Schülerinnen und Schüler mit Maske in einem Klassenzimmer. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/KEYSTONE | Georgios Kefalas)

Nach Bund-Länder-Gesprächen

Landeselternbeirat kritisiert geplante Impfung von Kindern ohne Stiko-Empfehlung

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Ab dem 7. Juni sollen Kinder ab zwölf Jahren geimpft werden können. Diesen Beschluss des Impfgipfels kritisiert unter anderem der Landeselternbeirat Baden-Württemberg: So entstehe Druck auf Kinder und Eltern.

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Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren sollen sich auch in Baden-Württemberg ab 7. Juni um einen Corona-Impftermin bemühen können, insbesondere in Praxen. Das hatten Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nach den Beratungen mit den anderen Ländern und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag in Aussicht gestellt.

Nun hat auch die EU-Arzneimittelbehörde EMA grünes Licht für die Zulassung des Corona-Impfstoffs der Hersteller Biontech und Pfizer für Kinder ab zwölf Jahren gegeben. Das teilte die EMA am Freitag in Amsterdam mit. Es ist der erste Impfstoff in der EU, der auch für Menschen unter 16 empfohlen wird. Die EU-Kommission muss der Erweiterung der Zulassung noch zustimmen. Das aber gilt als Formsache.

Stiko zuvor zurückhaltend bei Impf-Empfehlung für Kinder

Die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland hatte jedoch bereits am Donnerstag angedeutet, dass sie möglicherweise auch im Fall einer EMA-Zulassung keine allgemeine Impfempfehlung für alle Kinder geben wolle, sondern nur für vorerkrankte Kinder.

Die Stiko habe Probleme mit einer generellen Impfempfehlung für Kinder, nicht nur die Kinder mit Vorerkrankungen, hatte der Ulmer Stiko-Chef Thomas Mertens am Donnerstagabend dem SWR gesagt. "Dazu muss geklärt sein, welchen gesundheitlichen Nutzen die Kinder selber von einer Impfung haben." In den Zulassungsstudien seien nur 1.100 Kinder geimpft worden, sie seien lediglich zwei Monate nachbeobachtet worden. Es gebe einen Bedarf an zusätzlichen Daten, sagte der Virologe. Wie immer werde die Stiko ihre Empfehlung anpassen, wenn entsprechende Daten vorlägen.

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Geplanter Impfstart vor den Sommerferien

Ein sicherer Schulbetrieb soll unabhängig davon gewährleistet werden, wie viele Schülerinnen und Schüler ein Impfangebot wahrnehmen. Baden-Württemberg hatte vor dem Impfgipfel betont, noch vor den Sommerferien mit den Corona-Impfungen bei Schülerinnen und Schülern beginnen zu wollen.

Dies sei politisch gewollt, damit die Schülerinnen und Schüler im neuen Schuljahr in den Präsenzunterricht zurückkehren könnten, hieß es dazu aus Regierungskreisen. Begrenzender Faktor sei aber nach wie vor der Mangel an Impfstoff. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) betonte nach dem Impfgipfel gegenüber dem SWR:

"Wenn zu wenig Impfstoff da ist, ist das misslich, und das ist der Fall. Das wird leider auch in diesem Quartal noch so bleiben, dass wir nicht genügend Impfstoff haben. Daran können wir als Länder aber nichts ändern."

Landeselternbeirat kritisiert Pläne zu Kinder-Impfungen

Die Entscheidung der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder stieß auch auf Kritik, unter anderem beim Landeselternbeirat Baden-Württemberg. Dessen Vorsitzender Michael Mittelstaedt zeigte sich im Gespräch mit dem SWR erstaunt: Bisher sei man sich in der Politik immer einig gewesen, Impfungen nur nach einer Empfehlung der Stiko zu forcieren, so Mittelstaedt. Es sei nicht richtig, bezüglich der Impfentscheidung nun Druck auf Eltern und Kinder auszuüben; diese hätten ohne Stiko-Empfehlung keine objektiven Kriterien. Stattdessen entstehe Gruppendruck durch Gesellschaft, Regierung und Mitschüler. Die Impfentscheidung dürfe am Ende nicht über den Zugang zu Bildung entscheiden oder Einfluss darauf haben, sagte Mittelstaedt.

