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"Lehrer*innen", "Schüler_innen", "Radfahrende" - Ministerpräsident Kretschmann sieht Vorschriften sogenannter geschlechtergerechter Sprache kritisch. Er will sich nicht den Mund verbieten lassen. Eine Ausnahme macht er dennoch.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist strikt gegen Vorschriften für eine geschlechtergerechte Sprache. Er wollte sich den Mund nicht von "Sprachpolizisten" verbieten lassen, sagte er am Wochenende in Stuttgart.

Skepsis gegenüber "überspanntem Sprachgehabe"

Auch wenn viele Behörden, Hochschulen und Organisationen längst verbindliche Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache entwickelt haben: Den Trend zu sprachlicher und politischer Korrektheit beobachtet der Regierungschef mit großer Skepsis: "Natürlich müssen wir darauf achten, dass wir in unserer Sprache niemanden verletzen, und Sprache formt unser Denken ein Stück weit", so Kretschmann.

"Jeder soll noch so reden können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Von diesem ganzen überspannten Sprachgehabe halte ich nichts."

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne)

"Verwechslung von Genus und Sexus"

Der Grünen-Politiker räumte ein, dass es ihm nicht leichtfalle, stets auch die weibliche Form zu nennen, wenn er etwa von "Zuschauern und Zuschauerinnen" spreche oder von "Polizisten und Polizistinnen". "Mit der Verwechslung von Genus und Sexus kann ich gar nichts anfangen, beuge mich aber zu einem gewissen Grad diesem Trend."

Ministerpräsident Kretschmann bei einer Regierungspressekonferenz (Foto: SWR)
Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist strikt gegen Vorschriften für eine geschlechtergerechte Sprache.

Genus bezeichnet das grammatische Geschlecht, Sexus das biologische. Viele Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache empfehlen zum Beispiel, grammatisch männliche Formen wie "Lehrer" nur noch für auch biologisch männliche Lehrer zu verwenden.

Umfrage zur Einstellung der Bevölkerung

Glaubt man einer aktuellen Umfrage im Mai dieses Jahres, hat Kretschmann mit seiner Kritik durchaus die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. In der Befragung des Marktforschungsinstitutes Infratest dimap mit der Zeitung "Welt am Sonntag", wie man zu Konstruktionen wie "WählerInnen" und "Zuhörenden" im öffentlichen Sprachgebrauch steht, gaben 56 Prozent der Befragten an, diese "eher" oder "voll und ganz" abzulehnen. Auch die Mehrheit der Frauen ist kritisch, allerdings mit 52 Prozent nur knapp.

Kritik von anderen Grünen-Politikern

Vor allem in den eigenen Reihen macht sich der Regierungschef mit seiner Wortwahl nicht nur Freunde: "Winfried, niemand will, dass du dich jetzt Kretschfrau nennst aber mal ehrlich, 'Sprachpolizei' und 'Tugendterror' tragen nicht zu einer sachlichen Debatte bei (die aber echt hilfreich wäre)", twitterte der Grünen-Landtagsabgeordnete Alexander Salomon aus Karlsruhe. Die Vize-Bundesvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin der Grünen, Ricarda Lang, kritisierte, Sprache verändere sich und darüber könne man diskutieren. "Aber dann doch bitte auf einem sachlicheren Niveau als 'Sprachpolizei' und 'Tugendterror'. Meine Güte."

Auch bei der SPD kamen Kretschmanns Äußerungen nicht gut an. "Nicht jeder ist für Zukunft gemacht (...) Respekt anderen Menschen gegenüber sollte für uns alle Richtschnur sein", kritisierte beispielsweise der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Jonas Weber über Twitter.

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Es diskutieren:
Dr. Kathrin Kunkel-Razum - Leiterin der Dudenredaktion
Prof. Dr. Werner Patzelt - Politikwissenschaftler, TU Dresden
Iris Radisch - Literaturkritikerin und Leiterin des Zeit-Feuilletons
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