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Helfen verkürzte Ferien, um wegen der Corona-Pandemie verpassten Unterricht in Baden-Württemberg wieder aufzuholen? Ministerpräsident Kretschmann hält dies für denkbar, will aber Eltern und Lehrkräfte befragen

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat sich nach seinen Überlegungen zu verkürzten Sommerferien gegen Kritik verteidigt. "Da habe ich laut gedacht", sagte er dem SWR. "Das sollte man als Ministerpräsident übrigens nie machen." Man müsse zunächst die Eltern und Lehrkräfte "intensiv befragen", welche Möglichkeiten es gebe, abgehängte Schülerinnen und Schüler wieder auf Stand zu bringen. Die Verkürzung der Sommerferien sei dabei nur eine Überlegung von vielen. Man werde das sorgfältig mit den Betroffenen diskutieren. "Ich bin da ganz offen", so Kretschmann.

Kretschmann: Benötigen zielgerichtete Förderung

Dem "Mannheimer Morgen". hatte Kretschmann gesagt, "Man könnte an den Ferien ein bisschen was abknapsen, um Unterrichtsstoff nachzuholen." Zur Behebung der Defizite brauche es auch zusätzliche Betreuungsangebote und Sonderprogramme. "Es muss dabei um eine zielgerichtete Förderung gehen und wir müssen die erreichen, die es auch wirklich brauchen", so der Ministerpräsident. Es könnten tiefe Schäden in der Bildung und der Psyche der Kinder entstanden sein, gab er zu bedenken. "Wir müssen uns verstärkt um diese Kinder kümmern, wenn der Unterricht wieder normal läuft. Das wird eine große Aufgabe."

Ifo-Präsident Fuest für Verkürzung der Sommerferien

Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, hat sich ganz konkret für verkürzte Sommerferien ausgesprochen. Der anhaltende Ausfall des Schulunterrichts habe massive, messbare Auswirkungen auf Lebenszeiteinkommen. Es bestehe die Gefahr, dass die Kluft zwischen Gut- und Schlechtausgebildeten sich noch vertiefen werde. "Das werden wir gar nicht ausgleichen können", so Fuest. Notwendig seien besonders Programme für Kinder aus bildungsfernen Haushalten.

Kultusministerium gegen Ferien-Vorschalg

Auf Ablehnung stößt der Vorschlag im baden-württembergischen Kultusministerium. Dies sei nicht der richtige Weg, um pandemiebedingte Lerndefizite aufzuholen. "Wir sollten nicht ein Problem lösen, indem wir neue Probleme schaffen", sagte eine Sprecherin von Ministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Donnerstag.

Bildungsgewerkschaft: "Kürzere Ferien nützen wenig"

Die Gewerkschaft für Bildung und Erziehung (GEW) hält den Vorschlag des Ministerpräsidenten für "zu kurz gedacht". "Allen muss klar sein, dass die Corona-Pandemie die Schulen noch prägen wird, wenn hoffentlich fast alle geimpft sind und alle Schülerinnen und Schüler wieder in zu vollen Klassen ohne Abstand sitzen können", ließ die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein mitteilen. Aus diesem Grund brauche es Förderkonzepte für die kommenden Schuljahre und mehr Personal.

Stein sagte weiter: "Nach den vielen unnötigen Corona-Debatten dieser Landesregierung über Schulöffnungen, Wechselunterricht und zusätzliche Ferientage könnte die Regierung Kretschmann jetzt noch einmal Mut und Weitsicht beweisen und die Finanzierung von Pädagogischen Assistenzen und zusätzlichen Stellen für Lehrkräfte für das nächste Schuljahr beschließen." Im Juli würden wieder tausende Bewerberinnen und Bewerber vor allem für Gymnasien keine Stelle erhalten, obwohl man sie in den Klassenzimmern dringend brauchen könne, so Stein.

VBE: Kretschmann-Vorschlag "unverschämt"

Für seinen Vorschlag wurde Kretschmann auch vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) scharf kritisiert. "Es zeigt, wie viel Ahnung der Ministerpräsident von der schulischen Realität hat", sagte Vize-Chef Dirk Lederle. Die Lehrkräfte und die allermeisten Schüler seien hart am Arbeiten, auch in der schulfreien Zeit. Der VBE erklärte, der Schulalltag mit Fernlernunterricht, Präsenzunterricht und Notbetreuung stelle für die Lehrkräfte eine enorme Dreifachbelastung dar. "Vor diesem Hintergrund wäre eine Kürzung der Sommerferien nicht nur unverschämt, sondern eine grob fahrlässige Verletzung der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers."

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