Lastwagen fahren bei einem LKW-Korso gegen Dumpingpreise bei Transport und Spedition auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Auf einem Banner ist zu lesen "R.I.P. (Ruhe in Frieden) Klein- und Mittelstand". (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Soeder - Montage: SWR)

BW-Logistikverband warnt

Lkw-Fahrer verzweifelt gesucht - Krise in Großbritannien ein Weckruf?

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Die Lieferkrise in Großbritannien könnte ein Weckruf sein. Nach Einschätzung des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg fehlen deutschlandweit bis zu 60.000 Lkw-Fahrer.

SWR Aktuell-Moderatorin Vanja Weingart hat mit Andrea Marongiu darüber gesprochen, welche Konsequenzen Deutschland aus der Lieferkrise in Großbritannien ziehen sollte. Marongiu ist Geschäftsführer des Verbands Spedition und Logistik (VSL) Baden-Württemberg.

Vanja Weingart, SWR Aktuell: Wie spürt Ihre Branche das Problem in Großbritannien im Moment?

Andrea Marongiu, VSL-Geschäftsführer: Was in Großbritannien passiert, ist ein extremes Beispiel. Das könnte uns auch bevorstehen. Wenn wir nicht gegensteuern, dann werden wir in Deutschland und auch im restlichen Europa - vielleicht sogar weltweit - das erleben, was Großbritannien gerade durchmacht.

Das heißt: auch in Deutschland und in der restlichen EU gibt es im Moment zu wenig Lkw-Fahrer?

Genau! Die Zahlen variieren zwischen 40.000 und 60.000, die allein in Deutschland fehlen. In Großbritannien spricht man von 100.000 Lkw-Fahrern. In anderen Ländern der EU sieht es ähnlich aus. Man wirbt sich gegenseitig die Fahrer ab. Das findet auch in Deutschland statt. Man zahlt höhere Gehälter. Das ist schon seit Jahren der Trend. Und es gibt auch sogenannte Kopfgelder, wenn jemand einen Kollegen in die Firma holt und ihn als Lkw-Fahrer anheuert.

Die Regierung in London hat Kurz-Visa angekündigt. Gibt es schon Abwerbeversuche von Seiten britischer Speditionen?

Nein, die gibt es nicht. Auch die Fahrer berichten nicht, dass sie angesprochen werden. Wobei das natürlich verlockend ist. Ich habe gehört, dass inzwischen die Gehälter in Großbritannien bei 6.000 Pfund liegen. Das sind 7.000 Euro - also ungefähr das doppelte, was hier in Deutschland bezahlt wird. Aber noch haben wir keine Klagen, dass deutsche Spediteure ihre Fahrer an britische Kollegen verlieren.

Was die Briten gerade machen, nämlich Visa für drei Monate anzubieten, sind aus unserer Sicht ganz klar Verzweiflungstaten. Aber wen wollen Sie damit locken, den sie erst vor ein paar Monaten vor die Tür gesetzt haben? Und jetzt sagen sie: Wir brauchen dich doch - aber nur für drei Monate bitte. Das wird gar nichts bringen.

Ursachen für den Lkw-Fahrer-Mangel in Großbritannien sind der Brexit und die Corona-Pandemie. Aber sie sagen, dass es auch in Deutschland dieses Problem schon länger gibt. Also wo sehen Sie ganz allgemein die Ursachen?

Schon vor der Pandemie hatten wir hier in Deutschland einen Lkw-Fahrer-Mangel. Und wir wussten, dass nach Corona genau das wieder an erster Stelle bei unseren Herausforderungen stehen würde.
Wir tun uns schwer, Nachwuchs für die Branche zu gewinnen. Warum ist das so? Wir machen regelmäßig Umfragen unter Fahrern. Das fängt bei der Bezahlung an, auch wenn sich das Thema inzwischen ein Stück weit erledigt, weil die Löhne hoch gegangen sind.

Wir haben aber immer noch ein immenses Problem mit dem Image und der Wertschätzung unserer Fahrer in der Bevölkerung. Während der Corona-Pandemie hatten wir mal eine Phase, in der die Lkw-Fahrer als Helden gefeiert wurden, die die Versorgung aufrechterhalten haben. Leider hat diese Phase nur ganz kurz angehalten. Heute sind die Fahrer wieder die Störenfriede, die zu langsam auf der Autobahn unterwegs sind.

Hinzu kommt, dass der Frauenanteil in der Branche bei weniger als zwei Prozent liegt. Wir können keine Frauen für diesen Job begeistern, solange sich die Situation auf unseren Straßen und vor allem auf den Parkplätzen, was die Übernachtung anbelangt, nicht ändert. Es wäre noch Potenzial vorhanden. Aber das zu heben, ist nicht einfach.

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