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Jakob Fandrey (Foto: Privat)

Der Coronavirus-Lockdown seit Mitte Dezember setzt den Friseuren in Baden-Württemberg immer mehr zu. Während Forderungen nach Öffnungsperspektiven lauter werden, wehren sich immer mehr Friseure gegen Schwarzarbeit und verlockende Angebote.

Spätestens seit dem 16. Dezember wachsen und wachsen die Haare auf den Köpfen der Menschen in Baden-Württemberg: Der Lockdown zwingt seitdem tausende Friseurbetriebe im Land zur Schließung. Wann der Lockdown-Frisur der Garaus gemacht wird und die Läden für ihre Kunden wieder öffnen dürfen, ist offen. Gleichzeitig werden die Appelle der Branche immer lauter, den Lockdown zu beenden.

Der Fachverband Friseur und Kosmetik Baden-Württemberg forderte die Politik auf, den Betrieben spätestens am 15. Februar die Öffnung zu ermöglichen. Viele Betriebe stünden vor dem Aus, die finanziellen Reserven seien aufgebraucht und die versprochenen Hilfen seien nicht zielführend. "Was nützt uns eine Überbrückungshilfe, die nicht den ganzen Fluss überquert, sondern den letzten Stützpfeiler auslässt", so der Landesvorsitzende Herbert Gassert.

Kritik an der schleppenden Auszahlung versprochener Wirtschaftshilfen äußerte auch die Handwerkskammer Ulm. "Zwangsschließung, ohne dass Entschädigungen ankommen: das ist eine Mischung, die viele nicht aushalten. So kann es nicht einfach immer weiter und weiter gehen", so Präsident Joachim Krimmer.

Schließung im Lockdown für Friseurbetriebe "nicht verhältnismäßig"

In einem Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Sozialminister Manfred Lucha (beide Grüne) und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) mahnte die Handwerkskammer eine rasche Wiederöffnung an. Im Dezember habe man die Schließung wegen der kritischen Lage der Corona-Pandemie akzeptiert, jetzt sei sie nicht mehr verhältnismäßig, so die Verantwortlichen. Im Bereich der Handwerkskammer Ulm von der Ostalb bis zum Bodensee gibt es etwa 3.000 Friseur- und Kosmetikbetriebe mit rund 10.000 Beschäftigten. Auch die Handwerkskammer Heilbronn-Franken setzt sich für eine Wiedereröffnung spätestens ab Mitte Februar ein.

Eine Absage für weitere Lockerungen rund um die derzeit gültigen Corona-Verordnungen in Baden-Württemberg machte Ministerpräsident Kretschmann allerdings erst am Donnerstag deutlich. Angesichts der immer häufiger auftretenden Coronavirus-Mutationen in vielen Regionen des Landes sei die Überlegung, mehr zu lockern, vorerst gegenstandslos geworden, so der Grünen-Politiker anlässlich eines Pressestatements zum weiteren Vorgehen rund um die angedachte Öffnung von Kitas und Grundschulen.

Branche erkennt Boom in der Schwarzarbeit

Ungeachtet einer etwaigen Öffnungsperspektive für Friseurbetriebe im Land wachsen die Haare der Menschen immer weiter. Verantwortliche beklagen immer häufiger unmoralische Angebote, wenn es ums Haareschneiden geht. "Wir bekommen derzeit die abenteuerlichsten Anrufe, wie etwa: 'einmal Haare schneiden für fünfmal Schnee schippen', oder: 'Ich lad‘ dich gerne mal zu Kaffee und Kuchen ein – alleine darfst du ja kommen'", so Martina Otto und Evi Beller von der Friseurinnung Bodenseekreis. Energisch lehnen sie diese Form von Schwarzarbeit ab. Die Ansteckungsgefahr im privaten Umfeld sei viel zu hoch. So werde im privaten Umfeld oft nicht ausreichend desinfiziert, warnt die Friseurinnung.

Mit einer Plakataktion gegen Schwarzarbeit während des Corona-Lockdowns wollen sie jetzt gegen den Trend vorgehen. Sie werben mit dem Slogan: "Danke, dass Sie durchhalten! Wir schneiden nicht zu Hause". Hintergrund sei, dass sich immer mehr Menschen verbotenerweise von Friseuren die Haare zuhause schneiden lassen wollten. Das "Schwarzschneiden" schade jedoch der Existenz der Betriebe und verstoße gegen die Corona-Regeln. Die Friseurinnung Bodenseekreis trage Verantwortung für ihre Kunden und ihre Mitarbeiter. Man ermuntere die Kunden, zu dem nicht vorhandenen Haarschnitt zu stehen und mit einem neuen Look bis zum Ende des Corona-Lockdowns zu warten.

