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Plüschtiere, Videospiele oder Parfüm: In Müller-Filialen gibt es weit mehr zu kaufen als in einer Drogerie. Dennoch dürfen die Läden im Lockdown geöffnet bleiben - auch in Baden-Württemberg.

Die zweite Welle der Corona-Pandemie hat Baden-Württemberg erfasst. "Die Lage ist ernst, sehr ernst", betonte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Sonntagnachmittag, als er neue, weitreichende Beschränkungen für das Land verkündete. Seit Mittwoch gilt ein Lockdown, alle Geschäfte müssen bis zum 10. Januar schließen. Ausnahmen gibt es nur für jene Läden, die den täglichen Bedarf decken.

Dazu zählen neben Lebensmittelgeschäften, Sanitätshäusern und Apotheken auch Drogerien. Und obwohl an Müller-Filialen in leuchtendem Orange "Schreibwaren, Multi-Media, Spielwaren, Drogerie" geschrieben steht, werden die Läden derzeit nur wie letzteres behandelt - und sind deshalb vom Lockdown ausgenommen. Verkauft werden darf aber das ganze Sortiment. Auf mehreren Stockwerken erhält der Kunde dort alles, was er sonst auch in Spielwarengeschäften, Parfümerien oder Elektromärkten bekäme. Im Gegensatz zu den Müller-Filialen sind diese Geschäfte aber geschlossen.

Müller hat Verständnis für Verwunderung

Natürlich verstehe man die Verwunderung über die geöffneten Filialen, so eine Sprecherin von Müller am Donnerstag gegenüber dem SWR. Derzeit dürften alle Sortimente verkauft werden, da das Angebot überwiegend aus "systemrelevanten Artikeln" bestehe. Damit bezieht die Sprecherin sich auf einen bestimmten Absatz in der Corona-Verordnung: "Wenn Mischsortimente angeboten werden, dürfen Sortimentsteile, deren Verkauf nicht gestattet ist, verkauft werden, wenn der erlaubte Sortimentsteil überwiegt; diese Stellen dürfen dann alle Sortimente vertreiben, die sie gewöhnlich auch verkaufen." Dabei spielt laut Landeswirtschaftsministerium keine Rolle, worin der erlaubte Sortimentsteil überwiegt: in der Fläche oder im Umsatz.

Während des Frühjahr-Lockdowns sah die Lage noch anders aus. Damals durften die Müller-Filialen zunächst nur jene Bereiche für Kunden öffnen, in denen Artikel des täglichen Bedarfs verkauft wurden. Alle anderen mussten abgesperrt werden. Dagegen regte sich schnell Widerstand. So zog beispielsweise die Filiale in Biberach vor Gericht und erstritt sich die Erlaubnis zur vollständigen Öffnung. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass die Corona-Verordnung diesmal weniger streng formuliert ist.

Einzelhändler fordern "gleiches Recht für alle"

Als unfair empfinden das viele Einzelhändler, die selbst derzeit nichts verkaufen können. Zu ihnen gehört Claudia Bauer, Inhaberin eines Spielwarenladens in Ulm.

"Wir müssen schließen. Wir tun es brav. Müller nimmt sich alles raus."

Claudia Bauer, Besitzerin eines Spielwarenladens

Auch Iris Stier von Elektro Unseld reagiert mit Unverständnis. In dem Ulmer Geschäft werden Lampen verkauft, aber auch Lautsprecher und Videokonsolen - also Produkte, die es auch bei Müller gibt. "Gleiches Recht für alle", fordert sie. Viele Einzelhändler hätten gute Hygiene-Konzepte entwickelt und müssten trotzdem schließen.

Ähnlich in der Kritik wie Müller stand auch die Parfümeriekette Douglas, die einen Teil ihrer Filialen am Mittwoch zunächst - als Drogerien - geöffnet hatte. Mittlerweile ist das Unternehmen zurückgerudert. Es hat seine Filialen geschlossen und sich entschuldigt.

Abholdienste in anderen Bundesländern erlaubt

Die Kunden können aber nicht nur in den Müller-Filialen direkt einkaufen, sondern auch Artikel über den Onlineshop bestellen und vor Ort abholen. Ein weiteres Streitthema. Denn die Einzelhändler, die ihre Geschäfte schließen mussten, dürfen keinen Abholservice anbieten. Vor allem Ministerpräsident Kretschmann hatte auf diese Regel gedrungen. Der Lockdown dürfe jetzt nicht an "X Stellen aufgebohrt" werden, sagte er während einer hitzigen Diskussion mit Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) am Dienstag. Sie hatte sich für die Abholmöglichkeit stark gemacht. Auch der Handelsverband war über die Entscheidung verärgert.

Nicht alle Ministerpräsidenten haben derart harte Einschnitte vorgenommen. So sind Abholdienste beispielsweise in Baden-Württembergs Nachbarländern Rheinland-Pfalz und Hessen erlaubt. Und weil sich die Menschen nach wie vor frei zwischen verschiedenen Bundesländern bewegen dürfen, können sie einfach über die Grenze fahren und dort ihre gekauften Möbel oder Elektrogeräte einladen.

Verkaufsaktionen wie der "Black Friday" untersagt

Ebenfalls zulässig sind in Baden-Württemberg laut Landeswirtschaftsministerium wöchentliche Verkaufsaktionen, "die zum gewöhnlichen Geschäftsbetrieb gehören". Wirbt also ein Supermarkt oder Discounter in einem Prospekt für Weihnachtsdekoration, Kleidung oder Elektronik, stellt das keinen Verstoß dar. Verboten sind lediglich "besondere Verkaufsaktionen, die einen erheblich verstärkten Zustrom von Menschenmengen erwarten lassen", heißt es vom Ministerium dazu. Als Beispiel wird der "Black Friday" genannt.

Am ersten Tag des Lockdowns war es in Baden-Württembergs Innenstädten zwar deutlich ruhiger - aber nicht überall. Während in Mannheim und Heidelberg fast niemand unterwegs war, herrschte auf der Kaiserstraße inmitten von Karlsruhe noch recht viel Betrieb. Ob die verschärften Corona-Maßnahmen den gewünschten Effekt haben, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen.

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