Auch die Intensivmedizinerinnen und -mediziner sprechen gegen eine vorrangige Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen aus. "Kinder erkranken häufig asymptomatisch oder im Verlauf harmlos und haben deshalb derzeit bei knappen Impfstoffkapazitäten keine dringliche Indikation für eine Impfung", sagte der Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Florian Hoffmann, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Es gebe derzeit in Deutschland noch fast 30 Millionen Erwachsene zu impfen. "Im Sinne der Intensivbetten-Kapazitäten haben erwachsene Patienten bei der Impfung also weiterhin höchste Priorität, da diese ein relevantes Risiko eines intensivpflichtigen Verlaufs haben", sagte Hoffmann.

Ähnlich argumentierte der Deutsche Städtetag, der sich enttäuscht von den Beschlüssen beim Impfgipfel zeigte. Grundsätzlich sei es eine gute Sache, Schülerinnen und Schülern die Impfung zu ermöglichen, sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Der Impfstoff ist aber im Moment so knapp, dass er gerade einmal für die Zweitimpfungen reicht." Man müsse klar und ehrlich sagen, dass es noch Wochen dauere, bis jeder geimpft werden könne, der das wolle. "Denn enttäuschte Hoffnungen kosten Vertrauen", so Dedy.

Hausärzteverband: Zurückhalten von Impfdosen "absurd"

Der Deutsche Hausärzteverband fordert dagegen, die Rückkehr zum gesellschaftlichen Leben von Kindern und Jugendlichen nicht von den Impfungen abhängig zu machen. "Es waren die Kinder und Jugendlichen, die ihre Freiheiten über ein Jahr für den Schutz der Älteren zurückgestellt haben," sagte Ulrich Weigeldt, der Vorsitzende des Hausärzteverbands, der "Rheinischen Post". "Nun liegt es an den Erwachsenen, Solidarität zu zeigen und alles daran zu setzen, ihnen schnellstmöglich ihre Rechte zurückzugeben." Zugleich kritisierte er die vorsorgliche Zurückhaltung von Impfdosen für Kinder und Jugendliche. "Aktuell fehlt für diese Altersgruppe sowohl die Zulassung als auch die Empfehlung. Unter diesem Gesichtspunkt ist es völlig absurd, Impfdosen zurückzuhalten, anstatt sie sofort zu verimpfen."

Bundesbildungsministerin: Vorerkrankte Kinder impfen

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat sich dafür ausgesprochen, dass zumindest vorerkrankten Kindern bis zum Schuljahresbeginn ein Impfangebot unterbreitet wird. "Selbst wenn die Stiko, wie einige ihrer Mitglieder angedeutet haben, die Empfehlung geben würde, zum Beispiel nur vorerkrankte Kinder zu impfen, würde dies dem Gesundheitsschutz dieser Gruppe sehr dienen", sagte Karliczek dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Sie könnten dann trotz der Vorerkrankung wieder in ihren Alltag zurückkehren, so Karliczek. Auch dies würde den Schulalltag nach den Sommerferien erleichtern, denn damit wäre eine weitere Risikogruppe geschützt.

Kretschmann: Angebot bis September für alle Impfberechtigten

Ministerpräsident Kretschmann nimmt an, dass bis September alle impfberechtigten Bürgerinnen und Bürger ein Impfangebot erhalten werden. Er verteidigte zudem die aktuelle Impfstrategie: "Es sind schon über 40 Prozent der Deutschen zum ersten Mal geimpft. Also das geht jetzt schon schneller. Aber wir haben noch keine Impfstoffe im Überfluss."

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nach dem Impfgipfel von Bund und Ländern im SWR-Interview. (Foto: SWR)
Kretschmann betonte nach dem Impfgipfel in Berlin: Am Impfstoffmangel könnten die Länder nichts ändern.

Kein neuer Verteilschlüssel für Impfstoffe

Baden-Württemberg hatte sich beim Bund zudem über die Verteilung des Corona-Impfstoffes auf die Bundesländer beschwert. Man habe bis einschließlich vergangener Woche rund 95.000 Dosen Impfstoff weniger bekommen, als dem Land gemäß Bevölkerungsschlüssel zustünden, teilte ein Sprecher des Sozialministeriums am Donnerstag mit. Dies gehe aus einem Bericht des Paul-Ehrlich-Instituts hervor.

An dieser Verteilung des Impfstoffs auf die Bundesländer soll sich laut Kretschmann aber nichts ändern. Darüber sei in der Runde während des Impfgipfels nicht debattiert worden.

SWR-Korrespondentin Dagmar Seitzer spricht im Interview über die Ergebnisse des Impfgipfels in Berlin:

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