an die Omikron-Variante anpassen. Doch bestätigt die aktuelle Datenlage diesen Kurs?

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Blick auf die Omikron-Datenlage

Bestimmte Grenzwerte rechtfertigen das aktuelle Vorgehen der Politik: "Wir sehen die erwartete Entkopplung zwischen Neuinfektionen und den anderen Kennwerten wie Hospitalisierungsinzidenz, Todesfällen und Intensivfällen," so SWR-Datenjournalist Johannes Schmid-Johannsen, der die Pandemie seit zwei Jahren statistisch aufbereitet.

Die Intensivfälle stiegen derzeit nicht weiter an. Bei den Todesfällen aber finde seit Ende Januar wieder ein Anstieg statt, bei dem unklar sei, wie lange er andauern werde, erklärt der SWR-Datenjournalist.

Wie entwickeln sich die Todesfälle?

Entscheidend sei hier auch der Altersdurchschnitt der Menschen, die derzeit an einer Corona-Erkrankung sterben, so der Experte. Laut dem aktuellen Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) liegt der Altersmedian bei den Todesfällen in Deutschland bei 83 Jahren. Das bedeutet, die Hälfte der Menschen, die derzeit an oder mit dem Coronavirus sterben sind über 83 Jahre alt.

Problematische Impflücke in Baden-Württemberg

Laut Impfquotenmonitoring des RKI sind in der Altersgruppe über 60 in Baden-Württemberg derzeit 87,1 Prozent grundimmunisiert. Das bedeutet, etwa 13 Prozent der älteren Menschen sind ungeimpft und haben ein erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken und ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Bei der für die Omikron-Variante so entscheidenden Auffrischungsimpfung liegt die Impfquote bei Menschen über 60 sogar nur bei 74,8 Prozent.

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Zehn der 16 Bundesländer in Deutschland stehen bei den Auffrischungsimpfungen von älteren Menschen besser da als Baden-Württemberg, fünf haben eine niedrigere Impfquote. Sollte die Politik diese Impflücke nicht schließen, stellt sie weiterhin ein Risiko im zukünftigen Verlauf der Pandemie dar.

Neue Grenzwerte für Warn- und Alarmstufe

Mit dem Beschluss am Dienstag hebt Baden-Württemberg auch die Grenzwerte für die Warn- und Alarmstufe an. Die Warnstufe soll nun ab einer Hospitalisierungsinzidenz von 4,0 ausgerufen werden, oder wenn 250 Intensivbetten mit Covid-Erkrankten belegt sind. Die Alarmstufe gilt ab einer Hospitalisierungsinzidenz von 15 und 390 Covid-Patienten und -Patientinnen auf den Intensivstationen.

Für Datenjournalist Schmid-Johannsen bedeutet das, die Alarmstufe sei jetzt faktisch kaltgestellt: "Denn ein tagesaktueller Wert von 15,0 bei der Hospitalisierungsinzidenz wurde bislang noch nie in der Pandemie erreicht."

#Alarmstufe in BW künftig ab 15,0. Nur zur Erinnerung: Das hatte BW bislang nicht mal im Ansatz erreicht (Tageswerte dunkle Linie). 🡆Frühzeitige "Notbremse" durch Alarmstufe also kaltgestellt Lage wäre bereits sehr kritisch,wenn H-Inz 15 + Intensiv 390 zeitgleich überschritten. https://t.co/q84UxUJPxm https://t.co/5A0GSymNhD

In dem Moment, in dem die Hospitalisierungsinzidenz 15,0 überschreite und gleichzeitig mehr als 390 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen liegen, wäre die Lage bereits sehr kritisch. "Die Alarmstufe würde damit im Ernstfall nicht mehr greifen," so Schmid-Johannsen. "Noch ist nicht sicher, dass die Omikron-Welle komplett überwunden ist. Insbesondere für die zehn Prozent Ungeimpften in der älteren Bevölkerung ist Omikron immer noch ein hohes Risiko. Außerdem könnte die Omikron-Variante BA.2 noch zu einer Nachwelle führen."

Neue Untervariante BA.2

Derzeit setzt die Politik mit ihren Lockerungen auf den deutlichen Unterschied zwischen Delta und Omikron: Während sich bei der Delta-Variante Todesfälle und Infektionsgeschehen relativ parallel entwickelten, scheinen sich die beiden Kennzahlen der Pandemie mit der zunehmenden Verbreitung der Omikron-Variante zunehmend zu entkoppeln. Inwieweit sich die Untervariante BA.2 von der Virusvariante Omikron unterscheidet, ist aber noch unklar.

Bereits in der Vergangenheit zeigte sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) mit Blick auf die neue Omikron-Variante BA.2 vorsichtig. Diese sei noch ansteckender als die Ausgangsvariante. Insofern fährt hier die Politik weiterhin auf Sicht.

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