Plakat zur Aktion der Friseurinnung Bodenseekreis gegen illegales Haare schneiden (Foto: Friseurinnung Bodenseekreis)
Mit diesem Plakat will die Friseurinnung am Bodensee auf das Problem des boomenden Schwarzmarkts aufmerksam machen Friseurinnung Bodenseekreis

Der Karlsruher Friseur Franck Dollé beklagt ebenfalls den zunehmenden Trend, die Haare illegal schneiden zu lassen: "Wir erkennen doch die frischen Haarschnitte, die an unserem Salon vorbeilaufen", wird er im Blog der Friseurinnung Karlsruhe zitiert. Auch er berichtet von Anfragen, ob er nicht privat vorbeikommen könne. Doch dies komme für ihn nicht infrage.

Deutschlandweite Aktion im Zeichen der Existenzbedrohung

Gegen die Schwarzarbeit im privaten Umfeld positionieren sich immer mehr Betriebe auch in den sozialen Netzwerken. Hashtags wie "#RettetUnsFriseure" oder "#NurSicherbeimFriseur" trenden auf Twitter oder Instagram. Unzählige Friseure weisen auf die Gefahr des boomenden Schwarzmarktes hin. Online-Petionen für die Öffnung von Friseursalons gegen den Trend des illegalen Haareschneidens entgegen den Hygienebestimmungen erhalten zehntausende Unterstützer.

Aktion "Die Haare wachsen auch im Lockdown"

Deutschlandweit wollen Friseure vom 31. Januar auf den 1. Februar das Licht in ihren Betrieben anschalten: "Licht an, bevor es ganz ausgeht", heißt die Kampagne, die sich unter anderem auch gegen die Zunahme von Schwarzarbeit in der Branche zur Wehr setzt.

"Licht an, bevor es ganz ausgeht"

Sollte ein Friseur trotz des bundesweiten Verbots arbeiten, kann dies teuer werden. Im Bußgeldkatalog des Landes Baden-Württemberg zur Corona-Verordnung steht ein Regelsatz von 500 Euro. Der Landesfriseurverband hat angekündigt, selbst das Ordnungsamt zu informieren, sollten Verstöße bei ihm gemeldet werden.

Gestylte Fußball-Profis lösen Debatte aus

Zusätzliche Nahrung erhielt die Debatte vor wenigen Tagen, als die Frisuren von Profi-Fußballern ein Politikum auslösten. In einem offenen Brief an den Deutschen Fußball-Bund hatte der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks seinen Unmut über frischfrisierte Fußballprofis geäußert.  "Der Unmut gegenüber topgestylten Fußballern, und in der Folge Kundenanrufe, die zu Schwarzarbeit und Regelverstößen wie Hausbesuchen überreden wollen, wächst", hieß es in dem Schreiben.

Der Trainer des SC Freiburg, Christian Streich, hatte daraufhin seine Spieler vor der Corona-Kritik in Schutz genommen. "Wenn mich nicht alles täuscht, können sie sich selbst die Haare schneiden", hatte Streich gesagt. Der baden-württembergische Landesinnungsmeister Herbert Gassert hielt dies für eine Ausrede. Er sehe, ob eine Frisur professionell gemacht sei und sprach von einer Unverschämtheit den Friseuren gegenüber.

Im Video erklärt Christian Streich, wie er zur Debatte um das Styling seiner Profis steht

Hunderte Kilometer für einen Haarschnitt

Wie wichtig vielen Baden-Württembergern eine top gestylte Frisur auch in Zeiten des Lockdowns zu sein scheint, erkennt man beim Blick über die Ländergrenze. In Luxemburg dürfen Friseursalons weiter öffnen - in der Folge häufen sich die Terminanfragen aus Deutschland. Friseurin Anja Meyer aus Wasserbillig, wenige Meter hinter der deutsch-luxemburgischen Grenze, berichtet von Kunden, die hunderte Kilometer entfernt wohnen: "Jetzt ist es schon so, dass die Leute gezielt noch von viel weiter herkommen. Wir haben Anfragen, die aus dem Raum Köln, Bonn, Stuttgart wirklich zwei, drei Stunden Fahrt auf sich nehmen", so Meyer.

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