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Das Vorgehen sorgt bei Beteiligten, Verbänden und der Opposition seit langer Zeit für Kritik - doch Baden-Württemberg will daran festhalten, Lehrkräfte nach dem Referendariat in unbezahlte Sommerferien zu schicken.

Die neue Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) will an der Praxis festhalten, angehende Lehrkräfte nach ihrem Referendariat in unbezahlte Sommerferien zu schicken.

Die Ausbildung sei mit Ende des Vorbereitungsdienstes abgeschlossen, die Einstellung zum neuen Schuljahr erfolge davon unabhängig zum einheitlichen Termin im September. "Das ist ein regulärer Vorgang, der sich beim Referendariat für Juristen und bei zahlreichen anderen Berufsgruppen genauso verhält", so ein Ministeriumssprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Theresa Schopper (Grüne), Kultusministerin in Baden-Württemberg (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Pool | Uwe Anspach)
Theresa Schopper (Grüne), Kultusministerin von Baden-Württemberg picture alliance/dpa/dpa-Pool | Uwe Anspach

Praxis in Baden-Württemberg steht in der Kritik

Die Praxis sorgt immer wieder für Kritik von Lehrergewerkschaften und der Opposition. "Die neue Kultusministerin ist mit dem Versprechen angetreten, mit einem neuen Stil die Bildungspolitik in Baden-Württemberg zu gestalten", so die GEW-Landeschefin Monika Stein. Sie frage sich, warum Schopper den gefragten Nachwuchs nach der Ausbildung dann erst einmal in die Arbeitslosigkeit schicke. Stein rechnet nach eigenen Angaben mit bis zu 5.000 Betroffenen. Der Lehrerverband VBE forderte die Politik auf, zu verhindern, dass angehende Lehrkräfte in Nachbarländer abwanderten und das Land sie für teures Geld umsonst ausgebildet habe.

Der Bildungsexperte der FDP, Timm Kern, nannte das Agieren des Ministeriums "töricht". Gerade in der schwierigen Situation während der Pandemie verbiete sich die unwürdige Praxis, angehende und angestellte Lehrkräfte in die Sommer-Arbeitslosigkeit zu entlassen, so Kern. Der SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei sagte, die Schulen bräuchten die Lehrkräfte mehr als diese die Schulen.

Kultusministerium: "Angehende Lehrkräfte haben gute Perspektive"

Schon Schoppers Vorgängerin im Amt der Kultusministerin, Susanne Eisenmann (CDU), hatte es - aber mit Hinweis auf die Kosten - abgelehnt, das zu ändern. Das Kultusministerium verwies nun darauf, dass die große Mehrheit der Junglehrerinnen und Junglehrer wegen des hohen Bedarfs an Lehrkräften eine "sehr sichere und dauerhafte berufliche Perspektive" hätten.

Wenn sich die Referendarinnen und Referendare dafür entschieden, an den Lernbrücken in den Sommerferien ("Bridge the Gap") teilzunehmen, sei es in diesem wie im vergangenen Jahr möglich, schon zum 31. August in den Schuldienst übernommen zu werden.

Mehr über "Bridge the Gap" liefert dieser Beitrag aus dem Juni:

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Bei den etwa 3.500 Aushilfslehrkräften will sich das Land dagegen bemühen, zumindest einen Teil von ihnen künftig auch über die Sommerferien zu bezahlen. Im grün-schwarzen Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass zielorientiert geprüft werden soll, wie Lehrkräfte mit einem befristeten Vertrag, der bis zum jeweiligen Ende des Kalenderjahres geschlossen wurde, "in den folgenden Sommerferien weiterbezahlt werden können, sofern sie nach den Sommerferien wieder eingestellt werden".

Bei Aushilfslehrern will Baden-Württemberg Sommerferien bezahlen

Bei den Aushilfen handelt es sich um pensionierte Lehrerinnen und Lehrer, Menschen ohne ordentliche Lehramtsausbildung oder Lehrkräfte, die bewusst nur eine befristete Stelle gewählt haben, etwa weil diese ihrem Ortswunsch nicht entsprach, erläuterte das Ministerium. Die Hilfslehrer mit befristeten Verträgen werden gebraucht, um Ausfälle durch Krankheit oder Schwangerschaft auszugleichen.

Im Schuljahr 2019/2020 habe das Ministerium ein Programm gestartet, mit dem die Verträge von Menschen ohne anerkannte Lehramtsausbildung entfristet wurden, wenn diese schon mehrere Jahre erfolgreich gearbeitet haben. So seien mehr als 80 Lehrkräfte übernommen worden. Das Programm werde auch in diesem Jahr fortgesetzt.

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