Könnte das Impfen bald wieder ganz normalen Unterricht ermöglichen? (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Matthias Balk)

Für benachteiligte Schülerinnen und Schüler

Nachholbedarf wegen Corona: Lernbrücken in BW gestartet - Zweifel an Wirkung

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Seit Montag können Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg dank der Lernbrücken versäumten Stoff nachholen. Doch erreichen die Schulen auch die, die Förderung am nötigsten haben?

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An 1.900 Standorten in Baden-Württemberg haben am Montag die sogenannten Lernbrücken begonnen. Mit dem Förderprogramm sollen benachteiligte Schülerinnen und Schüler auf das neue Schuljahr vorbereitet werden. Der Fokus liegt insbesondere auf den Kernfächern Mathematik, Deutsch und auf Fremdsprachen. Denn einige Schülerinnen und Schüler haben durch die coronabedingten Schulschließungen wichtigen Unterrichtsstoff verpasst.

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Gemeinschaftserlebnis nach Kontaktbeschränkungen wichtig

Eine der Schulen, die in den kommenden beiden Wochen der Sommerferien Lernbrücken anbieten, ist die Albrecht-Berblinger-Gemeinschaftsschule in Ulm. Man wolle den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit für einen guten Schulstart geben, wenn es im September wieder losgehe, so Direktor Stefan Schlögel gegenüber dem SWR. "Bei uns kann man jetzt eine ganze Menge an Stoff aufholen - etwa in Deutsch, Mathe und Englisch. Aber es geht auch darum, in Sport und Spiel wieder Gemeinschaft zu erfahren", sagte er. Es solle nicht nur streng gepaukt werden, vor allem sei das Gemeinschaftserlebnis nach den vergangenen Wochen der Kontaktbeschränkungen jetzt wichtig.

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Weniger Schüler bei Lernbrücken

In ganz Baden-Württemberg werden mehr als 6.000 Lehrerinnen und Lehrer die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen jeweils vier Stunden täglich unterrichten. Nach Angaben des Kultusministeriums sind darunter auch erstmals 600 angehende Lehrkräfte und 1.000 Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen. Insgesamt nehmen in diesem Jahr 54.000 Schülerinnen und Schüler an den Lernbrücken teil, 7.000 weniger als noch im vergangenen Jahr. 2020 hatte das Programm erstmals stattgefunden. Das Ministerium führt den Rückgang auf zusätzliche Förderprogramme zurück, wie "Lernen mit Rückenwind" im neuen Schuljahr.

Lernbrücken richten sich an benachteiligte Kinder und Jugendliche

Die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) betonte, dass sich die Förderung gezielt an diejenigen richte, die es nötig hätten. "Das ist in den Händen der Lehrkräfte, die ihre Schülerinnen und Schüler kennen", so Schopper. Lehrkräfte berichten, dass manche Schulkinder regelrecht abgetaucht seien. Zudem habe es in manchen Haushalten an Laptops oder Internetzugängen gefehlt. Die entsprechenden Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern wurden bereits vor den Ferien von den Lehrkräften angesprochen.

Doch gerade solche Kinder und Jugendliche in Corona-Zeiten zu erreichen, ist schwierig. Das zeigen zum Beispiel die Erfahrungen von Harald Schröder. Er leitet die Elly-Heuss-Knapp-Gesamtschule in Heilbronn. Rund 50 Kinder seien am Montag zu den Lernbrücken gekommen, von der Grundschule bis zur Mittelstufe, berichtet er. Einigen musste die Schule noch hinterher telefonieren. "Vielleicht sind sie nun doch mit den Eltern in den Urlaub gefahren oder haben jetzt doch keine Lust, die Ferien früher zu beenden", sagte Schröder. "Wir erreichen vor allem die Kinder, bei denen es den Eltern auch wichtig war, dass sie diese Förderung in Anspruch nehmen und das sind auch oft die Kinder, die dann auch sonst unterm Jahr eher von den Eltern motiviert werden, was für die Schule zu machen", bilanziert der Schulleiter. Demnach würden gerade die Kinder fehlen, an die sich das Angebot in erster Linie richtet.

GEW kritisiert "emotionale Entfremdung von Schule"

Das kritisiert unter anderem auch der Philologenverband: Wer es besonders nötig hätte, würde nicht kommen. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Monika Stein aus Freiburg, hält das Lernbrücken-Programm grundsätzlich für sinnvoll. Allerdings gebe es durch die Lernbrücken keine Hilfe für die pandemiebedingte emotionale Entfremdung von Schule und Mitschülern, so Stein. "Gerade die Jugendlichen, die in der Mittelstufe unterwegs waren, die sind ja zum Teil vier, fünf Monate am Stück nicht mehr in der Schule gewesen", sagte sie. Diese Kinder seien von ihrer Klassengemeinschaft entfremdet worden, teils habe es auch Probleme innerhalb von Familien gegeben. "Da muss viel aufgefangen werden. Aber das ist etwas, das gut ausgebildete Fachkräfte auffangen müssen", forderte die GEW-Vorsitzende.

Landesschülerbeirat: Nicht mit zwei Wochen Lernbrücken kompensierbar

Ähnlich wie Stein sieht das auch Elisabeth Schilli, Vorstandsmitglied im Landeschülerbeirat Baden-Württemberg. "Die Lücken sind ganz unterschiedlich. Viele beklagen sich bei MINT-Fächern (Anm.: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), genauso groß können aber die Lücken im emotionalen und sozialen Leben sein", sagte Schilli im Gespräch mit dem SWR. Mit zwei Wochen Lernbrücken könne man das auf keinen Fall kompensieren. Die Schülerinnen und Schüler seien gespannt, ob auch emotionale Aufholprogramme vorgesehen seien. "Wir können uns nicht ganz vorstellen, wie das aussieht", sagte sie.

Gewerkschaften: Viele Lehrer nicht von Lernbrücken überzeugt

Kritisiert wird außerdem von Seiten der Gewerkschaften, dass in diesem Jahr weniger Lehrkräfte teilnehmen. 2020 waren es mit 6.500 teilnehmenden Lehrkräften noch rund 500 mehr. Die Lehrergewerkschaften begründen das damit, dass das vergangene Schuljahr extrem anstrengend gewesen sei und auch die Lehrkräfte eine Pause bräuchten. Viele, die vergangenes Jahr dabei gewesen seien, seien auch nicht unbedingt vom Erfolg des Programms überzeugt, heißt es.

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