Cannabis (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Oliver Berg)

Gefahr durch Cannabinoide

Mehr psychische Störungen wegen Cannabis - kann Legalisierung helfen?

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Katharina Fuß
SWR-Redakteurin Katharina Fuß (Foto: Fotoatelier M., Terzo Algeri)

Horrortrips, Depressionen: Immer mehr Menschen landen nach dem Konsum von Cannabis im Krankenhaus. Ist die geplante Legalisierung eine gute Idee?

Der Verkauf von Cannabis soll in Deutschland legal werden. Darauf hat sich die neue Bundesregierung geeinigt. Untersuchungen von Medizinerinnen und Medizinern an der Uniklinik in Ulm haben jetzt ergeben, dass immer mehr Cannabis-Konsumierende wegen psychischer Störungen behandelt werden. Probleme macht oft chemisch verunreinigtes Cannabis vom Schwarzmarkt.

Konsum von Cannabis hat auch in BW zugenommen

Laut bundesweiten Daten, die die Ulmer Mediziner ausgewertet haben, hat sich die Zahl der Cannabis-Patienten von 2000 bis 2018 fast versechsfacht. Diese Entwicklung bestätigte auch das baden-württembergische Sozialministerium auf SWR-Anfrage.

Joint mit Marihuana (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Die Suchthilfe in BW vermeldet einen Anstieg von Cannabis-Klientinnen und -Klienten. Picture Alliance

Auch die Zahlen der Landesstelle für Suchtfragen zeigen: Der Anteil der Menschen, die sich wegen Cannabiskonsums an eine Suchtberatungsstelle in Baden-Württemberg wenden, ist deutlich gestiegen. Waren 2010 noch 12,3 Prozent der Betreuungsfälle wegen Cannabis bei der Suchthilfe, waren es 2020 18,5 Prozent.

"Horrortrips können bis zu einer Woche dauern"

Für diese Entwicklung sieht der Mitautor der Ulmer Uniklinik-Studie, Maximilian Gahr, mehrere Gründe. Zum einen habe der Konsum von Cannabis allgemein zugenommen, vor allem bei den Jüngeren. Zum anderen würden aber auch viele Patienten vermehrt Cannabisprodukte konsumieren, die synthetische Cannabinoide enthalten. Diese seien gefährlich und könnten eher zu psychischen Krankheiten führen, sagt der Mediziner.

Nach dem Konsum von diesen Cannabinoiden bekämen viele Patientinnen und Patienten Psychosen, sogenannte Horrortrips. Diese könnten bis zu einer Woche andauern, so Gahr. Unter anderem hätten die Betroffenen dann Halluzinationen oder ständig das Gefühl, verfolgt zu werden.

Die Effekte nach dem Konsum von synthetischem Cannabis sind laut dem Mediziner stärker, die Gefahr der Abhängigkeit größer. Das berichten auch viele Konsumierende, die sich an die Partydrogen-Beratungsstelle Take in Stuttgart wenden. Take gehört zu dem Verein Release in Stuttgart, der Beratung und Hilfe bei Sucht- und Drogenthemen anbietet.

Die Konsumierenden erzählen uns von psychotischen oder paranoiden Zuständen. Außerdem haben sie Vergiftungserscheinungen, Übelkeit, Schwindel oder Sehstörungen und oft endet das im Krankenhaus.

Stuttgarter Beratungsstelle: Drug-Checking kann Drogentote verhindern

Die Organisation Take hofft deshalb, dass bald das sogenannte Drug-Checking in Baden-Württemberg eingeführt wird. "Die Konsumentinnen und Konsumenten müssen sich ja immer auf das Wort des Dealers verlassen, bei illegalen Drogen gibt es keinen Beipackzettel", so Nicole Lassmann von Take.

Beim Drug-Checking könne jeder prüfen lassen, ob in seinem Cannabis chemische Zusätze sind oder nicht. Damit könnten, hofft Lassmann, auch viele Drogentote in Deutschland verhindert werden.

Eine Probe von der synthetischen Droge "Spice" (Foto: IMAGO, IMAGO / Michael Schick)
LKA befürchtet, dass Drug-Checking den Drogenhandel unterstützen könnte. IMAGO / Michael Schick

Das Landeskriminalamt (LKA) in Baden-Württemberg sieht das Verfahren kritisch. Auf SWR-Anfrage hieß es, Drug-Checking sei keine Garantie dafür, dass der Konsumierende von den analysierten Drogen keine gesundheitlichen Schäden erleiden könne. Das LKA befürchtet, dass Drug-Checking den Drogenhandel unterstützen könnte, indem Dealer dann damit werben würden, dass ihre Ware "getestet" sei, heißt es in einer Stellungnahme.

Für die Beraterinnen von Take kein Argument. Wenn Drug-Checking möglich wäre, könne man viel mehr Drogen-Konsumentinnen und -Konsumenten erreichen und diese auch beraten und vor Schlimmerem bewahren, so Juliane Blanck.

Das könne man auch im Ausland beobachten. Daten aus der Schweiz zum Beispiel würden zeigen, dass beim Drug-Checking fast ein Viertel der analysierten Menge verunreinigte Substanzen gewesen seien. Dort habe es zum Beispiel bei der Street Parade in Zürich ein Zelt gegeben, in dem jeder seine Drogen testen lassen konnte. Das Ergebnis habe man sofort inklusive Beratung bekommen, erzählt Blanck.

Sozialministerium: Betäubungsmittelgesetz verhindert Drug-Checking

Sowohl die Bundesregierung als auch die Landesregierung haben Drug-Checking in ihrem Koalitionsvertrag verankert, bisher wurde dies aber noch nicht umgesetzt.

