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Die Zahlen der Corona-Infizierten in Baden-Württemberg steigen, mehrere Städte gelten als Hotspots der Pandemie. Für die Gesundheitsämter erhöht das den Druck - denn sie haben zu wenig Personal.

Sechs Bundeswehrsoldaten helfen seit Montag im Kreis Heilbronn, die Kontakte von Corona-Infizierten zurückzuverfolgen. Sie sollen das Gesundheitsamt unterstützen. Zwar hatten die Bundesländer vor einem halben Jahr versprochen, mehr Personal einzustellen, das ist aber nicht überall passiert. In Baden-Württemberg gibt es derzeit nur rund 1.520 Mitarbeiter, etwa 2.800 waren insgesamt geplant.

Arbeit der Gesundheitsämter "von zentraler Bedeutung"

Das Regierungspräsidium Stuttgart betont gegenüber dem SWR, dass die Arbeit der Gesundheitsämter "von zentraler Bedeutung" ist, um Infektionsketten zu unterbrechen. Im Frühjahr hatten laut baden-württembergischem Sozialministerium mehr Mitarbeiter für die Kontaktnachverfolgung zur Verfügung gestanden. Auch weil Personal aus anderen Bereichen der Landratsämter hinzugezogen wurde. Dieses sei aber zwischenzeitlich wieder zu seinen eigentlichen Aufgabengebieten zurückgekehrt, so ein Sprecher am Dienstag.

Nun sollen in mehreren Städten Soldaten zum Einsatz kommen. Auch im Hotspot Stuttgart soll die Bundeswehr ab Mittwoch unterstützen, in Heidelberg sind Soldaten angefordert und Studenten aufgefordert, sich zu melden. Im Kreis Esslingen helfen etwa 25 Mitarbeiter aus anderen Bereichen des Landratsamts sowie 14 Mitarbeiter der Kreissparkasse Nürtingen.

Verzögerungen bei der Kontaktnachverfolgung

Die hinzugezogenen Kräfte haben die gleichen Aufgaben wie die anderen Mitarbeiter der Gesundheitsämter: Wird eine Person positiv auf das Coronavirus getestet, muss geprüft werden, wen sie in den Tagen zuvor getroffen hat. Hat derjenige im Fußballverein trainiert, an einer Geburtstagsfeier teilgenommen oder war in einer Gaststätte? Haben die anderen Restaurantgäste ihre Kontaktdaten alle richtig angegeben? Die Arbeit der Gesundheitsämter wird laut Landessozialministerium auch dadurch erschwert, dass manche Infizierte nicht kooperieren wollen. Besonders aufwändig ist die Kontaktnachverfolgung, wenn Schüler oder Lehrer betroffen sind. Die Schulleitung meldet dies dem Gesundheitsamt und liefert eine Kontaktliste des Betroffenen - die in diesem Fall besonders lang ausfallen kann.

Seit die Corona-Fälle wieder steigen, kommt es bei der Kontaktnachverfolgung vielerorts zu Verzögerungen - so wie im Rhein-Neckar-Kreis. Bis Mitte beziehungsweise Ende vergangener Woche hätten seine Mitarbeiter die Kontakte von Corona-Infizierten noch relativ gut nachverfolgen können, sagte der Leiter des dortigen Gesundheitsamtes, Rainer Schwertz, dem SWR. Aber über das Wochenende hätten sie die steigenden Zahlen an Infizierten - mit sehr vielen Kontaktpersonen pro Fall - zurückgeworfen.

"Wir hecheln hinterher und haben zum Teil einen Zeitverzug von fast zwei Tagen. Die Situation ist sehr problematisch."

Wenn die Kontaktpersonen nicht wüssten, dass sie Kontaktperson seien, verhielten sie sich anders. Das sei schlecht, sagte Schwertz. "Denn wenn sie tatsächlich selbst mit Corona infiziert sind und wenige Symptome haben, könnten sie auch weitere Personen anstecken."

Vergangene Woche 17.000 enge Kontaktpersonen ermittelt

Bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr kam es zum Shutdown. Schulen, Restaurants und ein Großteil der Geschäfte waren geschlossen. Das gesellschaftliche Leben kam fast zum Stillstand, jetzt geht es dagegen - mit Einschränkungen - weiter. Die Zahl der ermittelten engen Kontaktpersonen von Corona-Infizierten ist laut Landessozialministerium vergangene Woche weiter gestiegen. Insgesamt seien es rund 17.000 Personen gewesen. Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) sprach am Montag in Heilbronn von einer "riesigen" Herausforderung. Er hatte die eingesetzten Soldaten besucht. Im Frühjahr hätte ein Corona-Infizierter vielleicht acht Kontakte gehabt, heute seien es 80, so Strobl.

Bund und Land planen zusätzliche Stellen

Um dieser Herausforderung gewachsen zu sein, planen Bund und Land die Stellen im öffentlichen Dienst weiter aufzustocken. Bis zum Jahr 2026 stehen bundesweit insgesamt vier Milliarden Euro zur verbesserten personellen und digitalen Ausstattung der Gesundheitsämter zur Verfügung. In Baden-Württemberg sollen laut Sozialministerium vorübergehend bis zu 750 weitere Stellen für Ärzte und Verwaltungsmitarbeiter daraus finanziert werden können. Für die ersten rund 100 Stellen seien bereits die Bewerbungen gesichtet und die Auswahlgespräche begonnen worden, so ein Sprecher.

Landkreistag bemängelt "Zettelwirtschaft"

Auch in Sachen Digitalisierung ist das Geld bitter nötig - gerade in Zeiten der Corona-Pandemie. Denn bei diesem Thema gebe es kaum Fortschritte, so der Präsident des Landkreistags, Joachim Walter (CDU), am Montag. "Die Zettelwirtschaft muss ein Ende haben." Er fordert einen verbindlichen Plan, wie das Gesundheitswesen im Land digitaler werden kann. Bis dieser umgesetzt ist, kann es aber noch dauern.

Derweil ist man in Heilbronn "sehr froh" über die Unterstützung der Bundeswehrsoldaten bei der Kontaktnachverfolgung. Wegen der steigenden Corona-Fälle sei es wichtig, "die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zu behalten", so Landrat Detlef Piepenburg. Dafür brauche es derzeit mehr Personal. Vorerst sollen die Soldaten drei Wochen bleiben. Möglicherweise auch länger, wenn die Lage es erfordert.

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