Auf SWR-Anfrage hieß es dazu vom baden-württembergischen Sozialministerium: "Derzeit scheitern Modellprojekte zum Drug-Checking in Deutschland an den Vorgaben des Betäubungsmittelgesetzes. Es wird geprüft, welche Wege am besten beschritten werden können, um die Entwicklung beim Drug-Checking zu befördern".

Chemische Assistentin untersucht Marihuana (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte)
Sowohl die Bundesregierung als auch die Landesregierung BW wollen Drug-Checking möglich machen. picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte

Der Ulmer Arzt Maximilian Gahr sieht die Umsetzung kritisch. Es wäre natürlich sehr wünschenswert, wenn Konsumenten schnell und kostengünstig herausfinden könnten, was in ihrem Cannabis enthalten ist. Das sei aber praktisch nicht umsetzbar und unrealistisch, so Gahr. Auch würde sich die Zusammensetzung der Cannabinoide fast täglich ändern, daher seien Analysen schwierig.

Es stimme zwar, dass sich die Zusammensetzung von synthetischen Drogen tagtäglich ändern würde, aber das sei kein Argument gegen Drug-Checking, heißt es von der Take-Beraterin aus Stuttgart. "Wenn man bei der Analyse der Drogen nicht sagen kann, was drin ist, ist das ja auch eine Aussage", so Nicole Lassmann.

Außerdem könne man dann mit einem Early-Warning-System arbeiten. "Wir könnten dann auf unserer Homepage schreiben: Achtung, da ist gerade im Raum Stuttgart eine völlig neue unbekannte Substanz im Umlauf und die sieht so aus", betont Lassmann.

Kann Legalisierung die Verbreitung von synthetischem Cannabis eindämmen?

Genauso wie das Drug-Checking hat der Bund beschlossen, den Verkauf von Cannabis zu legalisieren. Kann das vielleicht auch dazu führen, dass nicht mehr so viele synthetische Cannabinoide an die Konsumierenden geraten?

Die Landesstelle für Suchtfragen sagt "ja" und setzt sich für eine Entkriminalisierung von Cannabis ein. Auf der Homepage der Landesstelle heißt es: "Eine gesetzlich regulierte Bezugsmöglichkeit von Cannabis kann den Schwarzmarkthandel zurückdrängen. Durch eine kontrollierte Abgabe werde weitgehend das Angebot synthetischer Cannabinoide und Zumischungen anderer Substanzen verhindert".

Mann hält "Gebt das Hanf frei!"- Schild in seinen Händen bei Demo (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Daniel Bockwoldt)
Die Legalisierung von Cannabis kann den Schwarzmarkthandel zurückdrängen, glaubt die Landesstelle für Suchtfragen. picture alliance / dpa | Daniel Bockwoldt

Maximilian Gahr von der Uniklinik Ulm ist da gespaltener Meinung. Er sagt zwar, die Kriminalisierung von Cannabis verursache auch Schäden, da die Konsumenten ins Gefängnis kämen und dann als Abhängige nicht behandelt würden, warnt aber trotzdem vor der Legalisierung von Cannabis. Er befürchtet, dass dann noch mehr Menschen Cannabis konsumieren. Das habe man auch nach der Legalisierung in Kanada beobachten können, so Gahr.

"Der Schwarzmarkt wird durch die Legalisierung nicht verschwinden"

Eine große Gefahr sieht der Mediziner vor allem beim Cannabis-Konsum von Kindern und Jugendlichen. Für sie sei der Konsum ja trotz Legalisierung weiterhin verboten. Und diese würden dann, wie in Holland, weiter auf den Schwarzmarkt gehen und dort Cannabis kaufen. Hier habe man dann keine Kontrolle, welche Art von Cannabis sie dort erhalten.

Das sehen auf die Stuttgarter Partydrogen-Beraterinnen ähnlich. Neben den jungen Leuten, die bei einer Legalisierung nicht geschützt wären, gebe es auch viele Menschen, die sich legales Cannabis wahrscheinlich nicht leisten könnten, so Juliane Blanck. Es sei gut, dass eine bestimmte Gruppe dem Schwarzmarkt nicht mehr ausgesetzt sei, so müsse er sich umstellen, aber verschwinden, werde er durch die Legalisierung von Cannabis nicht.

Trotzdem befürworten die Take-Mitarbeiterinnen eine Legalisierung, da sie ihrer Meinung nach für einen überprüfbaren Jugendschutz sorgt, den es aktuell gar nicht gebe, anders als beim Alkohol. Eine Legalisierung von Cannabis alleine sei natürlich nicht das Allheilmittel, aber ein erster Schritt in die richtige Richtung, betont Nicole Lassmann.

Vor allem junge Menschen bei Suchthilfe in BW

Tatsächlich zeigen die aktuellen Zahlen: Gerade junge Menschen konsumieren Cannabis. Über 60 Prozent der Cannabis-Klientinnen und - Klienten in der Suchthilfe in Baden-Württemberg sind Jugendliche, Heranwachsende oder junge Erwachsene. Ähnliche Erfahrungswerte hat auch die Universitätsklinik in Ulm. Hier werden vor allem junge Männer behandelt.

Ein Mann raucht einen Joint. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Jörg Carstensen)
Vor allem junge Männer werden an der Uniklinik in Ulm wegen Cannabis-Konsums behandelt. picture alliance/dpa | Jörg Carstensen

Bei jüngeren Menschen kann Cannabis laut Experten im allgemeinen zu irreversiblen Schäden führen, zum Beispiel zur Veränderung der Hirnstruktur oder Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit.

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